Montag, 14. Oktober 2019

Börsenprofi Carsten Mumm erklärt Steigender Goldpreis - kommen Inflation und Krise?

Armin Weigel/ DPA

Gold gilt unter Anlegern als Inflationsschutz und Krisenwährung. Und tatsächlich hat sich dieser Zusammenhang in der Vergangenheit auch immer wieder bestätigt. Zwischen 1972 und 1975 sowie um 1980 herum zog der Goldpreis von 50 auf 200 US-Dollar beziehungsweise von 200 auf 850 US-Dollar deutlich an. In beiden Zeiträumen stiegen auch die Verbraucherpreise innerhalb kurzer Zeit um ein Vielfaches - in Deutschland jeweils von gut 2 auf fast 8 Prozent.

In den folgenden Jahren fallender Inflationsraten gaben die Notierungen für das Edelmetall in beiden Fällen wieder deutlich nach. Seitdem sanken die Inflationsraten unter immer geringeren Schwankungen sukzessive weiter ab. Im Mittel lag die Steigerung der Verbraucherpreise in Deutschland seit Ende der 90er-Jahre nur noch bei etwa 1,5 Prozent. Entsprechend fielen die Goldnotierungen bis 2001 auf gut 250 US-Dollar zurück.

Carsten Mumm
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    Donner & Reuschel
    Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapital-marktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Die folgende dynamische Aufwärtsbewegung des Goldes wurde nicht von inflationären Tendenzen, dafür aber von einer ungewöhnlichen Abfolge verschiedener Krisen mit jeweils erheblichen Rückwirkungen auf andere Anlageklassen, vor allem auf die Aktienmärkte, begleitet. Während des Platzens der Internetblase sowie infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise sowie der anschließenden Staatsschuldenkrise in der Eurozone stieg der Goldpreis innerhalb von zehn Jahren um über 600 Prozent auf knapp 1.900 US-Dollar an. Nach acht Jahren Konsolidierung und einer langjährigen Seitwärtsbewegung zwischen 1050 und 1350 US-Dollar kam es im Sommer 2019 dann zum charttechnischen Ausbruch des Goldpreises über die Marke von 1400 und einem weiteren Anstieg auf aktuell etwa 1500 US-Dollar.

Sind also die nächste größere Krise und/oder eine überbordende Inflation in Sicht?

Von Seiten der Inflationsentwicklung besteht derzeit kaum Anlass zur Sorge. So lagen die Steigerungsraten der Verbraucherpreise zuletzt bei gerade einmal 1,0 Prozent in der Eurozone und 1,4 Prozent in Deutschland. Die um die relativ schwankungsreichen Komponenten Energie und Nahrungsmittel bereinigte Kernrate verharrt seit 2009 ohne größere Veränderungen nahe 1,0 Prozent. Die Daten liegen damit deutlich unterhalb der von der Europäischen Zentralbank (EZB) als Ziel ausgegebenen Inflationsrate von etwa 2 Prozent.

Nur leicht höhere Preissteigerungsraten sind in den USA zu verzeichnen. Sowohl dies- als auch jenseits des Atlantiks gaben in diesem Zuge auch die implizit über Derivate messbaren Inflationserwartungen und damit einer der wichtigsten Treiber inflationärer Entwicklungen, immer weiter nach. Auch global zeichnet sich ein eindeutiger Trend zu fallenden Inflationsraten ab.

Anders sieht es bei der Bewertung möglicher Krisenszenarien aus. Es ist aktuell kein Kunststück, gute Gründe für das Hereinbrechen von Marktturbulenzen zu benennen, zum Beispiel den globalen zyklischen Konjunkturabschwung gepaart mit Handelskonflikten, Brexit, Unsicherheiten im Nahen Osten, deutlich erhöhten Verschuldungsniveaus vieler Staaten und Unternehmen, einem geopolitischen Wettlauf um die globale Vormachtstellung zwischen China und den USA, dem Klimawandel und anderem.

Diese Unsicherheiten sind jedoch allesamt nicht neu. Eine wesentliche Veränderung hat sich aber seit Ende 2018 - dem Startpunkt der jüngsten Goldpreishausse - tatsächlich ergeben. Global haben viele bedeutende Notenbanken wieder einen expansiveren Kurs aufgenommen. Allen voran die US-Notenbank Fed hat im Zuge der massiven Eintrübung der konjunkturellen Perspektiven in den vergangenen zwölf Monaten eine Kehrtwende von der Ankündigung weiterer Leitzinsanhebungen bis zur ersten Leitzinssenkung im Juli vollzogen.

