Tesla-Chef versus Shortseller Warum sich Elon Musk mit dem Flashmob verbündet

Im Wettstreit zwischen Hedgefonds und Flashmob-Tradern hat sich der reichste Mensch der Welt auf die Seite der Kleinanleger geschlagen. Das ist kein Zufall: Elon Musk liefert sich mit Shortsellern seit Jahren ein leidenschaftliches Gefecht.
Twittert gern: Elon Musk ist seit Jahren auf Mission gegen Spekulanten

Twittert gern: Elon Musk ist seit Jahren auf Mission gegen Spekulanten

Foto: Susan Walsh / dpa

Es ist der große Aufreger am Finanzmarkt in diesen Tagen: Kleinanleger stimmen sich über soziale Medien wie Reddit ab, um gezielt die Kurse von Aktien zu stützen, die von Hedgefonds leer verkauft ("geshortet") wurden. Die Investmentprofis geraten auf diese Weise in Schwierigkeiten und müssen mitunter empfindliche Verluste einstecken - und die Kurse der fraglichen Papiere können unter bestimmten Umständen geradezu raketenhaft in die Höhe schießen. Prominentes Beispiel dafür war in den vergangenen Tagen die Aktie des US-Videospielehändlers Gamestop, die binnen weniger Wochen um 1700 Prozent an Wert zulegte.

Es ist ein Kampf der breiten Masse von Privatanlegern gegen die großen Fische an der Wall Street. Hedgefonds-Milliardäre, die - so das Klischee - von Kursverlusten profitieren wollen, ohne ernsthaftes Interesse an den Unternehmen und möglicherweise Arbeitsplätzen zu haben. Die ihr Geld dadurch verdienen, dass viele Privatanleger (Wall-Street-Sprech: "Silly money") Geld verlieren. Doch die Kleinanleger bekommen im jüngsten Wettstreit prominente Unterstützung: Mit Elon Musk (49) hat sich der Chef des US-Elektroautobauers Tesla sowie des Raumfahrtunternehmens SpaceX auf ihre Seite geschlagen. Ein Mann, der dem Geldverdienen generell nicht abgeneigt sein dürfte - schließlich ist Musk mit einem Vermögen von derzeit rund 181 Milliarden Dollar  laut "Forbes" der gegenwärtig reichste Mensch der Welt.

Doch im Kampf gegen die Hedgefonds von der Wall Street steht Musk auf der Seite des "kleinen Mannes". Mitten im Kurshype um Gamestop etwa befeuerte Musk das Treiben mit einem einzigen Tweet ("Gamestonk"), woraufhin der Aktienkurs einen zusätzlichen Kursschub erhielt und weitere Shortseller in Bedrängnis geraten sein dürften. Seither hat der Tesla-Chef das Thema mit weiteren Botschaften auf seinem Lieblingsmedium Twitter zusätzlich angeheizt. Der Einfluss, den Musk derzeit über Twitter ausübt, ist beachtlich: In der Nacht zum Montag reichte ein kurzer Tweet des Tesla-Chefs, um die Kursrally der Kryptowährung Bitcoin erneut zu beschleunigen.

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Doch woher kommt Musks Engagement für die Kleinanleger und gegen die Spekulanten der Finanzmärkte? Tatsächlich trägt der Tesla-Chef seit Jahren seine eigene Fehde mit den Leerverkäufern der Wall Street aus. Die aktuelle Massenbewegung privater Investoren erscheint ihm womöglich als passende Gelegenheit, dem vertrauten Gegner erneut eins auszuwischen.

Seit Jahren wird Tesla von verschiedenen Hedgefonds und anderen Investmentprofis kritisch gesehen. Die lange Zeit mäßigen Geschäftserfolge des Unternehmens sowie die immer wieder allzu großspurig erscheinenden Ankündigungen des Chefs Elon Musk sorgten für Skepsis, insbesondere weil der Aktienkurs der tatsächlichen Konzernentwicklung seit Jahren deutlich vorauszueilen scheint. Folge: Auch Tesla ist seit Langem ein beliebtes Ziel für Shortseller, die auf einen sinkenden Aktienkurs des Konzerns setzen.

Tesla-Shortseller erleiden Milliardenverluste

Immer wieder hat sich Musk in der Vergangenheit über diese kritischen Investoren echauffiert. Und bislang hat er recht behalten: Der Aktienkurs von Tesla stieg und stieg in den vergangenen Jahren - und Shortseller sahen ein ums andere Mal alt aus. Für Schlagzeilen sorgten beispielsweise hohe Milliardenverluste, die die Leerverkäufer Ende 2019 erlitten, als die Tesla-Aktie ihren Höhenflug erst so richtig begann. (Lesen Sie hier unsere ausführliche Beschreibung des Führungsstils, mit dem Elon Musk seine Unternehmen zum Erfolg bringt: Führen wie der Speed-King - die Musk-Methode )

Die unendliche Geschichte von Elon Musk und den Shortsellern beginnt jedoch schon viel früher. Einer der ersten Hedgefondsmanager, die mit Shortwetten gegen Tesla scheiterten, war Whitney Tilson. Schon 2014 setzte er auf einen Kursrückgang des Elektroautobauers, da bewegte sich die Aktie noch auf einem aus heutiger Sicht mehr als bescheidenen Niveau von rund 50 Dollar. Tilson und seine Investmentfirma Kase Capital mussten kurz darauf erkennen, dass sie mit ihrer Wette völlig falsch lagen: Das Tesla-Papier schoss um 40 Prozent in die Höhe und brockte dem Hedgefonds empfindliche Verluste ein. Nach weiteren Fehlspekulationen machte Tilson seinen Laden einige Jahre später sogar dicht .

