Sonntag, 31. Mai 2020

Anleiheprofi Moritz Schildt erklärt Wo die Corona-Krise Investitions-Chancen schafft

Rüdiger Nehmzow / K+S

Die Unsicherheiten über die weitere Entwicklung der Corona-Krise haben die Kapitalmärkte fest im Griff. Vor allem die Verluste am Aktienmarkt sind dabei in allen Medien präsent. Welche Auswirkungen die Sorgen der Anleger auf den Sektor der festverzinslichen Rentenanlagen hatten und welche Positionierung sich hier anbieten könnte, hat deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten.

Moritz Schildt
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    Moritz Schildt ist Gründer der nordIX AG, die auf festverzinsliche Anlagen spezialisiert ist. Das Unternehmen verwaltet in fünf Spezial- und Publikumsfonds mehrere 100 Millionen Euro.

Tatsächlich sind die Zins- und Kreditmärkte mit den Aktienmärkten hinsichtlich Schwankung uns Dislokation grundsätzlich vergleichbar. Blickt man auf den Staatsanleihensektor, insbesondere deutsche Bundesanleihen, so zeigt sich das enorme Ausmaß der Verunsicherung. Zu Beginn der Krise entstand ein klassischer Effekt: Mittelabflüsse aus risikobehafteten Anlagen wurden in möglichst sichere Anlagen umgelenkt, ein klassischer "Save Haven Flow". In der Folge stiegen die Kurse für 10-jährige Bundesanleihen deutlich an und die Renditen wurden auf ein All-Time-Low von annähernd minus 0,90 Prozent gedrückt.

Als wenig später aber klar wurde, dass die erforderliche Stützung der Wirtschaft für die Bundesrepublik Deutschland eine exorbitante fiskalische Belastung bedeuten wird und daher eine signifikante Ausweitung der Staatsverschuldung zu erwarten ist, setzte innerhalb weniger Tage ein Gegentrend ein, der letztlich zu einem Anstieg der Rendite auf minus 0,20 Prozent führte.

Im Bereich der Unternehmens- und Bankanleihen herrschte ähnlich wie im Aktienmarkt Panik, so dass Investoren sich von allem trennten, was durch den globalen Lockdown in Mitleidenschaft gezogen wird. Vor allem Anleihen aus dem Energie-, Transport- oder Autosektor sind je nach Bonität überproportional betroffen, Anleihen großer Banken verzeichnen deutliche Abschläge, und auch die Bonität von Luxusgüterherstellern wird angezweifelt.

Kursverfall auch beim Düngemittelhersteller K+S

Demgegenüber ist es überraschend, dass die Anleihen eines Herstellers von Düngemitteln - in unserem heutigen Chart der Woche die Kasseler K+S Aktiengesellschaft Börsen-Chart zeigen, vielen noch unter dem ursprünglichen Namen Kali und Salz bekannt - ebenfalls erheblich unter Druck geraten sind. Unser Chart zeigt den Kursverlauf einer 2012 begebenen Emission mit einem Volumen von 600 Millionen Euro. Die Anleihe zahlt einen Kupon von 3 Prozent und hat eine Laufzeit bis zum 20. Juni 2022, läuft also noch etwa zwei Jahre.

Angesichts der Corona-Krise erging es K+S ähnlich wie etwa Exxon Mobil Börsen-Chart zeigen oder Boeing Börsen-Chart zeigen, die Ratingagentur Standard & Poors setzte das Rating herab, so dass K+S jetzt nur noch mit B+ bewertet wird.

Während die Anleihe noch Ende Februar auf einem Kursniveau oberhalb von 100 Prozent notierte, bescherte der März dem Titel einen Kursabsturz auf unter 75 Prozent. Wer die Anleihe auf einem Niveau von 75 Prozent erwirbt, kann bis zur Fälligkeit eine Rendite von 15 Prozent pro Jahr erwarten - natürlich nur, wenn K+S bis dahin noch zahlungsfähig ist.

