Montag, 30. März 2020

Börsenprofi Carsten Mumm erklärt So drückt das Coronavirus die Zinsen zusätzlich nach unten

picture alliance / dpa

Die Zinsen in der Eurozone befinden sich im freien Fall. Die steigende Verunsicherung im Zuge der Verbreitung des Coronavirus hat zuletzt dafür gesorgt, dass die Renditen für Bundesanleihen aufgrund der Nachfrage nach sicheren Häfen der Kapitalanlage wieder deutlich gefallen sind. So rentieren zehnjährige deutsche Staatsanleihen aktuell mit -0,53 Prozent p.a. und damit auf einem Niveau, das bisher nur einmal Mitte 2019 für kurze Zeit unterschritten wurde. In der letzten Woche wurde eine 30-jährige Bundesanleihe mit einer Rendite von nur noch 0,07 Prozent p.a. emittiert. Kürzlich sind die Renditen auch in diesem Segment wieder unter die Nulllinie gefallen.

Carsten Mumm
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    Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapital-marktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Doch nicht nur Deutschland, sondern alle Eurozonen-Teilnehmerstaaten können sich derzeit zu fast rekordniedrigen Konditionen refinanzieren. Auch Österreich, Frankreich, Belgien, die Niederlande und Irland veranschlagen bei zehn Jahren Laufzeit aktuell negative Verzinsungen, erhalten also von Anlegern Zinsen als Gegenleistung für die Kreditaufnahme. Die Renditen spanischer und portugiesischer Staatsanleihen liegen mit 0,26 und 0,23 Prozent p.a. nur noch knapp im positiven Bereich. Und selbst Italien und Griechenland zahlen nur noch 1,02 bzw. 1,17 Prozent p.a. bei der Aufnahme von Zehn-Jahres-Krediten an ihre Gläubiger. Bis vor kurzem lagen diese ebenfalls unter der Marke von 1 Prozent.

Damit profitieren auch Italien und Griechenland von der Nachfrage nach sicheren Häfen, denn offensichtlich bewerten Anleger die unausgesprochene, aber über entsprechende Kommunikation, Zinssenkungen und Wertpapierkaufprogramme implizit gegebene Garantie der Europäischen Zentralbank EZB für alle Eurozonenstaaten weiterhin als werthaltig. Zwar zeugt der noch vorhandene Renditeunterschied im Vergleich zu Bundesanleihen von einer differenzierten Bewertung der Schuldentragfähigkeit verschiedener Staaten. Und auch die Ratings der Agenturen Fitch und S&P stufen Griechenland trotz Verbesserungen in 2019 mit BB bzw. BB- noch immer im Non-Investment-Grade-Bereich ein.

Trotzdem ist der griechische Staat bereits mit eigenen Anleiheemissionen an den Kapitalmarkt zurückgekehrt. Die Emission einer 15-jährigen griechischen Staatsanleihe im Januar 2020 war dabei sogar mehrfach überzeichnet. Anleger hätten also gern ein größeres Volumen abgenommen und gehen offensichtlich davon aus, dass die Ratings künftig besser ausfallen werden. Sollte der Investment-Grade-Bereich wieder erreicht werden können, könnte auch die EZB griechische Anleihen im Rahmen ihres Wertpapierkaufprogramms wieder berücksichtigen. Italien befindet sich mit einem BBB-Rating aktuell gerade noch im Investment-Grade-Segment.

Das absolut und im historischen Vergleich sehr niedrige Zinsniveau zeigt, dass nennenswerte Ausfallrisiken derzeit kaum gesehen werden. Wenn also die Rückzahlung von deutschen und italienischen bzw. griechischen Staatsanleihen als jeweils hoch wahrscheinlich angesehen werden, macht es aus Sicht eines Anlegers Sinn, zumindest einen Teil des verzinslich angelegten Kapitals auch in den Staatsanleihen der sog. Eurozonen-Peripherie anzulegen. Das seit Jahren anhaltende und auch kaum zeitnah endende strukturelle Niedrigzinsniveau hält die Nachfrage nach allen Anlagenmöglichkeiten mit einer in Aussicht stehenden Risikoprämie weiter hoch. Gleichwohl zeigt die Vergangenheit, dass sich die Bonitätseinschätzung an den Kapitalmärkten auch einmal schnell wieder ändern kann, weshalb die Investitionsquoten zumeist kaum über Beimischungen hinausgehen dürften und auch negativ verzinste Anleihen bonitätsstärkerer Emittenten nachgefragt bleiben.

