Mittwoch, 11. Dezember 2019

Börsenprofi Carsten Klude analysiert Türkei - Damoklesschwert für andere Schwellenländer?

Seit Anfang August steht die Türkische Lira unter immensem Druck: In der Spitze verlor die Währung seit Beginn des Monats etwa 30 Prozent gegenüber dem US-Dollar beziehungsweise dem Euro. Im Vergleich zum Jahresbeginn hat die Lira gegenüber dem Greenback mittlerweile sogar fast 40 Prozent verloren.

Zeitgleich mit dem Verfall der Währung rauschten auch die Kurse türkischer Aktien und Anleihen in den Keller. So ist die Rendite einer türkischen Staatsanleihe mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren von gut 11 auf zuletzt rund 21 Prozent angestiegen; dies entspricht einem Kursverlust von mehr als 25 Prozent - in Lira gerechnet.

Eine ähnliche Entwicklung verzeichnen türkische Aktien: Der Index der 100 größten an der Istanbuler Börse notierten Unternehmen weist seit Jahresbeginn ein Minus von gut 20 Prozent auf, für den Euro-Anleger summiert sich der Verlust somit auf fast 50 Prozent.

Diese Entwicklung ist zum einen auf wirtschaftliche, zum anderen aber auch auf politische Gründe zurückzuführen. So weist die Türkei seit vielen Jahren ein im Vergleich zu anderen Ländern sehr hohes Leistungsbilanzdefizit auf. Zwar ist die Staatsverschuldung mit knapp 30 Prozent der Wirtschaftsleistung gering, doch sind insbesondere die türkischen Unternehmen aufgrund eines von der Regierung Erdogan angefachten Kreditbooms hoch verschuldet. Aber auch Privathaushalte haben die tiefen Zinsen in den vergangenen Jahren genutzt, um mehr und mehr Kredite aufzunehmen.

Dies relativiert die beeindruckenden Wachstumsraten der türkischen Wirtschaft, die in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt um knapp 6 Prozent gewachsen ist. Diese hohen Wachstumsraten wurden zu einem Großteil von ausländischen Investoren finanziert, die sich zwar lange Zeit über auskömmliche Renditen freuen durften, nun aber die Nachhaltigkeit ihres Engagements in Frage stellen, weil sie feststellen, dass das Land Jahr für Jahr über seine Verhältnisse gelebt hat und ein Aufschwung auf Pump finanziert worden ist.

Verschärft wird die wirtschaftliche Krise durch die politischen Entwicklungen in der Türkei. Nach dem Referendum im vergangenen Jahr und der Parlamentswahl im Juni 2018 regiert Staatspräsident Erdogan das Land wie ein Autokrat. Staatliche Eingriffe in die türkische Wirtschaft nehmen zu, gleichzeitig wird die Unabhängigkeit der türkischen Notenbank in Frage gestellt. Diese müsste angesichts einer Inflationsrate von fast 16 Prozent die Zinsen deutlich erhöhen, um sie wieder in Richtung der Zielmarke von 5 Prozent zu bewegen. Da Erdogan aber öffentlich erklärte, dass er gegen hohe Zinsen sei, verzichtete die Notenbank Ende Juli auf eine vom Kapitalmarkt erwartete Zinserhöhung. Damit wurde die Talfahrt der Türkischen Lira Börsen-Chart zeigen eingeläutet. Verschärft wurde der wirtschaftliche Druck durch die zunehmenden politischen Spannungen mit den USA. Nach der Festnahme eines US-Pastors in der Türkei hat US-Präsident Trump Wirtschaftssanktionen beschlossen, die die wirtschaftliche Verfassung der Türkei weiter schwächen.

Hohe Inflationsraten, ein negativer Leistungsbilanzsaldo, eine zunehmende Fremdwährungsverschuldung, sinkende Devisenreserven und politische Unsicherheiten sind allesamt Kriterien, die auch in der Vergangenheit Währungskrisen ausgelöst haben. Vor allem der hohe Anteil an Fremdwährungsschulden macht das Land verwundbar: Mit der Abwertung der Lira wird es immer schwieriger, die Schulden zurückzuzahlen. Außerdem stehen dem notwenigen Fremdwährungsbedarf sukzessive sinkende Devisenreserven gegenüber. Dies kann zu einem Teufelskreis führen, in dem Unternehmen ihre Dollar- oder Euro-Schulden nicht mehr bezahlen können und entweder zahlungsunfähig werden oder zumindest ihre Investitionen reduzieren. Beides wirkt sich negativ auf das Wirtschaftswachstum aus, worauf noch mehr Investoren ihr Geld aus der Türkei abziehen und die Lira umso mehr abwertet.