Kurze Hosen für David Einhorn

Hintergrund: Shortseller gehen nach einem simplen Prinzip vor. Sie leihen sich Aktien, von denen sie glauben, dass ihr Kurs fallen wird, und verkaufen diese geliehenen Papiere weiter. Das Kalkül dahinter ist, dass sie die Aktien später, zu einem günstigeren Kurs, erwerben und an den Verleiher zurückgeben können. Problematisch wird es allerdings, wenn der Kurs der fraglichen Aktien zwischenzeitig nicht fällt, sondern womöglich sogar steigt. Dann sind die Leerverkäufer irgendwann gezwungen Notkäufe zu tätigen, was den Kurs zusätzlich nach oben treiben kann. Es kommt zum sogenannten "Short Squeeze", der nicht selten mit einer regelrechten Kursexplosion einhergeht.

Der wohl prominenteste unter Musks Shortseller-Gegnern ist David Einhorn (52), Chef des US-Hedgefonds Greenlight Capital. Einhorn genoss über Jahre einen Ruf als gefürchtet und einflussreich: Nahm er eine Aktie ins Visier, so entpuppte sich die Vorhersage eines Kursverlustes nicht selten als selbsterfüllende Prophezeiung. Allein mit der Wette gegen die untergegangene US-Investmentbank Lehman Brothers machte er ein Vermögen. Doch diese Zeiten scheinen vorbei.

Auch gegen Tesla wettet Einhorn seit Jahren, bislang jedoch vergeblich. Schon 2018 wurden hohe Verluste bekannt , die Greenlight Capital mit der Falscheinschätzung des Elektroautobauers einfuhr. Und der Streit zwischen Einhorn und Musk wurde sogar persönlich. Hintergrund war ein berühmt gewordener Tweet des Tesla-Chefs aus dem gleichen Jahr, in dem er den Börsenrückzug seines Unternehmens ankündigte ("Am considering taking Tesla private at $420. Funding secured."). Die Kurzbotschaft stellte sich später als nicht valide heraus, Musk bekam Ärger mit der Börsenaufsicht SEC und musste sogar seinen Posten an der Spitze des Tesla-Verwaltungsrats räumen.

An der Börse sorgte Musk mit seinem angeblichen Vorhaben 2018 verständlicherweise für einige Turbulenzen - was wiederum professionelle Investoren wie Einhorn auf den Plan rief. Schließlich lag der Preis, zu dem Musk die Tesla-Aktien angeblich aus dem Handel nehmen wollte, über dem seinerzeitigen Börsenkurs. Denjenigen, die auf Kursrückgänge bei Tesla gewettet hatten, drohten also Verluste.

Die Reaktion von Einhorn: Er ging Musk in einem Brief, den er an Investoren sandte, persönlich hart an, nannte den Tesla-Chef "erratisch und verzweifelt". Zudem kritisierte der Hedgefondsmanager in dem Schreiben technische Mängel, die er mit einem von ihm geleasten Tesla Model S habe, verbunden mit der Spitze, dass er sich bereits auf einen bestellten Jaguar I-Pace freue - ein Konkurrenzmodell also. Musks Replik wiederum ließ nicht lange auf sich warten. "Tragisch", twitterte er. "Werde Einhorn eine Schachtel Shorts schicken, um ihn in diesen schweren Zeiten zu trösten." Tatsächlich erhielt der Hedgefondsmanager wenig später ein Paket mit kurzen Hosen, die kamen allerdings, wie sich herausstellte, nicht von Musk persönlich, sondern von einer Bekleidungsfirma, die offenbar gute PR witterte und kurzerhand auf den Zug aufgesprungen war.

Andrew Left und die Geister, die er rief

Und damit ist die Anekdote noch nicht beendet: 2020 kam Musk in seinem Dauerstreit mit den Shortsellern auf die Idee mit den kurzen Hosen zurück. Auf der Tesla-Website startete er den Verkauf von roten Shorts mit goldfarbenem Tesla-Logo und der Aufschrift "S3XY", für die Modelle S, 3, X und Y. Wie Medien berichteten , brach die Internetseite unter der Last der vielen Anfragen daraufhin kurzzeitig zusammen - und die Hosen waren innerhalb kurzer Zeit ausverkauft. Inzwischen sind sie allerdings in China offenbar wieder erhältlich .

Es gibt allerdings auch Gutes zu berichten vom Verhältnis zwischen Musk und den Leerverkäufern. Voriges Jahr wurde bekannt, dass mit Citron Research ein recht bekannter Kritiker Teslas die Seiten gewechselt hatte. Citron-Chef Andrew Left (50) wettete nicht mehr auf Kursverluste, sondern fortan auf eine positive Wertentwicklung des Unternehmens - und er kritisierte seinerseits die leer verkaufenden Kollegen wie David Einhorn oder Mark Spiegel, Chef des Hedgefonds Stanphyl Capital .

Ironie des Schicksals: Die von Musk unterstützte Bewegung der Kleinanleger hat nun auch Lefts Citron Capital bereits heftige Verluste beschert .

cr
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