Ausverkauf der Tech-Aktien Wie sich der Nasdaq-Crash vom Platzen der Dotcom-Blase unterscheidet

Der Ausverkauf an der Nasdaq erinnert an den Crash der Tech-Aktien vor 20 Jahren. Doch der Vergleich hinkt, wo einst heiße Luft war, sind heute oft Milliardengewinne – und neue Chancen für Investoren.
Händler an der US-Börse: Der Tech-Crash war heftig, aber nicht zu vergleichen mit dem Platzen der Dotcom-Blase

Händler an der US-Börse: Der Tech-Crash war heftig, aber nicht zu vergleichen mit dem Platzen der Dotcom-Blase

Foto: Michael M. Santiago / Getty Images

Viel billiges Geld von Notenbanken, mit dem die Aktienkurse in die Höhe getrieben wurden, dann eine Zinswende, und die Blase platzt – auf den ersten Blick gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Dot-Com-Crash vor 20 Jahren und dem seit Monaten laufenden Ausverkauf an der US-Technologiebörse Nasdaq. Doch ein genauer Blick zeigt die Unterschiede.

Der Langzeitchart der Kursverläufe kann zunächst Furcht einflössen: Im Vergleich zum Kursanstieg, den die Tech-Aktien bis zum Nasdaq-Rekord im November 2021 hingelegt haben, wirkt der Hype um die Jahrtausendwende beinahe niedlich. Der Blick auf die Kursverläufe in absoluten Zahlen täuscht allerdings – prozentual betrachtet ist die Dynamik beider Anstiege miteinander vergleichbar.

Das macht auch die Gegenüberstellung der Bewertungskennzahlen deutlich. Beobachter sind sich darüber einig, dass die Hausse der Tech-Aktien bis Ende 2021 mit einer deutlichen Überbewertung vieler Titel einherging. Investoren nutzten das niedrige Zinsniveau und pumpten viel billiges Geld in aussichtsreich erscheinende Wachstumsunternehmen, vor allem in der IT-Branche. Die Kennzahl, an der sich die Bewertung solcher Firmen gut ablesen lässt, ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV.

KGV von damals und heute variiert

Ein Vergleich der KGVs an der Nasdaq vor 20 Jahren und heute macht die Ähnlichkeit der Entwicklungen deutlich: Damals wie heute schossen die Bewertungen in die Höhe, es entstanden Spekulationsblasen wie aus dem Lehrbuch.

Ähnlichkeit ist allerdings nicht Gleichheit: Tatsächlich übertrieben es die Investoren zu Zeiten der Dot-Com-Blase, als die Euphorie über die Erfindung des Internets bei vielen Anlegern die Vernunft ersetzte, offenbar deutlich stärker als zuletzt: Das KGV an der Nasdaq schoss seinerzeit deutlich stärker in die Höhe als dieses Mal.

So wird der wohl größte Unterschied zwischen dem Internethype um die Jahrtausendwende und dem jüngsten Tech-Boom deutlich. Vor zwei Jahrzehnten dominierten unzählige IT-Neugründungen das Geschehen, die Investoren mit fantastischen Versprechungen lockten. Bei genauem Hinsehen verfügten diese Firmen jedoch über kein funktionierendes Geschäftsmodell, geschweige denn, dass sie profitabel gewesen wären oder auch nur Gewinne in Aussicht gestellt hätten.

Apple, Amazon oder Microsoft – weiterhin sichere Wetten?

Und heute? Der Kurshype an der Nasdaq in den vergangenen Jahren war vielschichtig. Da waren zum einen Tech-Aktien wie der Videokonferenzanbieter Zoom, die Internet-Fitnessfirma Peloton oder der Streamingdienst Netflix, die als Gewinner der Corona-Krise galten. Deren Aktienkurse schossen mit Ausbreitung der Pandemie in die Höhe, weil ihre Geschäfte ebenfalls Fahrt aufnahmen. Inzwischen ist Covid-19 aber an der Börse weitgehend Vergangenheit – und die Aktienkurse von Netflix, Zoom und ähnlichen Pandemie-Papieren notieren zum Teil unter dem Niveau, auf dem sie vor der Krise standen.

