Börsenprofi Carsten Mumm erklärt So wirken sich US-Strafzölle auf deutsche Aktien aus

Von Carsten Mumm
Stahlarbeiter bei der Salzgitter AG: Strafzölle auf Stahl und Aluminium sollen US-Firmen vor der Konkurrenz aus dem Ausland schützen, so US-Präsident Trump.

Stahlarbeiter bei der Salzgitter AG: Strafzölle auf Stahl und Aluminium sollen US-Firmen vor der Konkurrenz aus dem Ausland schützen, so US-Präsident Trump.

Foto: Jochen Lübke/ dpa

In den vergangenen zehn Jahren entwickelten sich deutsche und US-amerikanische Aktien gemessen an den jeweiligen Standardaktienindizes Dax und S&P 500 nahezu gleich - bis November 2017. Seitdem hinkt der Dax deutlich hinterher. Die seit dem 31. Oktober 2017 entstandene Performancelücke beläuft sich mittlerweile auf knapp 15 Prozent. Während der S&P 500 über 5 Prozent zulegen konnte, verlor der Dax  im gleichen Zeitraum fast 10 Prozent.

Carsten Mumm
Foto: Donner & Reuschel

Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Seit Monaten suchen Analysten und Portfoliomanager nach der Erklärung. Die genannten Gründe reichten von den Auswirkungen der US-Steuerreform über die Stärke des Euro bis zur politischen Unsicherheit angesichts der langwierigen Regierungsbildung in Deutschland.

Zudem wurden US-Aktienindizes insbesondere von den großen Technologie-Aktien wie Microsoft  oder Alphabet  getrieben. Technologietitel sind im Dax wiederum vergleichsweise deutlich unterrepräsentiert. So richtig plausibel aber waren alle genannten Aspekte nicht, um das Ausmaß der jüngsten Underperformance zu erklären.

Seit Ende Februar jedoch gibt es einen handfesten Grund, deutsche Aktien zu meiden. Zunächst kündigte US-Präsident Donald Trump an, kurzfristig Zölle auf Stahl- und Aluminium-Importe zu erheben. Es folgte die sofortige Retoure durch EU-Kommissionspräsident Juncker: die EU würde im Gegenzug diverse US-amerikanische Importwaren mit Abgaben belegen. Trump wiederum holte zum verbalen Rundumschlag aus und nahm Autoimporte ins Visier. Spätestens jetzt war die Lust der Anleger auf deutsche - besonders exportabhängige Aktien - vergangen.

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In den letzten Jahrzehnten hatten die USA nahezu durchgehend ein Defizit im Außenhandel zu verzeichnen. Im Vorfeld der Immobilienmarktkrise erhöhte es sich zeitweise sogar auf bis zu 6 Prozent bezogen auf das gesamte US-Brutto-Inlandsprodukt (BIP), unter anderem weil ausländische Konsumgüter wie beispielsweise deutsche Autos bei Amerikanern sehr beliebt waren. So stiegen die Importe im Zeitraum von 2002 bis 2006 deutlich stärker als die Exporte. Seit 2008 jedoch hat sich das Defizit verringert und lag bis heute zwischen 2 Prozent und 3 Prozent.

In den Augen von Präsident Trump ist der dauerhafte Überschuss der Importe gegenüber den Exporten auf unfaire Praktiken der internationalen Handelspartner zurückzuführen. Importsteuern sollen dieses Missverhältnis jetzt korrigieren und die heimische Produktion beflügeln. Der durchschnittliche Stahlpreis auf dem heimischen Markt soll erhöht und die Margen für die amerikanische Stahlindustrie gesteigert werden. Damit könnten - so die Hoffnung - die angeschlagenen Unternehmen wieder neue Arbeitsplätze schaffen.

Anteil der Stahlbranche am BIP relativ gering

Allerdings liegt der Anteil der Stahlbranche am gesamten US-BIP bei gerade einmal rund 1 Prozent. Während Anfang der 1950er Jahre noch mehr als 600.000 Arbeitnehmer in der Stahlindustrie beschäftigt waren, sind es heute weniger als ein Viertel der damals Beschäftigten.

Die Aktienindizes reagierten trotzdem weltweit mit spürbaren Abschlägen. Europäischen und asiatischen Produzenten würde der Zugang zum US-Markt deutlich erschwert. Deutschlands Anteil an den Stahlimporten ist im Vergleich zu anderen Staaten, wie etwa Kanada oder Brasilien, jedoch relativ gering.

