Mittwoch, 26. Juni 2019

Volkswagen-Manipulationen in den USA VW, Toyota, GM - wenn Autoriesen gegen die Wand fahren

VW Golf im Crashtest: Welchen Schaden wird der VW-Konzern aus dem Manipulationsskandal davontragen?

Supergau für Volkswagen-Chef Martin Winterkorn: Sein Unternehmen hat jahrelang falsche Angaben zum Abgasausstoß seiner Fahrzeuge in den USA gemacht. Etwa 500.000 Autos müssen zurückgerufen werden, es droht eine Strafzahlung von bis zu 18 Milliarden Dollar. Doch damit ist es nicht getan. manager-magazin.de nennt acht Gründe, warum für VW noch viel mehr auf dem Spiel steht.

Grund Nr. 1: Volkswagen hat seine Kunden und die US-Behörden vorsätzlich hinters Licht geführt.

Das hat der Konzern inzwischen eingestanden. Wer intern verantwortlich ist und welche Schuld Konzernchef Martin Winterkorn trifft, wird nun geklärt. Doch es scheint ausgeschlossen, dass die US-Kunden einen derartigen Vertrauensbruch schnell verzeihen. Vielmehr werden sie die Frage stellen: Welchen Angaben von Volkswagen kann ich künftig überhaupt noch glauben?

Grund Nr. 2: In den USA läuft es ohnehin miserabel für Volkswagen.

Anstatt eines Skandals brauchen die Wolfsburger in den Vereinigten Staaten dringend steigenden Absatz. Im Gesamtjahr liegt VW dort mit 238.000 verkauften Autos bisher 2,8 Prozent unter dem Vorjahreswert, obwohl der Markt wächst.

Grund Nr. 3: Volkswagens wichtigstes Verkaufsargument in den USA ist zerstört.

Als Gegenstück zu Toyotas erfolgreichen Hybridautos hatte Volkswagen den "Clean Diesel" erfunden. Saubere und sparsame Dieselautos waren das große Alleinstellungsmerkmal von Volkswagen in den USA. Doch nun muss man wohl von "Dirty Diesel" reden.

Grund Nr. 4: Volkswagen liegt nicht nur mit der Washingtoner Bundesbehörde im Clinch, sondern auch mit der extrem strengen kalifornischen Luftreinhalte-Behörde (im Bild: Chefin Mary Nichols).

Im von Smog geplanten Los Angeles und anderen Teilen des Bundesstaats hat der Kampf gegen tödliche Luftverschmutzung eine lange Tradition. Wer gegen Auflagen verstößt, hat dort das Image eines Brunnenvergifters.

Grund Nr. 5: Die gerade erzeugte Aufbruchstimmung bei Volkswagen ist dahin.

Der Konzern wollte gerade mit neuen Autos und neuen Topmanagern durchstarten. Auf der IAA präsentierte das Unternehmen seine Idee von umweltfreundlichen Autos der Zukunft (im Bild der Audi E-Tron Quattro Concept mit Audi-Chef Rupert Stadler). Zudem hat das Unternehmen gerade wichtige Personalien geregelt. So führt Hans Dieter Pötsch den Aufsichtsrat und Herbert Diess die Marke Volkswagen. Sie müssen sich jetzt als Krisenmanager bewähren.

Grund Nr. 6: Der Skandal wird sich nicht auf die USA beschränken.

Volkswagen hat nun ein generelles Glaubwürdigkeitsproblem. Schon wollen Experten wissen, ob der Konzern auch in Europa oder China getrickst hat, wo Luftverschmutzung tausende Tote im Jahr fordert. Die deutsche Umwelthilfe fordert bereits ein Fahrverbot für Diesel-Autos in Deutschland.

Grund Nr. 7: Außer Strafzahlungen drohen Volkswagen in den USA Klagen in milliardenhohem Streitwert.

Autokäufer, Händler, Aktionäre - bereits einen Tag, nachdem Volkswagen die Manipulationen eingeräumt hat, melden sich vermeintlich Geschädigte zu Wort.

Grund Nr. 8: Volkswagen droht eine Vertrauens-Abwärtsspirale.

Investoren wissen nicht mehr, wie sie die VW-Aktie bewerten sollen. Sie wird faktisch zum Zockerpapier. Das belastet auch die Bonität des Unternehmens.

Die Unsicherheit liegt wie ein dunkler Schatten über Aktie und Unternehmen: Da derzeit niemand beziffern kann, auf welche Summe sich mögliche Strafzahlungen und Folgeschäden - nicht nur in den USA - beziffern, werden viele institutionelle Anleger sehr vorsichtig mit der VW-Aktie sein. Offen ist derzeit auch, welche personellen Konsequenzen der Skandal haben wird und wie er sich auf die Führungsstruktur von Europas größtem Autobauer auswirken wird - zumal das US-Recht auch Gefängnisstrafen für Verstöße gegen die Umweltgesetze vorsehen.

Ein Kurssturz um mehr als 20 Prozent an einem Tag, ein Börsenwert von etwa 16 Milliarden Euro, der sich binnen Stunden in Luft auflöst, dazu erste Forderungen nach einem Rücktritt des Konzernchefs Martin Winterkorn, der sich erst kürzlich im Hahnenkampf mit Auto-Altmeister Ferdinand Piëch so beeindruckend behauptet hatte - ein Beben, wie es Volkswagen Börsen-Chart zeigen in diesen Tagen erlebt, kommt in der Wirtschaft nicht allzu häufig vor.

Einmalig ist es aber nicht. Allein im deutschen Aktienindex Dax Börsen-Chart zeigen hat es in der Vergangenheit heftigere Einbrüche gegeben. Die Aktie des Kaliherstellers K+S etwa rutschte im Juli 2013 binnen eines Tages um fast 24 Prozent ab, weil Anleger einen Preiskampf auf dem Kali-Markt befürchteten.

Noch heftiger erwischte es im August 2002 den Finanzdienstleister MLP Börsen-Chart zeigen, seinerzeit ebenfalls Mitglied des Leitindex. Das Unternehmen verlor innerhalb von 24 Stunden die Hälfte seines Börsenwerts. Hintergrund war ein Bilanzskandal, der das Papier in jenen Monaten um insgesamt 90 Prozent einbrechen ließ.

Doch auch wenn der Kursrutsch, den die Volkswagen-Aktie an diesem Montag hinlegt, keinen Superlativ rechtfertigt: Die Ereignisse, die ihn ausgelöst haben, wiegen allemal schwerer, als bei den genannten Beispielen. Mit dem Volkswagen-Konzern hat kein geringerer als Europas größter Autohersteller, der sich anschickt, die Weltspitze zu erklimmen, bewusste Manipulation an den Abgaswerten hunderttausender Dieselfahrzeuge in den USA eingeräumt.

Das Unternehmen muss daher mit einer Strafe im zweistelligen Milliarden-Dollar-Bereich rechnen, von möglichen zivilrechtlichen Forderungen betroffener Autofahrer oder VW-Aktionäre sowie vor allem vom Imageschaden und den möglichen Folgen für das künftige Geschäft ganz zu schweigen.

Angesichts dieser Perspektive von einer Krise zu sprechen, in der sich Volkswagen nun befindet, scheint noch untertrieben. Schon jetzt ist wohl klar: Der Konzern wird lange und hart arbeiten müssen, um sich aus dieser selbstverschuldeten Bredouille wieder zu befreien.

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