Börsenhype um Elektroautos Weltherrschaft eingepreist - warum Teslas Aktie hochschießt
Tesla-Neuwagen-Auslieferung in Kalifornien: Investoren trauen der Firma von Mitgründer und CEO Elon Musk noch viel zu
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DPA
Tesla mehr wert als Volkswagen - diese Meldung von der Börse machte in dieser Woche die Runde. Nachdem der Elektroautobauer aus Kalifornien nach Marktwert bereits die heimische Konkurrenz von Ford und General Motors hinter sich gelassen hatte, schob ihn der rasante Kursanstieg der vergangenen Wochen auch am Platzhirsch aus Europa vorbei.
Der Volkswagen-Konzern kommt zum gegenwärtigen Zeitpunkt, beim Kurs der im Dax notierten Vorzugsaktien von rund 177 Euro, auf einen Börsenwert von etwa 89 Milliarden Euro, also etwa 98 Milliarden Dollar. Die Tesla-Aktie dagegen notiert, nachdem sie allein seit Jahresanfang noch einmal um etwa 35 Prozent zugelegt hat, inzwischen bei 572 Dollar. Das verleiht dem Unternehmen einen Marktwert von etwas mehr als 103 Milliarden Dollar. Der einzige Autohersteller, der an der Börse jetzt noch höher bewertet wird als Tesla, ist Toyota mit einem Marktwert von mehr als 230 Milliarden Dollar.
Was sich daran anschließt ist klar, nämlich die im Zusammenhang mit Börsenbewertungen immer wiederkehrende Frage: Ist das gerechtfertigt?
Die Bewertung von Unternehmen am Aktienmarkt beruht stets auf einer Mischung verschiedener Faktoren. Fundamentale Kennzahlen wie Höhe und Entwicklung von Umsatz- und vor allem Gewinn spielen dabei eine Rolle. Aber zu einem großen Teil eben auch Erwartungen an die Zukunft - und wie die wirklich aussehen wird, kann heute bekanntlich niemand sagen.
Auch im Falle Tesla vs. Volkswagen lässt sich daher bestenfalls ein Teil der Frage nach der Rechtfertigung der Bewertungen beantworten, nämlich der rationale, auf aktuellen Fakten beruhende:
- Volkswagen verkaufte 2019 knapp elf Millionen Autos weltweit, bei Tesla waren es 367.500.
- Volkswagen machte mit diesen Verkäufen einen Umsatz von voraussichtlich knapp 250 Milliarden Euro, bei Tesla werden es wohl etwa 25 Milliarden Dollar (22,6 Milliarden Euro) gewesen sein.
- Der gesamte Volkswagen-Konzern erzielte 2018 ein operatives Ergebnis von mehr als 17 Milliarden Euro und dürfte demnächst für 2019 einen Gewinn in ähnlicher Größenordnung vermelden. Tesla landete bislang lediglich in einzelnen Quartalen in den schwarzen Zahlen, auch 2019 dürfte auf Jahressicht ein Verlust zu Buche stehen.
Kurzum, es ist offensichtlich ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen: Auf der einen Seite der junge, ambitionierte Wachstumswert aus den USA, auf der anderen der seit Jahrzehnten etablierte Massenhersteller aus Wolfsburg, der Jahr für Jahr um die Krone des größten Autoherstellers der Welt ringt.
Doch es gibt im Finanzgeschäft Kennzahlen, die eine Vergleichbarkeit über derartige Grenzen hinweg möglich machen sollen. Dazu zählt beispielsweise das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), bei dem der Aktienkurs in Relation zum auf jede Aktie entfallenden Gewinnanteil gesetzt wird, oder auch das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV), bei dem die Börsenbewertung dem Unternehmenswert, wie er sich aus der Bilanz ergibt, gegenübergestellt wird.
Als Faustregel gilt dabei: Je höher KGV oder KBV, desto optimistischer blicken Investoren auf eine Aktie, desto größer also auch ihre Erwartungen an die künftige Entwicklung des dazugehörigen Unternehmens.
Für unsere beiden Kontrahenten ergibt sich daraus:
- Für Volkswagen berechnen beispielsweise die Analysten der DZ Bank auf Grundlage erwarteter Geschäftszahlen für 2019 ein KGV von 6,3. Für Tesla lässt sich für 2019 kein KGV berechnen, weil das Unternehmen voraussichtlich keinen Gewinn sondern einen Verlust erzielen wird. Für 2020 wiederum erwartet die DZ Bank einen Tesla-Gewinn von 5,90 Dollar je Aktie. Das KGV gemessen am aktuellen Aktienkurs betrüge in dem Fall knapp 80.
- Auch am KBV lässt sich ablesen, dass Investoren dem US-Elektroautopionier künftig offenbar noch viel zutrauen. Teslas KBV beträgt laut DZ Bank zurzeit 15,3. Bei Volkswagen sind es lediglich 0,7. Zur Orientierung: Ein KBV von 1 bedeutet, dass der Börsenwert exakt dem Buchwert eines Unternehmens entspricht. Was darunter liegt, spiegelt Pessimismus wider, was darüber liegt, Zuversicht - oder Überschwang. Die Tesla-Aktionäre halten Tesla für 15-mal so wertvoll, wie das Unternehmen selbst sich einschätzt.