Die Entwicklung des Dax  ist daher auch nicht nur durch die mögliche Belastung des Stahlsektors zu erklären. Zwar sind die USA der wichtigste Abnehmer deutscher Stahlexporte, insgesamt sind aber mit rund 5 Prozent des gesamten Stahlabsatzes mögliche Umsatzverluste zu verschmerzen.

Viel mehr sorgt die Angst vor einem ausufernden Handelskrieg, der insbesondere Staaten mit einem starken Exportsektor - neben Deutschland auch viele Schwellenländer - betreffen würde, für Verunsicherung.

Wie sich die USA auch selbst schaden

Die Drohung in Richtung ausländischer Autobauer ist gerade für die deutsche Wirtschaft von hoher Brisanz. Den drei Dax-Unternehmen Volkswagen , BMW  und Daimler  mit insgesamt 550.000 in die USA exportierten Autos im Jahr 2016 drohten empfindliche Gewinneinbußen. Alle drei zusammen stehen immerhin für über 12 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung des Dax.

Hinzu kämen die Folgewirkungen durch Umsatzausfälle bei diversen Zulieferunternehmen. Der deutsche Außenhandelsüberschuss fußt zu einem Großteil auf dem Export von Fahrzeugen und Maschinen. Sollte der Handelsstreit tatsächlich eskalieren, wären Schäden für weitere Industriesektoren wahrscheinlich. Deutschland stünde - mit in die USA exportierten Waren im Gegenwert von insgesamt 112 Milliarden Euro im Jahr 2017 - als Verlierer da.

Letztendlich schaden sich aber die USA durch protektionistische Maßnahmen auch selbst - unabhängig davon, ob Waschmaschinen aus Asien, Stahl aus China oder Autos aus Europa sanktioniert werden. Aufgrund der fehlenden Wettbewerber aus dem Ausland wird es in den betroffenen Bereichen unweigerlich zu Preiserhöhungen kommen, die vor allem die Endverbraucher und Unternehmen zu tragen haben. Hinzu kommt ein fehlender Innovationsdruck, wodurch technische Fortschritte verzögert werden - ebenfalls zulasten der Verbraucher oder Einkäufer von Vorprodukten.

Ein Handelskrieg wäre der worst cast - für alle Seiten

Bereits 2002 versuchte Präsident Bush mit Zöllen die Stahlindustrie zu schützen. Er hob diese jedoch ein Jahr später wieder auf, um einen Handelskrieg letztlich doch noch zu verhindern. Ein konstruktives Mittel, das Außenhandelsbilanzdefizit zu verringern, sind Einfuhrabgaben in einer globalisierten Welt auf jeden Fall nicht. Selbst republikanische Abgeordnete wie der Sprecher des US-Repräsentantenhauses, Paul Ryan, versuchen, US-Präsident Trump von seinem Vorhaben abzubringen. Schließlich gehört der globale Freihandel zu den Grundüberzeugungen der Republikaner.

Die Welt wäre extrem schlecht beraten, wenn sie sich tatsächlich in einen Handelskrieg hineinziehen ließe. Alle wären Verlierer, weshalb grundsätzlich davon auszugehen ist, dass Europäer und Asiaten gelassen auf die Drohungen aus den USA reagieren werden. Sie sollten es nicht auf eine offene Eskalation mit den USA ankommen lassen, sondern den Verhandlungsweg wählen.

Unser Basisszenario ist daher, dass sich die Befürchtung eines globalen Handelskrieges lediglich als Schreckgespenst herausstellt, das die Börsen nur kurzfristig ordentlich durchgeschüttelt hat. Gut möglich ist aber, dass das Thema die Kursentwicklungen in den kommenden Wochen noch belasten wird. US-Präsident Trump scheint fest entschlossen, die Drohkulisse zwecks Durchsetzung US-amerikanischer Interessen aufrecht zu erhalten.

Rationalen Argumenten seiner Berater wird er in diesem Zuge nur bedingt zugänglich sein. Aus diesem Grund dürfte letztlich auch der oberste Wirtschaftsberater Trumps Gary Cohn in dieser Woche seinen Rücktritt eingereicht haben. Obwohl die Aussichten für die globale konjunkturelle Entwicklung und damit auch die mittelfristige Aktienkursperspektive weiter positiv sind, ist vorerst eine vorsichtigere Positionierung sinnvoll.