Nukleares Revival Warum die Reddit-Zocker jetzt auf Uran wetten

In sozialen Netzwerken wie Reddit ballen sich Kleinanleger mit einem neuen Ziel zusammen: Sie treiben die Kurse für Uran-Investments. Was ist dran an der Hoffnung auf ein Comeback der Kernkraft?
Ausgestrahlt: Die bundeseigene Firma Wismut hat den deutschen Uranbergbau im sächsischen Königstein Anfang Juni beendet

Ausgestrahlt: Die bundeseigene Firma Wismut hat den deutschen Uranbergbau im sächsischen Königstein Anfang Juni beendet

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

"Das steigt kometenhaft auf", "Dieser Fonds bewegt den Markt und ändert alles", "A lot of upside, baby." Im Forum "Wallstreetbets" auf der Plattform Reddit wird in gewohnt überzeugtem Ton zum Run an der Börse getrommelt. Die vereinte Macht der Kleinanleger, die seit Jahresbeginn schon die Kurse etlicher Aktiengesellschaften hoch getrieben hat, richtet sich nun auf ein neues Ziel: Uran. Einer der meist diskutierten Einträge verheißt einen "Superzyklus"  für den radioaktiven Brennstoff, der die einzige Option für eine klimaneutrale Zukunft darstelle. Ein eigener Reddit-Kanal namens UraniumSqueeze  widmet sich nur diesem Thema. Die Aktie des größten Uranschürfers Cameco aus Kanada war tagelang die meistdiskutierte auf der Plattform hinter Apple und Alibaba.

Und die Rallye geht los: Zwischen Mitte August und Mitte September ist der Preis der Uran-Futures von unter 30 Dollar auf mehr als 50 Dollar pro Pfund hochgeschossen, so hoch wie zuletzt 2012. Noch größere Sprünge machten Aktien von Uranfirmen, neben Cameco auch wenig bekannte Namen wie Uranium Royalty, Denison Mines, NexGen Energy, Uranium Energy, Ur-Energy, Aura Energy, Peninsula Energy, Bannerman Energy oder Energy Resources of Australia.

Die Prämisse der Uranwette lautet, dass die Welt zwingend mehr Atomkraft brauche, um Klimaschutz und Energiesicherheit miteinander zu vereinbaren. Daher sei ein Mangel des knappen Rohstoffs Uran absehbar.

Im Mittelpunkt des Hypes steht ein milliardenschwerer Fonds, der diesen Mangel aktiv befördert: der Ende Juli in Kanada aufgelegte Sprott Physical Uranium Trust, der bereits mehr als 28 Millionen Pfund Uran gekauft hat und den Stoff als Geldanlage horten will. Die Menge entspricht fast einem Viertel der weltweiten Jahresproduktion aus dem Bergbau, wobei die meisten Kernkraftwerke den Großteil ihres Bedarfs aus dem Recycling von Brennstäben decken.

Bill Gates und seine Minireaktoren

Die Uranfans in den Börsenforen stützen sich noch auf weitere Autoritäten: vor allem Microsoft-Gründer Bill Gates, der schon seit Jahren predigt, "wir brauchen mehr Atomkraft, um CO2-Emissionen auf Null zu bringen und eine Klimakatastrophe abzuwenden". Seine 2006 gegründete Firma Terrapower verkündete im Juni, sie habe sich für den US-Kohlestaat Wyoming als Standort eines "Minireaktors" entschieden, der eine Milliarde Dollar kosten und ab den 30er Jahren eine Nennleistung von 345 bis 500 Megawatt bereitstellen soll. Auch Börsenlegende Warren Buffett ist involviert. Der zu seiner Holding Berkshire Hathaway gehörende Stromversorger Pacificorp will die neuartige Anlage betreiben.

Die Firma Oklo, hinter der Investorenprominenz aus dem Silicon Valley wie Peter Thiel, Dustin Moskovitz oder Tim Draper steht, hat bereits 2020 eine erste Lizenz zum Bau eines Testreaktors des Modells Aurora in Idaho erhalten. Hier passt das Attribut "Mini" besser: Mit nur 1,5 Megawatt wäre das Projekt der schwächste je gebaute Kernreaktor, das Design erinnert an eine Waldhütte.

Die Konzepte von Terrapower und Oklo ebenso wie mehrerer weiterer Firmen in verschiedenen Entwicklungsstufen zählen als kleine modulare Reaktoren zur nächsten Generation der Nukleartechnik. Doch auch diese schlanken und flexiblen Anlagen taugen nicht automatisch zum Gamechanger. Die Sicherheitsrisiken seien eher noch höher als bei herkömmlichen Reaktoren, vor allem mit Blick auf die Verbreitung potenziell atomwaffenfähigen Materials, erklärt die "Union of Concerned Scientists" . Eine neue Studie  des Öko-Instituts Freiburg im Auftrag des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung stellt auch das Geschäftsmodell infrage. Die Baukosten seien "relativ betrachtet höher als bei großen Atomkraftwerken". Aus der Analyse mehrerer verschiedener technischer Konzepte folge, "dass im Mittel dreitausend kleine modulare Reaktoren produziert werden müssten, bevor sich der Einstieg lohnen würde".