Und noch eine relative Kennzahl lässt sich aufgrund der Börsendaten berechnen, und zwar eine, die nicht nur die Unternehmen, sondern auch deren Kunden betrifft. Gemessen an den aktuellen Marktwerten der Hersteller und der Anzahl der im vergangenen Jahr verkauften Autos bewerten Investoren
- jeden Volkswagen-Kunden mit etwa 8158 Euro, und
- jeden Tesla-Kunden mit etwa 280.272 Dollar (253.085 Euro).
Im Klartext bedeutet all dies: Volkswagen mag momentan der weitaus größere und profitablere Konzern sein. Tesla jedoch gehört nach Ansicht der Börsianer die Zukunft. Die automobile Weltherrschaft, so könnte man auch sagen, ist bei der Firma von Mitgründer und Chef Elon Musk schon heute eingepreist.
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Aber noch einmal die Frage: Wie gerechtfertigt ist der Börsenwert? Wie realistisch sind also die Erwartungen, die dahinter stehen? Eine endgültige Antwort darauf gibt es gegenwärtig naturgemäß nicht, weil - wie gesagt - niemand die Zukunft kennt. Einen Anhaltspunkt geben aber womöglich Aussagen von Pierre Ferragu vom Analysehaus New Street Research. Ferragu ist in seiner Zunft der womöglich größte Tesla-Optimist, von ihm stammt auch ein Kursziel von 1700 Dollar, welches die Tesla-Aktie dem Analysten zufolge bis 2025 erreichen kann.
Einige Annahmen, die Ferragu Medien zufolge dieser Prognose vorangestellt hat, lauten: Tesla sei der Konkurrenz technologisch überlegen und erarbeite sich insbesondere im Premium-Segment eine starke Marktposition. Bis 2025, so die Aussicht des Analysten, werde Tesla zwei bis drei Millionen Elektroautos pro Jahr absetzen.
Zufall oder nicht: Auch das Volkswagen-Management hat dem Konzern eine Strategie für dessen Milliarden-Investitionen verschlingende Umstellung auf Elektromobilität verpasst, in der das Jahr 2025 eine wichtige Rolle spielt. Bis zu dem Jahr, so ist es einer Unternehmenspräsentation zu entnehmen , will Volkswagen Jahr für Jahr ebenfalls zwei bis drei Millionen E-Autos verkaufen.
Der Unterschied zu Tesla: Bei den Wolfsburgern ist damit das komplette Konzerngeschäft nur zum Teil beschrieben. Der Elektroautoverkauf werde auch 2025 lediglich 20 bis 25 Prozent des Gesamtabsatzes ausmachen, so die Planung. Sprich: Volkswagen wird auch in fünf Jahren noch acht Millionen oder mehr Benzin- oder Diesel-betriebene Autos verkaufen, und damit, wie gegenwärtig vor allem mit den beliebten SUVs, dicke Gewinne einstreichen.
Es kann selbstverständlich alles anders kommen, aber diese Zahlen klingen zumindest nicht danach, dass Tesla Volkswagen schon in den kommenden fünf Jahren vollends in den Schatten stellen wird. Die Verantwortlichen in Wolfsburg lassen sich durch die Entwicklung an der Börse jedoch offensichtlich trotzdem nervös machen. In einer Brandrede vor Führungskräften kam Konzernchef Herbert Diess persönlich vor einigen Tagen auf die Börsenwerte von Volkswagen und Tesla zu sprechen. "Wir werden wie ein Automobilunternehmen bewertet. Tesla wie ein Tech-Unternehmen", sagte Diess laut Redetext. Der Wolfsburger-Konzern müsse ebenfalls "genau dorthin", wo die Kalifornier bereits seien. Es sei jedoch fraglich, ob Volkswagen dabei schnell genug sei, so der Konzernchef.
Diess' Worte zeigen, welchen Druck Investoren auf Konzerne und Manager ausüben können. Wobei, das sei hinzugefügt, Tesla mit einem voraussichtlichen 2020er KGV von knapp 80 auch für ein Tech-Unternehmen recht großzügig bewertet erscheint. Zum Vergleich: Das KGV von Apple , das mit iPhone-Verkäufen Jahr für Jahr Milliardengewinne erzielt, betrug Ende 2019 knapp 19. Bei Microsoft , dem wertvollsten börsennotierten Tech-Konzern weltweit überhaupt, waren es etwa 26. Lediglich der Online-Marktplatz Amazon von Gründer Jeff Bezos liegt mit einem KGV im Bereich von 80 auf Tesla-Niveau.
Auch in diesem Fall gibt es aber einen entscheidenden Unterschied: Amazon ist im Gegensatz zu Tesla bereits ein profitabler Konzern. Nur weil CEO Bezos sich regelmäßig für hohe Investitionen entscheidet, fällt der Gewinn vergleichsweise bescheiden aus - das treibt das KGV in die Höhe. Von dieser komfortablen Lage ist Tesla-Chef Musk noch ein Stück weit entfernt.