Konflikt um Syrien und drohende Sanktionen Türkische Lira und Börse brechen ein

Mit Beginn der massiven türkischen Angriffe auf kurdische Stellungen in Nordsyrien hat die türkische Lira rund 5 Prozent nachgegeben, der Börsenleitindex gar um 7 Prozent. Die türkische Wirtschaft gilt als fragil, eine Ausweitung des Konflikts mit Sanktionen könnte ihr stark schaden, heißt es.

Mit Beginn der massiven türkischen Angriffe auf kurdische Stellungen in Nordsyrien hat die türkische Lira rund 5 Prozent nachgegeben, der Börsenleitindex gar um 7 Prozent. Die türkische Wirtschaft gilt als fragil, eine Ausweitung des Konflikts mit Sanktionen könnte ihr stark schaden, heißt es.

Foto: Lefteris Pitarakis/ picture alliance/dpa

Die US-Drohung heftiger Sanktionen gegen die Türkei hat die Anleger nervös gemacht. Der Leitindex der Istanbuler Börse, der ISE National 100, schloss am Montag 5,1 Prozent im Minus. Türkische Banken-Aktien waren besonders betroffen, gaben teils noch mehr nach.

Die türkische Lira verlor am Montag gegenüber dem Dollar weiter an Wert, sie überschritt die Marke von 5,93 je Dollar  - und das, obwohl türkische Banken laut Bloomberg  allein am Montag gut eine Milliarde Dollar verkauften, um die heimische Währung zu stützen. In der vergangenen Woche sollen die Banken mindestens 3,5 Milliarden Dollar verkauft haben. Auch der Euro gewann weiter gegenüber der türkische Lira : Für einen Euro mussten am Montag 6,5358 Lira bezahlt werden.

Die türkische Lira war bereits im vergangenen Jahr von einer Krise heimgesucht worden. Seit Jahresbeginn fiel sie um mehr als 12 Prozent, allein seit der Invasion türkischer Truppen in Nordsyrien am vergangenen Mittwoch um 5 Prozent, der Börsenindex ISE 100 rutschte im gleichen Zeitraum um rund 7 Prozent ab.

Ausgelöst hatten den neuerlichen Kurssturz Aussagen und Tweets von US-Präsident Donald Trump. Der US-Präsident erklärte laut Bloomberg, er verhandle derzeit mit US-Senatoren über mächtige Sanktionen gegen das Land am Bosporus. Auch hatten die USA via ihren Finanzminister zuvor gedroht, die USA könnten sämtliche Transaktionen mit der Türkei in US-Dollar stoppen. Die Türkei ist aber in hohem Maße auf ausländisches Kapital angewiesen.

Türkische Börse in Istanbul

Türkische Börse in Istanbul

Foto: SEDAT SUNA/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Auch die Anleihen des südeuropäischen Landes flogen am Montag aus den Depots. Dies trieb die Rendite der zehnjährigen Titel um rund einen Prozentpunkt in die Höhe auf 15,42 Prozent. Die Kosten für die Absicherung von Staatsanleihen gegen Zahlungsausfälle erreichten ein Sechs-Wochen-Hoch.

Die Türkei steht wegen ihrer seit einigen Tagen laufenden Offensive in Syrien international in der Kritik. Händler und Investoren glauben aber nicht so recht an konzertierte Sanktionen gegen die Türkei: So hatten die USA im Sommer im Streit um den Kauf des russischen Flugabwehr-Systems S-400 durch die Türkei türkische Piloten zwar aus dem Trainingsprogramm für F-35-Kampfjets ausgeschlossen und die Lieferung weiterer Maschinen gestoppt. Auf weitere Sanktionen gegen den Nato-Partner verzichteten die USA aber seinerzeit..

