Historische Verluste für Lira und Aktien Erdoğan stürzt türkischen Finanzmarkt ins Chaos

In der Türkei reagieren Anleger geschockt auf die Entlassung des Zentralbankchefs. Die türkische Lira erlebt den größten Kurssturz seit fast 20 Jahren, Staatsanleihen des Schwellenlandes geraten massiv unter Druck, der Istanbuler Aktienindex bricht um 10 Prozent ein.
Recep Tayyip Erdoğan beschädigt massiv das Vertrauen der Anleger in den türkischen Finanzmarkt

Recep Tayyip Erdoğan beschädigt massiv das Vertrauen der Anleger in den türkischen Finanzmarkt

Foto: Pool Presdential Press Service/AP/dpa

In der Türkei haben die Finanzmärkte mit drastischen Kurseinbrüchen auf die überraschende Entlassung des Notenbankchefs des Landes reagiert. Am Montag gerieten die türkische Währung, die Börse in Istanbul und Staatsanleihen des Schwellenlandes massiv unter Druck.

Die Absetzung des Notenbankchefs Naci Ağbal (53) durch Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan (67) brockte der türkischen Lira den größten Kurssturz seit fast 20 Jahren ein. Im Gegenzug werteten Dollar und Euro zeitweise jeweils mehr als zehn Prozent auf 8,1745 beziehungsweise 9,5407 Lira auf. Erdogan habe die ohnehin schon angeschlagene Glaubwürdigkeit der türkischen Notenbank weiter beschädigt, kritisierten die Analysten der Bank SEB. Nach dem aktuellen Kurssturz der Lira würden Kapitalkontrollen immer wahrscheinlicher.

Panikverkäufe bei Staatsanleihen, Aktienindex verliert 10 Prozent

Auch bei türkischen Staatsanleihen waren Panikverkäufe zu beobachten. Sie trieben die Rendite der zehnjährigen türkischen Bonds um fast sieben Prozentpunkte auf ein Zwei-Jahres-Hoch von 20 Prozent. Das ist der stärkste Anstieg ihrer Geschichte.

Der Istanbuler Aktienindex und der dortige Bankenindex verbuchten mit einem Minus von jeweils fast zehn Prozent den größten Tagesverlust seit knapp acht Jahren. Der Handel wurde zeitweise ausgesetzt. An der Wall Street steuerte der börsennotierte iShares-Fonds (ETF) auf türkische Aktien mit einem Kurseinbruch von bis zu 19 Prozent auf ein Rekordminus zu.

Banken mit großem Türkei-Engagement gingen ebenfalls auf Talfahrt. Am härtesten traf es die spanische BBVA mit einem Kursrutsch von sieben Prozent. Sie ist nach Refinitiv-Daten mit knapp 50 Prozent an der türkischen Garanti Bankasi beteiligt. Deren Papiere brachen in Istanbul um zehn Prozent ein.

Anleger fürchten Staatspleite

Für etwas Beruhigung sorgten Aussagen des Finanzministers Lütfi Elvan, die Türkei werde sich an die Regeln des freien Marktes halten. Er versicherte, die Türkei wolle den Devisenhandel nicht aussetzen. "Wir halten an unserer Wirtschaftspolitik fest, bis wir eine dauerhafte Senkung der Inflation erreicht haben", erklärte er.

Es war das dritte Mal seit Mitte 2019, dass Erdoğan seinen Notenbankchef entließ. Ağbal war erst seit knapp fünf Monaten im Amt. Erdoğan hält hohe Zinsen für "Vater und Mutter aller Übel", seiner Ansicht nach - und entgegen herrschender Meinung in den Wirtschaftswissenschaften - begünstigen sie die Inflation.

"Das Vertrauen in die türkische Geldpolitik und deren Unabhängigkeit nahm mit dem Beschluss des Staatsoberhauptes bitterlichen Schaden", kommentierte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, den Schritt. Da das Land unter einem großen Berg von Fremdwährungskrediten leide, werde die Währungsschwäche zu einem akuten Problem. "Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, ehe die Marke von acht gegenüber dem US-Dollar wieder überschritten wird."

Nach Einschätzung des Experten Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank hat der erneute Wechsel an der Spitze der türkischen Notenbank eines deutlich gemacht: "In der Türkei ist keine Geldpolitik möglich, die halbwegs stabilitätsorientiert ist." Viele Anleger hätten im November gehofft, dass mit dem Wechsel von Führungspersonal in Zentralbank und Regierung alles besser werde. "Diese Hoffnung ist am Wochenende zerstoben", sagte Leuchtmann.

Am Markt wurde die Wahrscheinlichkeit einer türkischen Staatspleite nach dem Wochenende deutlich höher eingeschätzt. Die Versicherungen für türkische Kreditausfälle verteuerten sich am Vormittag stark.

rei, cs/Reuters, AFP
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