Aber auch die EZB senkt, anders als noch vor wenigen Monaten erwartet, die Zinsen weiter. Die Auflage eines neuen Wertpapierkaufprogramms wurde ins Spiel gebracht. Zudem wird in Fachkreisen verstärkt die Möglichkeit von direkten Geldtransfers von der Notenbank an Unternehmen, Staaten und Private diskutiert. Getrieben werden EZB-Präsident Mario Draghi und seine Kollegen von der Absicht, das ausgegebene Inflationsziel doch noch zu erreichen. Allein der absehbare Konjunkturabschwung schwächt die kaum vorhandene inflationäre Entwicklung jedoch schon heute zusätzlich. Das strukturelle Niedrig- beziehungsweise Negativzinsniveau wird somit noch lange erhalten bleiben.

Entsprechend sind parallel zum Goldpreisanstieg auch die Verzinsungen vieler Staatsanleihen auf neue Tiefstniveaus gestürzt. So fiel die Rendite einer zehnjährigen Bundesanleihe zwischenzeitlich bis auf minus 0,75 Prozent pro Jahr. Selbst Italien konnte vor kurzem eine zehnjährige Staatsanleihe mit einer Verzinsung von weniger als 1 Prozent pro Jahr emittieren. Zudem rentieren immer mehr Unternehmensanleihen mit sehr guten Bonitäten unterhalb der Nulllinie. Weltweit weisen derzeit Staatsanleihen im Gegenwert von über 15 Billionen US-Dollar eine negative Rendite auf.

Besitzer von verzinslichen Wertpapieren befinden sich dadurch in einem Dilemma: schon leichte Zinsanstiege können mit erheblichen Kursverlusten einhergehen. Der jüngste Renditeanstieg zehnjähriger Bundesanleihen auf minus 0,54 Prozent pro Jahr reichte, um den fiktiven Kurs einer entsprechenden Bundesanleihe - gemessen an der Wertentwicklung des Euro Bund Future - um gut 3 Prozent (von 179,5 auf 174,0) nachgeben zu lassen. Durch die Negativzinsen können Kursverluste nicht durch anteilige Kupons kompensiert werden. Trotz Zinsanstiegs verbleibt die aktuelle Rendite tief im roten Bereich.

Die Vermeidung von Negativzinsen macht Goldanlagen vergleichsweise attraktiv. Sollte sich in den kommenden Jahren tatsächlich eine Krise größeren Ausmaßes manifestieren, dürfte zudem die Funktion des Goldes als "sicherer Hafen" der Kapitalanlage einen Teil der möglichen Verluste aus anderen Anlageklassen kompensieren.

Den Grundstein für potenzielle Kapitalmarktturbulenzen legen die Notenbanken durch die jahrelang extrem expansive Geldpolitik selbst. Bedenkenswerte Nebenwirkungen sind vor allem preisliche Verzerrungen bei Anleihen, Aktien, Immobilien und allen Arten von Sachanlagen, aber auch realwirtschaftliche Fehlallokationen von Kapital. Der Anteil der Unternehmen, deren Gewinne nicht ausreichen, um trotz niedriger Refinanzierungskosten ihre Zinsaufwendungen zu begleichen - sogenannte Zombie-Unternehmen - hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. In Europa wird dieser auf 10 bis 15 Prozent geschätzt. Eine erhebliche wirtschaftliche Abkühlung einhergehend mit einem Zinsanstieg würde viele dieser Unternehmen in den Konkurs treiben mit entsprechend negativen Rückwirkungen auf Banken und Kapitalmärkte. Die ohnehin schwächelnde Konjunktur würde durch eine nachlassende Kreditvergabe noch weiter geschwächt. Diese Zusammenhänge kennt auch die EZB - ein weiterer Grund, die Zinsen niedrig zu halten und die Konjunkturdelle möglichst schnell wieder auszugleichen.

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Sollten hingegen die Bemühungen der Notenbanken erfolgreich sein und anziehende Inflationsraten absehbar werden, käme der Inflationsschutz des Goldes zum Tragen. Anleihen hingegen würden über steigende Zinsen erhebliche Kursverluste einfahren.

Obwohl Gold aufgrund der fehlenden laufenden Erträge nicht zu den klassischen Kapitalanlageformen gezählt wird, kann eine strategisch eingegangene Position im Rahmen eines gut diversifizierten Portefeuilles als Absicherung gegen besondere Risiken somit sinnvoll sein - gerade in geopolitisch unsicheren Zeiten oder für den Fall eines Vertrauensverlustes in etablierte Währungen.

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