Volkswagen-Manipulationen in den USA VW, Toyota, GM - wenn Autoriesen gegen die Wand fahren

VW Golf im Crashtest: Welchen Schaden wird der VW-Konzern aus dem Manipulationsskandal davontragen?

VW Golf im Crashtest: Welchen Schaden wird der VW-Konzern aus dem Manipulationsskandal davontragen?

Foto: VW

Ein Kurssturz um mehr als 20 Prozent an einem Tag, ein Börsenwert von etwa 16 Milliarden Euro, der sich binnen Stunden in Luft auflöst, dazu erste Forderungen nach einem Rücktritt des Konzernchefs Martin Winterkorn, der sich erst kürzlich im Hahnenkampf mit Auto-Altmeister Ferdinand Piëch so beeindruckend behauptet hatte - ein Beben, wie es Volkswagen  in diesen Tagen erlebt, kommt in der Wirtschaft nicht allzu häufig vor.

Einmalig ist es aber nicht. Allein im deutschen Aktienindex Dax  hat es in der Vergangenheit heftigere Einbrüche gegeben. Die Aktie des Kaliherstellers K+S etwa rutschte im Juli 2013 binnen eines Tages um fast 24 Prozent ab, weil Anleger einen Preiskampf auf dem Kali-Markt befürchteten.

Noch heftiger erwischte es im August 2002 den Finanzdienstleister MLP , seinerzeit ebenfalls Mitglied des Leitindex. Das Unternehmen verlor innerhalb von 24 Stunden die Hälfte seines Börsenwerts. Hintergrund war ein Bilanzskandal, der das Papier in jenen Monaten um insgesamt 90 Prozent einbrechen ließ.

Fotostrecke

Dirty Diesel: Acht Gründe, warum der Abgasskandal eine Katastrophe für VW ist

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Doch auch wenn der Kursrutsch, den die Volkswagen-Aktie an diesem Montag hinlegt, keinen Superlativ rechtfertigt: Die Ereignisse, die ihn ausgelöst haben, wiegen allemal schwerer, als bei den genannten Beispielen. Mit dem Volkswagen-Konzern hat kein geringerer als Europas größter Autohersteller, der sich anschickt, die Weltspitze zu erklimmen, bewusste Manipulation an den Abgaswerten hunderttausender Dieselfahrzeuge in den USA eingeräumt.

Das Unternehmen muss daher mit einer Strafe im zweistelligen Milliarden-Dollar-Bereich rechnen, von möglichen zivilrechtlichen Forderungen betroffener Autofahrer oder VW-Aktionäre sowie vor allem vom Imageschaden und den möglichen Folgen für das künftige Geschäft ganz zu schweigen.

Angesichts dieser Perspektive von einer Krise zu sprechen, in der sich Volkswagen nun befindet, scheint noch untertrieben. Schon jetzt ist wohl klar: Der Konzern wird lange und hart arbeiten müssen, um sich aus dieser selbstverschuldeten Bredouille wieder zu befreien.

Toyota - nach dem Albtraum zurück an die Weltspitze

Doch auch dafür gibt es Vorbilder - selbst in der Autoindustrie. Das prominenteste Beispiel ist wohl Toyota . Der japanische Konzern hatte sich gerade zum größten Autobauer der Welt gemausert, als Anfang 2010 sein vor allem amerikanischer Albtraum begann. Wegen angeblich klemmender Gaspedale musste das Unternehmen mehrere Millionen Fahrzeuge zurückrufen. Berichte machten die Runde, aufgrund des angeblichen Defekts habe es bereits hunderte Unfälle gegeben, mit mehreren Dutzend Toten.

Als Konsequenz wurde in den USA sogar der Verkauf bestimmter Toyota-Modelle gestoppt. Und ähnlich wie Volkswagen sollte auch Toyota Mängel vertuscht und die Öffentlichkeit belogen haben.

Und damit nicht genug: Kurze Zeit später musste Toyota noch einmal mehrere Hunderttausend Autos zurückrufen, diesmal wegen Problemen mit der Bremsung. Spätestens damit hatten die Japaner, die jahrelang als führend bei der Qualität gegolten hatten, zusätzlich zu den technischen und juristischen Querelen auch noch ein massives Imageproblem.

Die wirtschaftlichen Folgen für das Unternehmen blieben nicht aus. Hatte Toyota 2009 auf dem US-amerikanischen Markt noch 1,77 Millionen Fahrzeuge verkauft, so waren es 2011 nur noch 1,64 Millionen. Der Gesamtmarkt in den Vereinigten Staaten legte zur gleichen Zeit - der Lehman-Schock und die Wirtschaftskrise waren gerade leidlich überstanden - von 10,4 Millionen auf 12,8 Millionen verkauften Autos zu.

Toyotas Börsenwert hat sich inzwischen verdoppelt

Zu allem Überfluss wurde der japanische Autoriese 2011 auch noch vom schweren Erdbeben, das Japan im März des Jahres erschütterte, und dem darauf folgenden Tsunami hart getroffen. Einige Fabriken mussten zeitweise stillgelegt werden, der Gewinn brach massiv ein.