Welche Möglichkeiten hat die Türkei, um die Lira zu stabilisieren und das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen? Höhere Zinsen und eine sparsamere Haushaltspolitik wären der naheliegende Weg, beides lässt sich im Moment aber noch nicht erkennen. Stattdessen hat die türkische Notenbank in dieser Woche einen Aktionsplan zum Schutz von türkische Banken und Unternehmen verkündet. Außerdem stellt die Notenbank zusätzliche Liquidität für den Finanzmarkt bereit, indem die Mindestreserveanforderungen für die Türkische Lira und für Währungstransaktionen gesenkt werden. Zusätzlich sollen durch erhöhte Anforderungen an Devisen-Swaps Spekulationen gegen die Lira eingeschränkt werden. Zwar konnte mit diesen Maßnahmen der Liraverfall vorerst gestoppt werden, jedoch werden mit diesen Maßnahmen nur die Symptome, nicht aber die Krankheit selbst behandelt. Ein Ausweg aus der Krise ist im Moment noch nicht erkennbar.

In der Vergangenheit haben Schwellenländer in ähnlichen Situationen häufig Hilfe beim Internationalen Währungsfonds beantragt. IWF-Kredite sind jedoch immer an harte Auflagen gebunden, die das Vertrauen privater Kapitalgeber zurückbringen sollen. Ob sich Erdogan aber für einen Hilfsantrag entscheidet, ist derzeit fraglich. Zudem sind die USA der größte Kapitalgeber des IWF, was in der derzeit angespannten politischen Lage zwischen den beiden Ländern wohl dazu führen würde, dass die Vereinigten Staaten bei der Beantragung von Hilfen durch die Türkei ihr Veto einlegen würden.

Ein Rettungsanker für die Türkei wäre somit erst dann in Sicht, wenn es zu einer politischen Kehrtwende der Regierung Erdogan käme. Solange dies nicht der Fall ist, dürfte die Krise kaum zu lösen sein. Selbst wenn der Worst-Case eines Zahlungsausfalls nicht eintritt, ist zumindest eine spürbare Wachstumsverlangsamung, wenn nicht sogar eine Rezession der türkischen Wirtschaft wahrscheinlich.

Was derzeit in der Türkei geschieht, weckt Erinnerungen an die Asienkrise von 1997 und 1998. Diese nahm in Thailand ihren Anfang und griff in der Folge auf eine Reihe weiterer Schwellenländer über. Die Folge war eine handfeste Währungs-, Finanz- und Wirtschaftskrise. Damals wurde das Übergreifen der Krise in erster Linie durch eine hohe Auslandsverschuldung als Folge andauernder Leistungsbilanzdefizite und unzureichender Devisenreserven verursacht. Genau hierin unterscheidet sich die damalige Krise von der Situation heute. Auch wenn in den letzten Wochen viele andere Schwellenländer mit in den Strudel der Türkei gerieten, beurteilen wir die fundamentale Situation der meisten Länder als stabiler im Vergleich zur Türkei.

Wirft man einen Blick auf die zehn größten Schwellenländer (China, Indien, Brasilien, Russland, Mexiko, Indonesien, Türkei, Saudi Arabien, Argentinien, Polen) dann hat nur Argentinien ein ähnlich hohes Leistungsbilanzdefizit wie die Türkei (4,8 vs. 5,5 Prozent). Demgegenüber haben beispielsweise China, Russland, Saudi Arabien und Polen sogar einen Überschuss in der Leistungsbilanz, während die Defizite der anderen Länder nicht mehr als maximal 2 Prozent betragen.

Im Vergleich zu 1997 sind die Leistungsbilanzdefizite in fast allen Ländern und Regionen gesunken. So weisen die gesamten Schwellenländer heute eine fast ausgeglichene Leistungsbilanz auf, während es im Vorfeld der Krise von 1997/98 zum Teil erhebliche Ungleichgewichte gab. Auch die Währungsreserven der meisten großen Schwellenländer sind im Verhältnis zu ihrer Wirtschaftsleistung bzw. Auslandsverschuldung deutlich angestiegen - mit Ausnahme der Türkei.

Besonders komfortabel sieht die Situation in Russland, Brasilien, Indien und Mexiko aus, aber auch in Argentinien und Polen sind die Reserven heute höher als im Jahr 1997. Dies impliziert eine bessere Krisenfestigkeit, was auch vor dem Hintergrund der Aufwertung des US-Dollar und der gestiegenen US-Zinsen wichtig ist. Es ist von daher unwahrscheinlich, dass durch die Krise in der Türkei ein Flächenbrand bei anderen Schwellenländern ausgelöst wird.

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