Getragen wurde der Tech-Hype der jüngeren Vergangenheit jedoch vor allem – anders als früher – von großen IT-Konzernen mit gesundem Geschäftsmodell, stabilem Cash-Flow und regelmäßigen Gewinnen. Die Rede ist von Big Playern wie Apple, Amazon oder Microsoft. Deren Kursanstiege waren in erster Linie ausschlaggebend für den Lauf der Nasdaq zum Rekord im November 2021. Seither haben zwar auch diese Konzerne deutlich an Marktwert verloren. Ihre Geschäftsergebnisse waren zuletzt zum Teil ebenfalls eher mau. Doch trotz allem stehen unter dem Strich bei ihnen weiterhin Milliardenumsätze und -gewinne.

Die Google-Mutter Alphabet, der Onlinehändler Amazon, der iPhone-Bauer Apple, die Facebook-Holding Meta sowie der Softwareriese Microsoft – sie alle gemeinsam erzielten im jüngsten Quartal einen Gesamtumsatz von 359 Milliarden Dollar und einen Gesamtgewinn von 69 Milliarden Dollar, hat der britische "Economist"  berechnet. Das sind Zahlen, die zur vergangenen Jahrtausendwende am Tech-Aktienmarkt undenkbar waren. Zudem haben diese Unternehmen weiterhin eine starke Wachstumsdynamik, was insbesondere für die Cloud-Sparten von Alphabet, Amazon und Microsoft gilt.

Wichtig ist dabei, dass das Kurs-Gewinn-Verhältnis aus zwei Komponenten besteht: aus dem Aktienkurs, aber eben auch aus dem Unternehmensgewinn. Die Zeiten, in denen der Aktienkurs in keinem vernünftigen Verhältnis zum Unternehmensgewinn stand – sofern ein solcher überhaupt anfiel – sind bei den großen Tech-Konzernen lange vorbei. Heute werden viele von ihnen zwar nach wie vor vergleichsweise ambitioniert bewertet. Angesichts der Profitabilität erscheint die Wette aber vielfach nicht allzu gewagt.

Ein Beispiel ist Amazon. Der Handelskonzern von Multimilliardär Jeff Bezos (58) wurde vor nicht einmal zehn Jahren noch mit KGVs von 900 und mehr an der Börse gehandelt. Dann schrieb Amazon erstmals schwarze Zahlen – und das KGV rauschte abwärts. Heute stehen bei dem Online-Konzern vergleichsweise hohen Aktienkursen Milliardengewinne gegenüber. Das KGV ist daher gegenüber früheren Zeiten deutlich zurückgegangen.

So haben sich die Bewertungen von Tech-Aktien entwickelt

Ähnlich verhält es sich bei weiteren führenden US-Tech-Konzernen wie Apple, Alphabet oder Microsoft. Die Aktien dieser Big Player waren im vergangenen Hype bereits die Haupttreiber für den Nasdaq-Anstieg. Sie könnten es Experten zufolge auch künftig wieder sein. "Jetzt, da die Bewertungsniveaus angepasst wurden und die Aufschläge des Sektors gegenüber dem Markt wieder mit seiner längerfristigen Historie übereinstimmen, könnten sich für geduldige Anleger einige Chancen ergeben", sagt etwa Dirk-Jan Dirksen, Tech-Analyst bei NN Investment Partners. "Rentable Unternehmen mit besserer Umsatztransparenz und gesunden Bilanzen, die von langfristigen Wachstumstrends profitieren, die weniger von makroökonomischen und geopolitischen Ereignissen beeinflusst werden, werden sich mit der Stabilisierung des Marktes wahrscheinlich besser entwickeln.”

Einige Tech-Aktien, die Dirksen dabei im Blick haben könnte, finden Investoren hier .