Uber angeblich 120 Milliarden Dollar wert Der vielleicht gefährlichste Börsengang der Welt

Uber-Autos in Pittburgh, USA: Der Fahrvermittler will an die Börse - zu einer utopisch erscheinenden Bewertung.

Uber-Autos in Pittburgh, USA: Der Fahrvermittler will an die Börse - zu einer utopisch erscheinenden Bewertung.

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"Fragen Sie nie einen Frisör, ob Sie einen Haarschnitt brauchen." Dem legendären US-Investor und Multimilliardär Warren Buffett, von dem dieser Satz stammt, ist wenig daran gelegen, sich in die Alltagsangelegenheiten seiner Mitmenschen einzumischen. Buffetts Ratschlag ist vielmehr selbstverständlich auf sein Fachgebiet gemünzt, das Kapitalanlagegeschäft: Wer einen Rat zu einem Investment benötigt, so die Botschaft des Altmeisters, der sollte nicht ausgerechnet denjenigen darum bitten, der mit diesem Investment Geld verdient.

In dieser Woche wurde bekannt, dass der US-Fahrdienstanbieter Uber nach Ansicht der Banken Goldman Sachs sowie Morgan Stanley inzwischen 120 Milliarden Dollar wert sein soll. Die beiden Institute gaben diese Einschätzung auch mit Blick auf einen möglichen Börsengang des Unternehmens ab, der bereits Anfang kommenden Jahres stattfinden könnte. Es ist eine gewaltige Bewertung, fast doppelt so hoch wie noch vor zwei Monaten, und ungefähr auf dem Niveau, das die drei US-Autobauer General Motors , Ford  und Fiat Chrysler  erreichen, wenn man sie zusammennimmt.

Wer die Wertangabe von Goldman Sachs und Morgan Stanley allerdings für bare Münze nimmt, der tut exakt, wovon Investmentlegende Buffett so dringend abrät: Er hört auf den Frisör, der seinen Haarschnitt anpreist.

Tatsächlich gibt es gleich eine ganze Reihe von Gründen, weshalb bei Uber aus Sicht von Geldanlegern größte Skepsis angebracht scheint, und weshalb insbesondere die Mega-Bewertung, die die beiden US-Banken in die Welt gesetzt haben, mit größter Vorsicht zu genießen ist. Hier sind die wichtigsten:

- Goldman Sachs  und Morgan Stanley gaben ihre Einschätzung ab, während sie gerade eine Milliarden-Anleihe für Uber bei Investoren platzierten. Die Nachfrage nach dem Bond war groß, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg  - und sie dürfte durch die vollmundige Wertangabe zum Emittenten noch einmal gestiegen sein. Zudem hoffen beide Banken zweifellos, auch beim Börsengang Ubers mit im Boot zu sein. Die Gebühren, die sie dann kassieren, werden auch am Volumen bemessen, das das IPO erreicht.

- Uber macht zwar Milliardenumsätze, ist jedoch nach wie vor hochdefizitär. Das ist zwar für ein junges, wachsendes Tech-Unternehmen zunächst keine Besonderheit. Angesichts der gigantischen Bewertung, die der Fahrdienst-App zugeschrieben wird, erscheint es jedoch einen gesonderten Hinweis wert. Wie die "Financial Times " vorrechnet, wäre Uber bei 120 Milliarden Dollar mit ungefähr dem Zehnfachen des aktuellen Umsatzes bewertet. Zum Vergleich: Bei Amazon , das immerhin inzwischen Milliardengewinne erzielt, liegt die Kennzahl bei weniger als der Hälfte. Auch der Schnitt an der IT-Börse Nasdaq insgesamt bewegt sich etwas unterhalb der Hälfte des möglichen Uber-Niveaus, so Bloomberg .

- Tatsächlich wäre Uber erst das zweite Unternehmen überhaupt, das bereits bei seinem Börsengang mit mehr als 100 Milliarden Dollar bewertet wird. Der andere Konzern, dem das gelang, war der chinesische Online-Händler Alibaba  bei seinem Weltrekordbörsengang mit einem Emissionsvolumen von umgerechnet mehr als 21 Milliarden Euro im Jahr 2014. Kleiner, aber feiner Unterschied: Alibaba schrieb zu dem Zeitpunkt längst schwarze Zahlen und konnte auf beeindruckendes Wachstum verweisen.

