Wagniskapital-Finanzierung Wie Start-ups sich Kapital beschaffen können

Um zu wachsen und zu expandieren, brauchen junge Unternehmen viel Geld. Welche Finanzierungsmöglichkeiten haben Start-ups und welches sind ihre Vor- und Nachteile? Ein Überblick.
Durchwachsenes Debüt: Der Gründer von Mister Spex, Dirk Graber, hat den Sprung an die Börse gewagt

Durchwachsenes Debüt: Der Gründer von Mister Spex, Dirk Graber, hat den Sprung an die Börse gewagt

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Die Deutsche Börse steuert bei ihren Neuemissionen auf das beste Jahr seit dem Boom am "Neuen Markt" um die Jahrtausendwende zu. Insgesamt 14 Unternehmen feierten nach Berechnungen der Unternehmensberatung PWC  im ersten Halbjahr ihr Debüt am Frankfurter Aktienmarkt und erlösten dabei rund 8,8 Milliarden Euro – so viel wie nie seit dem Jahr 2000. Hauptgrund für die Rekordzahlen: Im Pandemiejahr hatten viele Börsenaspiranten ihre IPO-Pläne auf Eis gelegt und nutzen nun die gute Stimmung am Aktienmarkt für den Gang aufs Parkett.

Viele Start-ups prüfen nun, ob der Börsengang auch für sie eine Option zur Kapitalbeschaffung ist. Oder ob sie lieber die nächste Finanzierungsrunde starten oder die Firma gar an einen großen Konzern verkaufen sollten - sofern ein Angebot vorliegt.

Wer sich mit den IPO-Möglichkeiten in Deutschland beschäftigt, stößt schnell auf das Deutsche Börse Venture Network. Seit 2015 versuchen die Frankfurter, junge Unternehmen und finanzstarke Investoren zusammenzubringen und auf ihr Börsendebüt vorzubereiten. Mehr als 200 Start-ups sind derzeit Teil des Netzwerks, auf der anderen Seite warten rund 470 Risikokapitalgeber auf wachstumsstarke Unternehmen.

Um Teil des Netzwerks zu werden, müssen die jungen Gründer allerdings schon mindestens eine Million Euro Umsatz vorweisen und dazu mindestens eine Million Euro an Kapital eingesammelt haben. Zudem sollten die Start-ups in ihrer frühen Phase ein Umsatzwachstum von 100 Prozent pro Jahr aufweisen.

Auch Delivery Hero wurde vom Börsen-Netzwerk begleitet

Das Alter des Unternehmens spielt eher eine untergeordnete Rolle. "In unserem Netzwerk sind Unternehmen, die schon 2008 gegründet wurden, genauso wie erst 2019 gegründete Start-ups", erklärt Peter Fricke (37), Leiter des Venture Networks, im Gespräch mit manager magazin. Der Bundesverband Deutsche Start-ups hat dagegen eine genaue Vorstellung von der Definition seiner Mitglieder: "Start-ups sind innovative, wachstumsorientierte Unternehmen mit einem skalierbaren Geschäftsmodell, die nicht älter als fünf Jahre sind, ihren Sitz oder eine Niederlassung in Deutschland haben und an denen die Gründerinnen und Gründer noch signifikant beteiligt sind", heißt es in der Satzung  des Vereins.

Seit Gründung hat das Deutsche Börse Venture Network zehn Unternehmen an die Börse begleitet. Der wohl berühmteste IPO war der des heutigen Dax-Konzerns Delivery Hero im Jahr 2017, der letzte war gerade erst in der vergangenen Woche, Mister Spex.

Doch das Beispiel des Online-Optikers zeigt auch die Risiken eines IPO. So gerieten die Aktien nach anfänglichen Zeichnungsgewinnen unter Druck und notierten zum Ende des ersten Handelstags sogar unter dem Ausgabepreis von 25 Euro. "Investoren werden angesichts der Flut von Börsengängen und der teilweise enttäuschenden Kursentwicklung nach dem Debüt deutlich zurückhaltender und selektiver", resümiert PWC-Expertin Nadja Picard in der Studie "Emissionsmarkt Deutschland ".

Die Angst vor den Börsenpflichten

Weitere Hindernisse sind die hohen Regularien, die börsennotierte Unternehmen erfüllen müssen, zum Beispiel den regelmäßigen Quartalsbericht. Schließlich haben die wenigsten Start-ups gleich zu Beginn einen Finanzprofi in den eigenen Reihen. Mit dem 2017 gegründeten Scale-Segment  will die Deutsche Börse aber auch diese Gründerinnen und Gründer von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) erreichen. Nach dem gescheiterten "Neuen Markt" ist Scale ein erneuter Ansatz, in Frankfurt ein Marktsegement für Wachstumswerte zu etablieren.

