Freitag, 20. September 2019

Nach der Wahl in Istanbul Analysten trauen Gewinnen türkischer Lira nicht

Die regierende AKP hat die Metropole Istanbul an einen oppositionellen Bürgermeister verloren

Die Opposition hat die Bürgermeisterwahl in der Metropole Istanbul gewonnen. Die Macht von Staatschef Erdogan schmälert das aber nur bedingt. Auch wenn die türkische Lira und der türkische Aktienmarkt zulegen, Analysten sehen die Kursgewinne eher als Strohfeuer und warnen vor neuen Konflikten.

Anleger am türkischen Aktienmarkt haben am Montag positiv auf die überraschend deutliche Wahl des Oppositionspolitikers Ekrem Imamoglu zum Istanbuler Bürgermeister reagiert. Der Leitindex ISE 100 stieg an der Istanbuler Börse in der Spitze um 2 Prozent. Die türkische Lira Börsen-Chart zeigen legte gegenüber dem Euro und dem US-Dollar um jeweils gut 1,5 Prozent zu.

Die Bedeutung der Wahl ragt nach Ansicht von politischen Beobachtern weit über die Stadtgrenzen von Istanbul hinaus. Imamoglu ist zum Symbol geworden für die Hoffnung, dass in der Türkei ein Wandel auf demokratischem Weg noch möglich ist.

Unter anderen Vorzeichen hatte Erdogan selbst einmal gesagt, wer Istanbul gewinnt, gewinnt die Türkei. So steht die Millionenstadt Experten zufolge für gut ein Drittel der Wirtschaftskraft des Landes. Viele öffentliche Aufträge werden hier vergeben. Das verschaffte Erdogans AKP, die in der Vergangenheit ihr nahestehende Firmen mit Aufträgen versorgte, auch in der Wirtschaft viele Unterstützer.

Hoffnung machte den Investoren am Montag nun auch, dass Devlet Bahceli, Chef der nationalistischen MHP und enger Verbündeter Erdogans, Spekulationen um vorgezogene Neuwahlen in der Türkei eine Absage erteilte und Erdogan selbst am Sonntag das Wahlergebnis zu akzeptieren schien.

Daraus einen grundlegenden Politikwechsel oder gar das nahe Ende des Autokraten Erdogan und seiner AKP abzuleiten, ist verfehlt. Erdogans Macht durch eine auf ihn zugeschnittene Präsidialverfassung bleibt enorm. Er kann mit Dekreten das Parlament umgehen, wenn es ihm beliebt. Und auch wenn die Opposition Bürgermeister-Posten im Land gewinnt, in vielen Stadtparlamenten hat Erdogans AKP noch immer die Mehrheit und kann die Entscheidungen des Stadtoberhaupts effektiv attackieren - zum Beispiel in Istanbul.

"Das ist eine klassische Erleichterungsrally und wenig nachhaltig"

So hegen auch Analysten Zweifel, dass in der Hoffnung demokratischerer Verhältnisse die Kursgewinne von Dauer sein werden. "Es ist eine klassische Erleichterungsrally und wahrscheinlich wenig nachhaltig", zitiert die Finanznachrichtenagentur Bloomberg Piotr Matys, Stratege bei der Rabobank in London.

Die türkische Lira Börsen-Chart zeigen hat in diesem Jahr bereits mehr als 8 Prozent ihres Wertes gegenüber dem US-Dollar eingebüßt und ist nach dem argentinischen Peso die mit am schlechtesten abschneidende Währung eines Schwellenlandes. Die einhergehende hohe Inflation schwächt die Kaufkraft der Menschen in der Türkei schon länger und belastet das Wirtschaftswachstum.

Damit sich eine dauerhafte Erholung der türkischen Lira abzeichnen könne, müsse Erdogan nicht nur die von einer Rezession bedrohte türkische Wirtschaft wieder auf Vordermann bringen, sondern auch den diplomatischen Konflikt mit den USA um den Kauf des russischen Raketenabwehrsystems S-400 lösen, betonte Analyst Matys.

Die Auslieferung des S-400-Systems in die Türkei soll bereits in der ersten Juli-Woche beginnen. Investoren stellten sich darauf ein, dass der Konflikt zwischen Ankara und Washington deshalb wieder hochkochen wird. "Wir erwarten, dass die politischen Spannungen zunehmen werden, und stehen der aktuellen Rally skeptisch gegenüber", erklärte auch Win Thin, Leiter der Währungsstrategie bei Brown Brothers Harriman & Co in New York.

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