VW wertvollster Dax-Konzern So pushen US-Anleger Volkswagens Aktienkurs

US-Privatanleger haben ihre Begeisterung für Volkswagen entdeckt und treiben den Aktienkurs in die Höhe. Kurioser Nebeneffekt: Die Stammaktie eilt plötzlich der im Dax notierten Vorzugsaktie davon.
Flagge zeigen in USA: In dem Land, in dem Volkswagens Abgasskandal seinen Anfang nahm, begeistern sich Investoren nun für die Aktien des Konzerns

Flagge zeigen in USA: In dem Land, in dem Volkswagens Abgasskandal seinen Anfang nahm, begeistern sich Investoren nun für die Aktien des Konzerns

Foto: MIKE BLAKE/ REUTERS

Noch Anfang dieses Jahres klagte Volkswagen-Chef Herbert Diess (62) über den seiner Ansicht nach zu niedrigen Börsenwert seines Konzerns. "Das führt zu gravierenden Nachteilen für uns beim Zugang zu benötigten Ressourcen", so Diess mit Blick auf den geplanten Wandel seines Hauses zur Tech-Company in einem Interview. Gut zwei Monate später ist die Botschaft bei Investoren offenbar angekommen: Getrieben durch frischen Optimismus, den das Unternehmen mit seiner gerade veröffentlichten Batteriestrategie, dem Milliardengewinn für 2020 und positiven Ausblicken geschürt hat, ist der Aktienkurs von Volkswagen zuletzt kräftig angesprungen.

Mit mehr als 234 Euro ist die im Dax notierte Vorzugsaktie des Konzerns inzwischen so teuer wie seit 2015 nicht mehr. Am Mittwoch überholte der Autobauer zudem SAP und ist mit einem Marktwert von beinahe 140 Milliarden Euro nun wertvollstes Unternehmen im deutschen Leitindex Dax.

Dabei wirkt es wie eine Ironie der Geschichte, dass ein Großteil des Schubs, den die Volkswagen-Aktien gerade in den vergangenen Tagen erfuhren, offenbar aus den USA kommt - dem Land, in dem einst die Abgasmogeleien aufflogen, die den Konzern in seine bislang größte Krise gestürzt haben.

Doch noch ein Tesla-Jäger? US-Anleger diskutieren VWs Elektropläne

Daran scheint sich in den Vereinigten Staaten inzwischen zumindest unter Aktienanlegern jedoch kaum noch jemand zu stören. Auf Internetplattformen wie Stocktwits oder Reddit diskutieren US-Investoren kräftig über Volkswagens Elektropläne und den Wettstreit des Konzerns mit dem US-Platzhirschen Tesla. Allein auf Stocktwits stieg das Volumen der Inhalte mit Bezug auf Volkswagen zuletzt um 70 Prozent. Der Tenor der Einträge ist dabei eindeutig: Volkswagen werden - als womöglich einzigem europäischen Hersteller - meist beste Chancen eingeräumt, dem US-Elektroautobauer auf lange Sicht Paroli zu bieten. Eine Einschätzung, die auch zahlreiche Autoanalysten bei Banken und Investmenthäusern teilen.

Neu ist diese Sicht nicht wirklich, schon seit Monaten befindet sich Volkswagens-Aktienkurs vor dem Hintergrund der Elektro-Offensive des Konzerns  im Aufwind. Ein Phänomen, das in diesen Tagen beobachtet werden kann, hat es aber so bislang noch kaum gegeben: Die im Dax notierten Vorzugsaktien des Unternehmens sowie die Stammaktien bewegen sich gewöhnlich recht präzise im Gleichschritt auf und ab - doch das änderte sich vor anderthalb Wochen plötzlich. Die erste Erklärung der Börsenprofis: es gibt Investoren, die ihre Aktienpakete an der mit 53 Prozent an den Volkswagen-Stämmen beteiligten Porsche SE absichern, indem sie auf einen fallenden VW-Kurs wetten. Steigen die VW-Aktien aber relativ stark, wie bereits seit Mitte Februar, müssen sie ihre Shortpositionen absichern - und Volkswagen-Stämme kaufen.