Scale-Index stellt Dax in den Schatten

Die Aktien werden im Freiverkehr gehandelt, sind also nicht im regulierten Markt zugelassen. "Die KMUs können beispielsweise nach dem Handelsgesetzbuch bilanzieren und müssen keine Quartalsberichte veröffentlichen", erklärt Deutsche-Börse-Spezialist Fricke. Allerdings werden Start-ups hier nur aufgenommen, wenn sie unter anderem mindestens zehn Millionen Euro im Jahr sowie einen Jahresüberschuss erwirtschaften und mindestens 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen. Seit dem Start im März 2017 hat der Scale All Share-Index, in dem alle 48 Scale-Aktien vertreten sind, rund 80 Prozent zugelegt, allein seit Januar 2021 um 26 Prozent. Damit stellt der Scale-Index den Dax mit einem Halbjahresplus von 13 Prozent in den Schatten.

Wer sich mit dennoch nicht mit den Regularien an der Börse auseinandersetzen will, für den sind auch Spac-Börsengänge eine Alternative. Die Special Purpose Acquisition Companies (Spacs) werden meist von bekannten Managern oder Investoren aufgelegt und an die Börse gebracht. Ihr Ziel ist es, ein operativ tätiges Unternehmen zu übernehmen und diesem dadurch zu einer Börsennotiz zu verhelfen. In den USA ist die Euphorie bereits vorüber, doch in Europa kommt das Geschäft mit den Börsenmänteln gerade erst in Fahrt. Wie KPMG-Experte Ashkan Kalantary in einem Interview mit manager magazin resümierte, suchen prall gefüllte Spacs aus den USA derzeit gute Übernahmeziele.

In der Vergangenheit nahm aber auch die Zahl der Übernahmen von Start-ups durch große Konzerne zu. So griff die Oetker-Gruppe beispielsweise beim Getränkelieferdienst Flaschenpost zu , während sich SAP das Berliner Software-Start-up Signavio einverleibte. Und erst in der vergangenen Woche übernahm die US-Videoplattform Zoom die Karlsruher Kites GmbH. Das schnelle Geld lockt viele Gründer nach jahrelanger, kräftezehrender Aufbauarbeit. Schließlich haben auch die Unternehmen gut gefüllte Kassen und sind immer auf der Suche nach Innovationen. Zudem sitzen den jungen Gründerinnen und Gründern oft die Investoren der ersten Stunde im Nacken, die ihre Rendite einstreichen wollen und somit auf einen Verkauf drängen. Doch mit dem Verkauf werden aus vielversprechenden Wachstumsunternehmen nur noch Konzernsparten, ein neuer Global Player entsteht so nicht.

Celonis erhält private Kapitalspritze von einer Milliarde Dollar

Auch private Finanzierungsrunden können sich für Gründerinnen und Gründer lohnen. Derzeit fließt so viel Geld in deutsche Start-ups wie kaum zuvor. So sammelte die Münchener Softwareschmiede Celonis zuletzt rund eine Milliarde Dollar ein und wird jetzt mit mehr als zehn Milliarden Dollar bewertet, der Onlinebroker Trade Republic heimste etwa 900 Millionen Dollar ein und das Versicherungs-Fintech Wefox weitere 650 Millionen Dollar. In den ersten Monaten dieses Jahres steckten Investoren einer Auswertung der Analysefirma Pitchbook insgesamt 7,2 Milliarden Euro in aufstrebende Firmen aus Deutschland. Damit ist bereits mehr als die Summe erreicht, die im Vorjahr Ende Dezember unter dem Strich stand.

Bund investiert über Zukunftsfonds

Eine weitere Möglichkeit zur Kapitalbeschaffung ist auch der gerade erst aufgelegte neue "Zukunftsfonds" der Bundesregierung. Insgesamt zehn Milliarden Euro stellt Berlin über die Kreditanstalt für Wiederaufbau bereit, um junge Unternehmen in ihrer Gründungsphase zu unterstützen und Innovationen in Deutschland zu fördern. Auch der Hightech-Gründerfonds investiert kräftig in deutsche Unternehmen.

Das meiste Kapital steht aber immer noch an der Börse zur Verfügung. Schließlich sind die zehn größten Unternehmen der Welt alle über den Kapitalmarkt finanziert. Erst in der vergangenen Woche erreichte mit Facebook der fünfte Konzern nach Apple, Amazon, Microsoft und der Google-Mutter Alphabet eine Marktkapitalisierung von einer Billion Dollar. Eine Perspektive, für die es sich zu arbeiten lohnt.

mg
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