Schon die dritte Generation droht zu scheitern

An den Baukosten droht schon die aktuelle, dritte Generation der Atomkraftwerke zu scheitern, die einen größeren Schutz im Fall einer Kernschmelze verspricht. Das erste Beispiel des europäischen Druckwasserreaktors soll der finnische Reaktor Olkiluoto 3 sein. Die ursprünglich für 2009 geplante Einweihung des Baus wurde immer wieder verschoben, zuletzt im August auf Juni 2022. Seit 2012 hat der Betreiber TVO keine neuen Angaben zu den damals bereits von 3,2 Milliarden auf 8,5 Milliarden Euro gestiegenen Kosten veröffentlicht. Im Juni einigte sich TVO mit dem Herstellerkonsortium auf einen Nachschuss von 600 Millionen Euro sowie zusätzlichen Schadenersatz, sollte der neue Termin auch nicht zu halten sein. Daran immer noch beteiligt ist auch Siemens, obwohl der Konzern schon lange aus der Nukleartechnik ausgestiegen sein wollte.

Im französischen Flamanville wurde der Bau des gleichen Modells 2007 begonnen, die Inbetriebnahme von 2012 auf nun 2024 verschoben. Doch auch dieser Termin ist wohl nicht zu halten. Der Rechnungshof schätzt die Kosten auf mehr als 19 Milliarden Euro.

Sogar rund 26 Milliarden Euro kostet inzwischen das britische Projekt Hinkley Point C, dafür gibt es dort immerhin gleich zwei Reaktoren. Die Verzögerung fällt dort bislang moderat aus: Im Mai wurde der Eröffnungstermin um ein Jahr auf Juni 2026 verschoben. Das Finanzrisiko liegt vor allem beim französischen Betreiber EDF, der dem britischen Staat einen "strike price" von 92 Pfund pro Megawattstunde zugesagt hat, allenfalls noch mit Inflationsausgleich. Doch auch die Briten machen nicht unbedingt einen guten Deal: Mit neuen Offshore-Windparks bekommen sie den Strom für nicht einmal den halben Preis.

Es gibt auch kaum noch Anlagenbauer im Westen, die in der Lage wären, ein nukleares Revival technisch auszurüsten. Siemens hat sich zurückgezogen, der französische Ex-Partner Areva wurde vom Staat in die Uranfirma Orano und die nun zu EDF gehörende Anlagenbaufirma Framatome aufgeteilt. Der Hersteller Westinghouse, der sich an dem Bau der neuen Reaktortypen in den USA verhoben hatte, ging 2017 in die Insolvenz und fiel anschließend in die Hände des Finanzinvestors Brookfield Business Partners, der nun einen Weiterverkauft erwägt. Auch der frühere Mutterkonzern Toshiba aus Japan geriet durch das Atomdebakel an den Rand der Pleite und steht aktuell im Streit mit Investoren vor der Zerschlagung.

Deutsche Atomkonzerne wollen nicht mehr

Nicht einmal ein Weiterbetrieb der schon existierenden Atomkraftwerke, der solche Risiken umgeht, lässt sich so einfach umsetzen. In Deutschland, wo die letzten verbliebenen Reaktoren bis Ende kommenden Jahres abgeschaltet werden müssen, zeigen die Betreiber RWE, Preussenelektra (Eon) und EnBW nicht die geringste Neigung, daran etwas zu ändern. Dafür müssten sie ein Paket aufschnüren, das ihnen zum Vorteil gereicht: Sie haben Milliarden an Schadenersatz für den Atomausstieg kassiert und vorm Bundesverfassungsgericht auch eine Erstattung der Brennelementesteuer. Auf der anderen Seite mussten sie 24 Milliarden Euro in den Altlastenfonds Kenfo einzahlen, sind dafür aber auch unbeherrschbare Risiken vor allem mit Blick auf die immer noch ungelöste Entsorgung der radioaktiven Abfälle los. Die bundeseigene Firma Wismut hat den deutschen Uranbergbau im sächsischen Königstein Anfang Juni nach 75 Jahren eingestellt - pünktlich vor Beginn der neuen Uran-Rallye.

"Ökonomisch schlichtweg unrentabel", nennt Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ein Revival der Atomindustrie. "Nicht der Markt, sondern vor allem Atommächte halten an der nuklearen Entwicklung fest, etwa China und Russland, und zwar aus politischen, militärstrategischen Gründen."

Dort, vor allem in China, entstehen tatsächlich immer wieder neue Atomkraftwerke, dank der eingespielten Abläufe auch vergleichsweise problemlos welche der dritten Generation - genug, damit im Jahr 2018 weltweit laut World Nuclear Association ein Rekordstand von 457 aktiven Reaktoren mit insgesamt 402 Gigawatt Kapazität erreicht wurde. Seitdem wurden wieder mehr Reaktoren vom Netz genommen als neu hinzukamen. Doch selbst wenn die 37 geplanten und 168 vorgeschlagenen neuen chinesischen Atomkraftwerke tatsächlich verwirklicht würden, wäre die Rechnung der World Nuclear Association  eines globalen Bedarfs von 62.496 Tonnen Uran längst nicht sicher. Noch im September soll ein erster Testreaktor in der Provinz Gansu in Betrieb gehen, der aus Thorium Uran erzeugt und damit den Import des seltenen Metalls überflüssig macht.

Die Uranfans von der Börse haben auch für diesen Fall eine Antwort parat. "Der Uranmarkt ist winzig, superwinzig" – klein genug, damit die organisierten "Wallstreetbets"-Zocker den Preis nach Belieben treiben könnten. Dann braucht es auch gar keine fundamentalen Gründe mehr, um an die Uran-Rallye zu glauben.

ak