Seit Beginn dieser Woche beschleunigte sich der Run auf die Stammaktien allerdings dramatisch. So legten die VW-Stämme allein seit Montag um mehr als 40 Prozent zu - bei den Vorzügen betrug das Plus im gleichen Zeitraum lediglich etwas mehr als 20 Prozent.

Beobachter sehen spätestens jetzt das starke Interesse von US-Privatanlegern an Volkswagen als Grund für das Auseinanderdriften. Denn wollen Privatleute in den USA in Aktien der Wolfsburger investieren, so können sie das in der Regel nicht direkt tun, schließlich ist Volkswagen an der US-Börse nicht notiert. Als Behelf bieten US-Banken Zertifikate auf Volkswagen-Aktien an, sogenannte ADRs (American Depositary Receipts), die den Aktienkurs des Autobauers widerspiegeln.

Im Falle Volkswagens kommen jedoch zum Investment für US-Anleger vor allem ADRs auf die Stammaktien infrage. Es gibt an der Wall Street zwar auch Papiere auf Volkswagens Vorzugsaktien. Dabei handelt es sich jedoch um sogenannte "Unsponsored ADRs", die ohne Kooperation mit dem Konzern aufgelegt wurden und damit ein größeres Anlegerrisiko enthalten.

So erklärt sich, dass zuletzt vor allem der Kurs der Stammaktien von Volkswagen stieg: Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters, die auf Informationen von Eikon Data verweist, lag das Volumen der ADRs auf diese Papiere allein am Dienstag dieser Woche zwölfmal höher als im Durchschnitt der vergangenen 90 Tage. Am Mittwoch wurden an der Nasdaq Berichten zufolge beinahe zwölf Millionen solcher Papiere gehandelt - das sind beinahe so viele wie in den beiden Monaten Januar und Februar zusammen.

Für die US-Investoren kann der Einstieg in die Stammaktien von Volkswagen allerdings Nachteile mit sich bringen. Die Papiere befinden sich bekanntlich zum weitaus größten Teil im Besitz der Familien Porsche und Piëch (über die Porsche Holding), des Landes Niedersachsen, des Emirates Katar und anderer institutioneller Investoren. Daher sind sie an der Börse deutlich illiquider als die Vorzugsaktien - und damit wesentlich anfälliger für starke Kursschwankungen.

Dabei erinnert der Run der US-Investoren auf Volkswagen ein wenig an den Hype um die Aktie des US-Videospielehändlers Gamestop zu Beginn dieses Jahres. Privatanleger vornehmlich aus den Vereinigten Staaten hatten die Papiere des Unternehmens seinerzeit binnen Tagen um bis zu 1700 Prozent in die Höhe getrieben, auch, um Hedgefonds zu ärgern, die auf Kursverluste der Aktie gesetzt hatten. Ausgetauscht hatten sich Investoren dabei ebenfalls auf Onlineplattformen wie vor allem dem Bereich "Wallstreetbets" bei Reddit .

Wer sich gegenwärtig in den einschlägigen Foren umschaut, wird jedoch einen Unterschied erkennen: In den Diskussionen um Volkswagens Zukunft tauschen die Teilnehmer auch vernünftige Argumente über Volkswagens künftige Entwicklung aus. Es geht also offensichtlich nicht nur darum, wie seinerzeit im Falle Gamestops, einen Aktienkurs in die Höhe zu treiben, um Profiinvestoren zu foppen, weitgehend ungeachtet der geschäftlichen Aussichten des Unternehmens.

Volkswagen-Chef Diess jedenfalls wird sich über die jüngste Entwicklung am Aktienmarkt freuen. Er arbeitet bereits an der nächsten Maßnahme, die Milliarden für die Tech-Pläne des Konzerns in die Kassen spülen soll: Unter dem Projektnamen "Phoenix" bereitet Volkswagen gegenwärtig den Börsengang der Tochter Porsche vor, wie manager magazin am heutigen Donnerstag detailliert berichtet .

Auch Volkswagens Marktwert soll auf diese Weise weiter gesteigert werden. Dabei hat Diess die Zielmarke nochmals erhöht: Der CEO sähe den Wert seines Konzerns gerne bei 250 Milliarden Euro. Das wäre gleichbedeutend mit einem Aufschlag von noch einmal beinahe 80 Prozent auf den aktuellen Aktienkurs.

cr
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