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- Bemerkenswert in dem Zusammenhang: Die Bonds, die Uber aktuell am Markt platziert, haben laut Bloomberg eine Verzinsung von 7,5 bis 8 Prozent, je nach Laufzeit. Von Ratingagenturen wie Moody's oder Standard & Poor's sei eine Bewertung im Bereich "B" zu erwarten, heißt es. Bei echten Qualitäts-Investments sehen diese Angaben anders aus.

- Uber selbst scheint noch nicht recht zu wissen, wie es jemals zu einem profitablen Unternehmen werden soll. Die Firma kämpft nach wie vor mit einem schlechten Image, das noch in der Ära des Mitgründers und früheren Chefs Travis Kalanick entstand, und das für einen B2C-Anbieter zu einem ernsthaften Geschäftsproblem werden kann. In vielen Ländern muss sich Uber zudem weiterhin mit Widerstand des bestehenden Taxi-Gewerbes herumschlagen. Gleichzeitig verbrennt das Unternehmen Unmengen an Geld in der Entwicklung autonomer Fahrkonzepte oder fliegender Autos sowie zuletzt in neuen Geschäftsfeldern wie elektrischen Miet-Fahrrädern.

- Anleger, die sich für die Uber-Aktie interessieren, sollten im Blick haben, wie andere zunächst hoch-bewertete Tech-Firmen an der Börse zuletzt abschnitten. Die Foto-App Snap  etwa wurde einige Monate vor ihrem IPO noch auf einen Unternehmenswert von 40 Milliarden Dollar geschätzt. Zum Börsengang im März 2017 waren es dann nur noch 20 Milliarden, die zudem inzwischen auf etwas mehr als neun Milliarden Dollar weiter gesunken sind.
Ähnlich verlief es beim chinesischen Handy-Konzern Xiaomi, der im Juli in Hongkong mit einer Bewertung von 54 Milliarden Dollar an die Börse kam, nachdem er noch Monate vorher ebenfalls auf 100 Milliarden taxiert worden war. Inzwischen liegt der Börsenwert Xiaomis bei 35 Milliarden Dollar.
Wohl gemerkt: Wenn sich die Bewertung eines Unternehmens nach dem Börsengang als Luftnummer entpuppt, dann sorgt das für Verluste in den Depots der Anleger, die das Papier erworben haben. Die am IPO beteiligten Banken haben zu dem Zeitpunkt ihren Schnitt längst gemacht.

- Uber befindet sich auf dem Weg an die Börse in einem Wettrennen mit dem kleineren Wettbewerber Lyft, der ebenfalls den Gang aufs Parkett anstrebt und dabei offenbar schon ein Stück weiter ist. Auch diese Konkurrenzsituation spielt vermutlich eine Rolle, wenn es darum geht, Investoren für das Uber-Papier zu begeistern. Dabei muss zudem beachtet werden, dass die Zeiten am Aktienmarkt zuletzt unruhiger wurden: Die Möglichkeit, einen Börsengang in einem günstigen Umfeld mit investitions-freudigen Anlegern durchzuführen, bleibt vielleicht nicht mehr allzu lange bestehen.

Kurzum: Selbstverständlich kann niemand in die Zukunft schauen, und die Fantasien, die Geschäftsideen wie jene von Uber wecken können, werden regelmäßig herangezogen, um hohe Unternehmensbewertungen und finanzielle Vorschusslorbeeren an der Börse zu rechtfertigen.

Derartige Erwartungen und Hoffnungen werden am Aktienmarkt jedoch ebenfalls regelmäßig auch enttäuscht. Und wer im Falle Ubers alle Argumente und Aspekte zusammennimmt, wird erkennen: Selten ergibt sich ein Bild, das die Gefahr eines finanziellen Desasters für Investoren so wahrscheinlich erscheinen lässt, wie bei dem absehbaren Börsengang des Fahrvermittlers aus Kalifornien.