Klar, dass sich all das auch am Aktienkurs ablesen lässt. Allein zwischen dem 21. Januar und dem 4. Februar 2010 stürzte das Papier im hiesigen Handel von 32 Euro auf 26,20 Euro - ein Minus von fast 20 Prozent innerhalb von lediglich zehn Handelstagen. Der Börsenwert des Konzerns schrumpfte 2011 gegenüber 2010 um etwa zehn Milliarden Euro und damit um mehr als 10 Prozent.

Fotostrecke

Dirty Diesel: Acht Gründe, warum der Abgasskandal eine Katastrophe für VW ist

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Die gute Nachricht lautet jedoch: Toyota hat sich inzwischen wieder mehr als berappelt. Im vergangenen Jahr stimmte der Konzern in den USA einer Zahlung von 1,2 Milliarden Dollar Strafe zu und dürfte damit juristisch einen Schlussstrich unter die Affäre gezogen haben. Zuvor hatte Toyota als Konsequenz aus der Rückrufwelle bereits sein Qualitätsmanagement komplett umstrukturiert, was kurioserweise zu noch mehr Rückrufen seitens des Konzerns führte, weil dies Teil der Qualitätssicherung ist.

Schon im ersten Halbjahr 2012 war Toyota mit knapp fünf Millionen verkauften Autos weltweit wieder die Nummer eins. In den USA brachte der Konzern in jenem Jahr insgesamt knapp 2,1 Millionen Fahrzeuge an den Mann oder die Frau. Gegenüber dem Vorjahr bedeutete das ein Plus von beinahe 30 Prozent im US-Absatz. Zum Vergleich: Der gesamte US-Automarkt legte gleichzeitig um lediglich rund 13 Prozent zu.

Das Comeback Toyotas lässt sich auch am Aktienkurs ablesen. Das Papier notierte im März dieses Jahres auf dem Höchstkurs von mehr als 66 Euro. Der Börsenwert des Autobauers hat sich gegenüber der Krise 2010/2011 damit bis heute ungefähr verdoppelt.

General Motors - mit Milliarden vom Staat durch die Insolvenz

Fotostrecke

Dirty Diesel: Acht Gründe, warum der Abgasskandal eine Katastrophe für VW ist

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Eine ziemlich schwere Zeit hat zudem auch der dritte Autobauer an der Weltspitze, der US-Konzern General Motors (GM) durchlebt. Der Konzern versäumte es Anfang der 2000er Jahre zunehmend, die Kosten im Griff zu behalten. Außerdem wurde die Produktepalette nicht den Vorlieben der Käufer angepasst. Statt spritsparender, umweltfreundlicherer Fahrzeuge baute GM unbeirrt immer weiter seine bulligen Geländewagen und Pick-ups.

Die Folge: Die Absätze erodierten, der Konzern rutschte zunehmend in die roten Zahlen. 2007 standen mehr als 180 Milliarden Dollar Schulden in der GM-Bilanz. Mit der Lehman-Pleite und der darauf folgenden Weltwirtschaftskrise war der Absturz nicht mehr aufzuhalten: Am 1. Juni 2009 stellte GM einen Antrag auf Insolvenz. Die Aktie war zu dem Zeitpunkt binnen weniger als zwei Jahren von mehr als 40 Dollar auf weniger als einen Dollar gefallen.

Doch auch GM gelang der Wiederaufstieg. Mit Milliardenhilfen von Seiten der US-Regierung und einer grundlegenden Sanierung wurde das Unternehmen wieder auf Vordermann gebracht. Unter anderem trennte sich GM von der maroden schwedischen Tochter Saab. Andere Marken wie die schweren Hummer-Geländewagen oder das US-Traditionslabel Pontiac wurden aufgegeben.

2013 und 2014 verkaufte General Motors weltweit wieder jeweils beinahe zehn Millionen Autos. 2014 sorgte der Konzern allerdings noch einmal für negative Schlagzeilen: GM musste 2,6 Millionen Fahrzeuge wegen defekter Zündschlösser zurückrufen. Später gab das Unternehmen bekannt, für rund 80 Todesfälle und etwa 150 nicht tödliche Unfälle, die es wegen der Zündschlossprobleme gegeben hatte, Entschädigungen zahlen zu wollen.

Dennoch: Die Amerikaner sind Toyota und Volkswagen, die zuletzt jeweils etwas mehr als zehn Millionen Autos im Jahr absetzten, dicht auf den Fersen. Man darf gespannt sein, wie das Rennen um die höchsten Verkaufszahlen weltweit nach den Ereignissen dieser Tage in diesem Jahr ausgeht.

Hier geht es zum VOLKSWAGEN-LIVE-TICKER

Das könnte Sie auch interessieren:
Unsere Börsenseite: Hier sehen Sie Dax und Dow in Echtzeit