Warum Spotify trotz Horror-Verlusten an die Börse geht Tech-Wette für die Massen

Der weltgrößte Musikstreaming-Dienst Spotify geht an die Börse - und lässt sich dabei gerne mit Branchenriesen wie Netflix vergleichen, um die Phantasie der Anleger zu beflügeln. Was ist dran am Spotify-Hype?
Taylor Swift: Die US-Sängerin, die Spotify einst boykottierte, kommt an dem Dienst auch nicht mehr vorbei

Taylor Swift: Die US-Sängerin, die Spotify einst boykottierte, kommt an dem Dienst auch nicht mehr vorbei

Foto: JEWEL SAMAD/ AFP

Es ist eine dieser Wachstumskurven, die Investoren Dollarzeichen in die Augen treiben: Das Abonnenten-Wachstum von Spotify und Netflix im Vergleich. Kaum überraschend, dass Spotify-Chef Daniel Ek die Kurve des Finanzdienstleisters BTIG seinen Twitter-Followern nicht vorenthalten wollte.

Schließlich lässt Spotify darin den gefeierten Konkurrenten Netflix regelrecht alt aussehen, der ebenfalls lange rote Zahlen schrieb und heute Milliarden wert und profitabel ist.

Auf Phantasie konnte sich Ek an diesem Dienstag bei seinem Börsengang verlassen: Der Kurs des von ihm gegründeten Unternehmens sprang zum Start in New York zunächst kräftig in die Höhe.

Konventionell ist an dem ersten großen Tech-Börsengang des Jahres ziemlich wenig. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick

Wie geht es Spotify wirtschaftlich?

Das schwedische Unternehmen ist mit 159 Millionen Nutzern weltweit und 71 Millionen zahlenden Kunden zwar klarer Marktführer im Musik-Streaming-Geschäft - und das vor Tech-Riesen wie Amazon  und Apple  . Allerdings schreibt Spotify drastische Verluste.

Profit ist nicht in Sicht. Alleine im vergangenen Jahr legten das operative Minus noch einmal von 349 Millionen auf 378 Millionen Dollar zu. Und Hoffnung auf schwarze Zahlen sollten sich potenzielle Investoren auch so schnell nicht machen. Denn auch für 2018 rechnet Spotify mit Verlusten irgendwo zwischen 230 und 330 Millionen Dollar.

Was erhofft sich Spotify vom Börsengang?

Jedenfalls kein neues Kapital. Denn das gibt es für das Unternehmen bei der von ihm gewählten Art des Börsenganges auch nicht. Frisches Geld ist laut Ek dank eines milliardenschweren Finanzpolsters aktuell auch gar nicht nötig.

In Finanzkreisen ist daher sogar von einem "Anti-Börsengang" die Rede. Denn statt eines regulären Listings hat sich Spotify für eine sogenannte Direktplatzierung entschieden, bei der keine neuen Aktien herausgegeben, sondern lediglich bereits existierende Anteile an die Börse gebracht werden.

Hoffen auf den Hype

Das ersparte dem Unternehmen jede Menge Aufwand, Geld und Restriktionen. Statt einer aufwändigen Roadshow gab es lediglich einen jedermann zugänglichen Investors Day.

Für aktuelle und künftige Investoren wird es aber künftig deutlich einfacher, Spotify-Anteile wieder loszuschlagen oder zu kaufen. Und: Eine Haltefrist für Anteilseigner gibt es bei einer Direktplatzierung auch nicht.

Wer profitiert?

Stimmt der Kurs, profitieren erst einmal diejenigen Investoren, die Spotify-Anteile losschlagen wollen. Kasse machen könnte aber auch Ek selbst. Der Chef des Streamingdienstes könnte theoretisch durch den Börsengang seines Unternehmens um bis zu zwei Milliarden Dollar reicher werden.

Und natürlich könnten bei einer guten Kursentwicklung auch andere Anteilseigner Aktien losschlagen. Neben Ek sind dies sein Mitgründer Martin Lorentzon, der jüngsten Angaben der SEC gegenüber zuletzt rund 13 Prozent am Unternehmen hielt.

Darüber hinaus die Streaming-Tochter des chinesischen Tech-Riesen Tencent mit rund 7,5 Prozent, der Hedge Funds und frühe Facebook-Investor Tiger Global mit knapp 7 Prozent, Sony (5,7 Prozent), und Technology Crossover Ventures mit rund 5,4 Prozent.

Wer soll kaufen?

Kaufen kann im Prinzip jeder. Neben institutionellen Investoren, für die ein Tech-Wert wie Spotify im Portfolio attraktiv sein könnte, zielt die Strategie und ganze Präsentation Eks stark auf tech-affine sogenannte "Generation-Z-Investoren" (je nach Definition die Jahrgänge ab 1995 bis 2010), für die die eigene Nähe zum Investment eine große Rolle spielt.

Der Fan als Investor

Und diese dürften sich - anders als womöglich institutionelle Investoren - wenig in die Geschäfte einmischen.

Was ist das Versprechen an Investoren? Ist Spotify mit Netflix vergleichbar?

Ek verspricht Investoren, an einem zukunftsträchtigen Tech-Unternehmen beteiligt zu sein, mit dem sich langfristig eine gute Rendite erzielen lässt. Das ist auch der Grund, warum Ek so gerne den Vergleich mit Netflix  heranzieht. Dessen Kurs hat alleine in den vergangenen Monaten um mehr als 90 Prozent zugelegt.

Allerdings lassen sich die beiden Geschäftsmodelle aktuell nur beschränkt miteinander vergleichen. Während Netflix seine Inhalte mittlerweile massenhaft selbst produziert, ist Spotify aktuell weitgehend auf fremde Inhalte angewiesen. Von einem Dollar bleiben dem Streamingdienst Schätzungen zufolge nur etwa 25 bis 29 Cent. Eine Marge, an der Streamingdienst dringend arbeiten muss.

Ist Spotify der aufstrebende europäische Stern am US-dominierten Tech-Himmel?

Das bleibt abzuwarten. Es ist durchaus denkbar, dass einige Investoren am Dienstag vom Hype profitieren und richtig Kasse machen. Allerdings könnte es nach Einschätzung von Analysten eine ganze Weile dauern, bis sich ein stabilerer Preis für das Papier etabliert.

Dass Wetten mit Tech-Aktien wie Spotify hoch riskant sind, zeigt aktuell der Sofortnachrichtendienst Snapchat. Für den Tech-Wert ging es nach einem gefeierten Börsendebüt vor rund einem Jahr rapide nach unten. Heute ist die Aktie nur noch rund die Hälfte des Ausgabepreises wert.