EU verhängt vorerst kein formelles Waffenembargo

Die Regierungen der EU haben sich am Montag darauf geeinigt, die Waffenexporte in die Türkei zu beschränken. Ein rechtsverbindliches Embargo aber beschlossen sie nicht. Italien, der führende Waffenexporteur in die Türkei im vergangenen Jahr, erklärte sich bereit, dem zuvor von Deutschland und Frankreich ausgesprochenen Waffen-Export-Stopp beizutreten. Die Entscheidung Waffen zu liefern, obliege weiter den nationalen Regierungen, hieß es am Montag in einer von den EU-Außenministern verabschiedeten Erklärung. Ein vollständiges Embargo hätte die Türkei mit Venezuela und Russland auf eine Stufe gestellt - Länder, gegen die die EU ein offizielles Verbot verhängt und sie damit als feindselig definiert hat. Diplomaten sagten, die Minister seien in punkto Türkei zu dem gleichen Schritt nicht bereit.

Sanktionen der EU könnten Türkei mehr schaden als US-Sanktionen

Gleichwohl glauben einzelne Wirtschaftsexperten, dass Sanktionen die wirtschaftliche Erholung der Türkei beeinträchtigen könnten, insbesondere wenn ein längerer Kampf die Handelsbeziehungen der Türkei mit Europa unter Druck setzte. Die Importe und Exporte der Türkei mit Europa beliefen sich 2017 auf 155 Milliarden Euro (171 Milliarden US-Dollar) gegenüber 20 Milliarden US-Dollar in den USA. Vor dem Einmarsch des Militärs hatten die Türkei und die Vereinigten Staaten, sie wollten den jährlichen Handel auf 100 Milliarden Dollar steigern.

Inanc Sozer, Chefökonom bei der türkischen Macroview Consulting, betonte, angesichts der drohenden Sanktionen würde er ein Nullwachstum in diesem Jahr als "Erfolg" betrachten. "Aber wenn die USA nächstes Jahr Sanktionen verhängen, werden wir wieder von einer Schrumpfung sprechen, die etwa 5 Prozent betragen könnte", zitierte der englischsprachige Reuters-Dienst den Experten.

Die türkische Wirtschaft sei "sehr fragil". Sanktionen könnten die Hersteller in der Türkei stark unter Druck setzen, erklärte der Ökonom weiter. Erste Anzeichen gibt es bereits: Die kalenderbereinigte Industrieproduktion der Türkei, die weitgehend als Vorläufer der Wachstumszahlen angesehen wird, ging im August gegenüber dem Vorjahr um 3,6 Prozent zurück - und damit stärker als erwartet, wie die Daten am Montag zeigten.

Politiker besorgt, dass die Nato in den Konflikt hineingezogen werden könnte

Derweil fürchten Politiker, dass eine Verbündung der Truppen des syrischen Assad-Regimes mit kurdischen Einheiten gegen die Türkei die Nato in den Konflikt mit hineinziehen und gar den Bündnisfall auslösen könnte.

Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn warnte davor, sollte das Nato-Mitglied Türkei von Syrien angegriffen werden, könne sich das Militärbündnis mit dem Bündnisfall konfrontiert sehen, sagte Asselborn am Montag beim Treffen der EU-Außenminister in Luxemburg. Diese Vorstellung sei für ihn "außerirdisch".

Die Kurden verkündeten daraufhin eine Einigung mit Damaskus zur Stationierung syrischer Truppen in dem Gebiet, das bisher von ihnen autonom kontrolliert wurde.

Damit gebe es "eine Koalition zwischen den Truppen" von Syriens Staatschef Baschar al-Assad und den Kurden, sagte Asselborn. Das bedeute, dass "ein Nato-Mitglied gegen Assad (...) kämpft". Werde nun die Türkei "von Syrien oder Alliierten von Syrien angegriffen", könne dies den Beistandsfall nach Artikel 5 des Nato-Vertrages bedeuten.

In Artikel 5 des Nordatlantikvertrags ist das Prinzip der "kollektiven Verteidigung" verankert. In ihm heißt es, dass "ein bewaffneter Angriff" gegen einen oder mehrere Partner "in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen werden wird". Die anderen Nato-Mitglieder müssten dem angegriffenen Land Beistand leisten.

Zum ersten und bisher einzigen Mal war der Bündnisfall nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA eingetreten. Damals hatte das Bündnis Aufklärungsflüge unter anderem mit Awacs-Flugzeugen über den Vereinigten Staaten geflogen.

rei mit Nachrichtenagenturen
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