Zur Stabilisierung beigetragen hat in Italien und Griechenland auch die innenpolitische Entwicklung und die zumindest zeitweise erfolgte Verdrängung radikaler politischer Parteien. Während in Italien mittlerweile eine Koalition aus Fünf-Sterne-Bewegung und Sozialdemokraten die Regierungsgeschäfte führt, regiert in Griechenland seit Mitte 2019 eine konservative Regierung unter Ministerpräsident Mitsotakis, die sich für wirtschaftsfreundliche Reformen einsetzt. Zwar liegt die jeweilige Staatsverschuldung mit 137 Prozent in Italien und 180 Prozent in Griechenland (bezogen auf das BIP) nach wie vor relativ hoch, aber der Anstieg der Verschuldungsquoten konnte in den letzten Jahren deutlich reduziert werden. Beide Regierungen werden mittelfristig von erheblich sinkenden Zinsausgaben angesichts der niedrigen Renditeniveaus profitieren. Insbesondere in Italien sind die Refinanzierungskosten seit der Abdankung der Regierung Salvini bereits stark gesunken.

Auch ökonomisch geht es in beiden Staaten grundsätzlich in die richtige Richtung, wenn auch die Dynamik noch deutlich zulegen könnte und weitere Strukturreformen angegangen werden müssen, um auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zurückkehren zu können. Wichtige Stimmungsindikatoren von Unternehmens- und Verbraucherseite hatten zuletzt Aufwärtstendenzen zu verzeichnen. Das Wirtschaftswachstum betrug in 2019 in Griechenland etwa 2 Prozent, in Italien lag es gerade einmal knapp über der Nulllinie.

Allerdings haben beide Volkswirtschaften die Vorkrisenniveaus von 2007/2008 noch nicht wieder erreicht. Wie in Deutschland auch, war das Wachstum der Industrieproduktion zuletzt sogar deutlich rückläufig, allerdings vor allem weltwirtschaftlich bedingt und mit einem geringeren Ausmaß als in Deutschland - vor allem wegen einer geringeren Abhängigkeit von industriellen Warenexporten. Zuversichtlich hingegen stimmt der jeweilige Trend am Arbeitsmarkt. Während die Arbeitslosenquote in Italien zuletzt unter die Marke von 10 Prozent gerutscht ist, liegt der Wert in Griechenland noch bei vergleichsweise hohen 16 Prozent, konnte aber in den letzten Jahren auch gesenkt werden.

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Das größte Risiko ist derzeit ein erheblicher wirtschaftlicher Abschwung, dessen Wahrscheinlichkeit mit der Verbreitung des Coronavirus und den resultierenden Rückwirkungen auf Konsum, Investitionen, Produktion und Reisetätigkeiten zuletzt deutlich zugenommen hat. Aus heutiger Sicht ist allerdings davon auszugehen, dass dieser Effekt temporär sein wird. Zudem trifft das Problem viele Volkswirtschaften weltweit gleichzeitig und ist daher nicht länderspezifisch.

Hinzu kommen vor allem in Italien eher unberechenbare politische Verhältnisse, die immer wieder für zwischenzeitliche Verunsicherung sorgen könnten. Man kann daher davon ausgehen, dass die Renditen griechischer und italienischer Staatsanleihen im Vergleich zu Bundesanleihen, also die Risikoprämien, immer einmal wieder auch zulegen werden. Solange aber politische Eskalationen vermieden werden können, dürfte der Fokus der Marktteilnehmer sich vorerst weiter auf derzeit brisantere Themen wie - neben kurzfristig Corona - die Handelskonflikte oder im weiteren Jahresverlauf sicher auch wieder den Brexit fokussieren - eine gute Voraussetzung, die Zeit niedriger Zinsen für weitere zukunftsweisende Reformen in den Volkswirtschaften der Eurozonen-Peripherie zu nutzen.

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