Liquidität als Problem

Die teilweise erheblichen Kursverluste im Anleihenmarkt, die in vielen Fällen vergleichbar stark ausfallen, wie die Korrektur der zugehörigen Aktien werden dabei oftmals nicht durch eine Änderung der fundamentalen Faktoren ausgelöst, sondern sind überwiegend liquiditätsgetrieben. Der Anleihemarkt ist im Wesentlichen ein "Over the Counter" Markt, Geschäfte werden also nicht an der Börse, sondern im direkten Kontakt zwischen Investoren und Investmentbanken oder Brokern abgeschlossen.

In Zeiten hoher Risikowahrnehmung werden alle Marktteilnehmer deutlich vorsichtiger. Was man dann vornehm als "Kaufzurückhaltung" bezeichnet, ist faktisch eine Panik und in der Folge kommt der Handel fast vollständig zum Erliegen. Investmentbanken versuchen ihre Bestandspositionen in den Markt zu drücken, ETFs müssen angesichts hoher Mittelabflüsse um jeden Preis Liquidität schaffen und dies führt dazu, dass selbst erstklassig geratete Titel sich kaum noch verkaufen lassen. Aktiv gehandelt werden aktuell allenfalls noch Staatsanleihen, für Anleihen der K+S finden sich keine Nachfrager und die Kurse werden - teils mit minimalen Umsätzen - massiv nach unten korrigiert.

Führt die fehlende Liquidität aber dazu, dass sich Positionen nur mit sehr großen Abschlägen veräußern lassen, nutzen Investoren zunehmend Credit Default Swaps, also derivative Instumente zur Absicherung gegen das Kreditausfallrisiko. Eine solche Absicherung kann sowohl für einzelne Emittenten abgeschlossen werden, gleichzeitig bietet der Markt aber auch CDS-Absicherungen auf einen ganzen Index.

Einer der bekanntesten Credit-Indices, der Itraxx Main setzt sich aus 100 Investment Grade Emittenten zusammen und wird ähnlich wie ein Aktienindex zur Absicherung von Portfolien genutzt. Der Preis eines Index-CDS steigt bei einem Anstieg der Risikoprämien - der Kursverlauf ist also zum Kurs der Anleihe entgegengesetzt.

Möchte ein Investor sich also von einer risikobehafteten Anleihe trennen, kann aber mangels Liquidität den Titel nicht zu einem angemessenen Kurs verkaufen, dann kann er sich des Risikos auch in der Form entledigen, dass er eine Kreditausfallversicherung erwirbt. Durch den "Credit Default Swap" wird das Kreditausfallrisiko auf den jeweiligen Vertragspartner übertragen, dieser muss im Falle eines "Defaults" - also bei einer Insolvenz des Emittenten - den Zahlungsausfall übernehmen. Der Absicherungseffekt des CDS entfaltet sich aber nicht nur beim Zahlungsausfall, sondern auch schon bei einem Anstieg der Risikoprämien Wirkung. Steigt das Risiko eines Zahlungsausfalls, so wird der CDS immer wertvoller, die Kursentwicklung ist also zum Kursverlauf der jeweiligen Anleihe gegenläufig.

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Erwerb von Anleihen mit gleichzeitiger Absicherung

Viele Investoren sind aktuell verunsichert, ob der Aktienmarkt bereits die Corona-Risiken vollständig eingepreist hat oder ob noch weitere Rückschläge zu befürchten sind. Wer demgegenüber am Anleihenmarkt nach Investitionsmöglichkeiten sucht, könnte möglicherweise bei Titeln wie K+S fündig werden - Anleihen von grundsätzlich soliden Unternehmen, die liquiditätsbedingt zu sehr günstigen Preisen erworben werden können.

Um hierbei aber gegen den Worst-Case, also einen Zahlungsausfall des Emittenten abgesichert zu sein, kann durch den gleichzeitigen Erwerb eines zugehörigen CDS ein Airbag integriert werden. Auch wenn ein Teil der Anleihenrendite in diese Absicherung investiert werden muss, sichert sich der Anleger die Chancen einer Preiserholung, ist aber gleichzeitig für den Fall einer Verschlechterung der Kreditqualität geschützt. Solche Geschäfte, bei denen der Preisunterschied zwischen dem Anleihekurs und der CDS-Prämie, die sogenannte "negative Basis" genutzt wird, ermöglichen im aktuellen Marktumfeld attraktive Renditen bei vergleichsweise geringem Risiko.

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