Türkei Bye bye Boom

Lange sah es so aus, als würde die Türkei gut durch die Krise kommen. Doch die Lira fällt, die Syrien-Krise erhöht die Nervosität, und die Kreditkartenschulden der türkischen Konsumenten wachsen rasant. Droht ein Bankensterben?
Von Arne Gottschalck
Istanbul: Steigen die Zinsen in den USA, droht die Wirtschafts-Dämmerung

Istanbul: Steigen die Zinsen in den USA, droht die Wirtschafts-Dämmerung

Foto: ? Murad Sezer / Reuters/ REUTERS

Hamburg - Sie sieht aus wie eine jener Schmuckketten, für die kleine Mädchen mit ernstem Gesicht Perle an Perle reihen. Rot neben grün, groß neben klein, Holz neben Metall. Starbucks neben Bücherläden, Boutiquen neben Bars, so spannt sich die "stiklâl Caddesi" vom Galata-Turm zum Taksim-Platz, der inzwischen als Schauplatz von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten weltbekannt geworden ist.

Nachts glitzert Istanbuls Einkaufsstraße Nummer eins, tagsüber schieben sich zehntausende Menschen darauf hin und her. Und mittendrin, wie das Schloss der Kette, das Rotweiß der Akbank, einer der größten türkischen Banken. Dort können die einheimischen Passanten unter anderem Kredite beantragen - unter anderem auch am Bankautomaten. Das ist gut für den Konsum. Aber bedenklich für das ganze Land.

Türkei und Frankreich an der Seite der USA

Zwar sonnt sich die Türkei in ihrer wachsenden wirtschaftlichen und hohen geopolitischen Bedeutung. Das Land zählt neben Frankreich zu den wichtigsten Verbündeten der USA bei einem möglichen Militärschlag gegen Syrien und soll im Fall eines Militärschalgs logistisches Drehkreuz der US-Streitkräfte sein. Doch abseits der großen Außenpolitik sieht es düster aus - überraschend düster für ein Land, das noch vor einem Jahr als Tiger vom Bosporus genannt wurde.

So hat die Währung, die türkische Lira, seit Beginn des Jahres massiv an Wert verloren. Der türkische Aktienmarkt, der ISE 100, büßte seit Mai 25 Prozent an Wert ein. Und am Kapitalmarkt musste das Land zuletzt über 9 Prozent Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen zahlen. Eine Größenordnung, bei der es im Schatten der Euro-Krise heißt, kein Staat könne sie langfristig durchhalten. All das zeigt - die Wirtschaftsmaschine Türkei rasselt und knirscht; kein Gedanke mehr an das leise Surren der Vergangenheit.

Erdogan: "Lasst die Finger von Kreditkarten"

"Hot Money" wird auch schnell wieder abgezogen

Auf den ersten Blick liegt die Ursache für dieses Knirschen klar zutage. Kaum hatte mit Ben Bernanke der Chef der amerikanischen Notenbank Fed erklärt, das Anleihenaufkaufprogramm nicht ewig laufen zu lassen, zogen die Herren des Geldes sich aus den Emerging Markets zurück - und damit auch aus der Türkei.

Das zeigt sich auch in den Stimmungsberichten. So fiel der Investor Confidence Index, von State Street monatlich verzeichnet, im August um 2,6 Punkte auf 105,1 Punkte. Allein aus Exchange Traded Products auf Emerging-Markets-Anleihen flossen im Juli 256 Millionen Dollar ab. Eine Interessenumkehr - denn bislang strömten im Jahr 2013 den Ländern 248 Millionen Dollar zu, notiert Blackrock. Eigentlich ein normaler Vorgang. Denn heißes Geld strömt schnell in ein Land, aber auch schnell wieder heraus. "Anfangs war da auch viel dummes Geld unterwegs", sagt Gabriel Panzenböck, Anleihenexperte der Raiffeisen Capital Management. Das Fatale an dieser Situation liegt in der Tatsache, dass die Kapitalflucht die Türkei zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt erwischt.

Erdogan: "Lasst die Finger von Kreditkarten"

Denn das Land hat mit Problemen zu kämpfen, die an einige südeuropäische Länder zu Zeiten vor der Krise denken lassen. Und die werden durch die Kapitalflucht verschärft.

Die Privatschulden sind es, die Volkswirte die Stirn runzeln lassen. Denn die Türken geben ihren vergleichsweise neuen Wohlstand mit vollen Händen aus. So sehr, dass sogar die Offiziellen des eigenen Landes beschwichtigend die Hände heben. Premierminister Recep Erdogan murrte über die Kreditkarten und riet seinen Landsleuten: "Lasst die Finger davon." Dazu mag ihn die ernste Sorge bewegt haben, dass die Dynamik der Zunahme der Privatschulden aus dem Ruder läuft. Es mag aber auch die wohlfeile Suche nach einem Sündenbock sein, so wie er auch immer wieder zitiert wird, die "Zinslobby" wolle die Schwankungen der türkischen Wirtschaft nutzen, um ihr zu schaden.

"Wir konsumieren mehr als wir verdienen"

Seine Bestandsaufnahme indes ist richtig. Denn Kredite und Konsum auf Pump sind es, die den Aufschwung in der Türkei bislang befeuert haben. Ähnlich wie in den USA, macht der private Konsum gut 70 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes aus. Und ähnlich wie in den USA lebt man auf Pump - Kreditkarten machen es möglich. "Die Menschen nutzen die Kreditkarte als ein Leihinstrument", sagte Martin Raiser, Länderdirektor der Weltbank in der Türkei, der "Zeit".

Die Banken haben diese Form der Kreditvergabe lange verstärkt; viele Türken haben mehrere Kreditkarten. "Ich kenne kein anderes Land, das so vielfältige Ratenzahlungen bei Kreditkarten ermöglicht wie hier", sagt Ozan Acar vom türkischen Forschungsinstitut Tepav.

Das schlägt sich auch in der wirtschaftlichen Situation des durchschnittlichen türkischen Haushalts nieder. Lag die Quote von Verbindlichkeiten zum verfügbaren Haushaltseinkommen im Dezember 2010 noch bei 43,5 Prozent, waren es Ende vergangenen Jahres 50,7 Prozent, heißt es von der türkischen Zentralbank. 2012 wurde dann beschlossen, keine neuen Kredite an Kunden vergeben zu lassen, die nicht zumindest 50 Prozent ihrer Kreditkartenschulden beglichen haben.

"Die Türkei hat ein Ausgabenproblem"

Wenn nun die ausländischen Investoren ihr Geld dauerhaft abziehen, droht es ungemütlich zu werden. Denn "die Türkei hat ein ernsthaftes Ausgabenproblem", schreibt Acar. Tatsächlich ist die Sparquote des Landes vergleichweise gering. Bis 2007 sah es noch gut aus. Denn zwischen 2002 bis 2007 lag die Sparquote bei 25,8 Prozent, weltweit wurden 22,5 Prozent des Haushaltseinkommens zurückgelegt.

Dann drehte sich das Bild. Bei 23,5 Prozent lag die weltweite Sparquote, in der Türkei sackte sie auf 14,3 Prozent. Einschätzung Acar: "Wir konsumieren und investieren mehr als wir verdienen und müssen diese Lücke durch ausländisches Kapital schließen. Da führt zu einem Leistungsbilanzdefizit."

Klaus-Jürgen Gern, Wissenschaftler vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) präzisiert: "Die Türkei hat ein Leistungsbilanzdefizit, das im Wesentlichen sehr kurzfristig finanziert ist. Der Staat steht allerdings nicht schlecht da, was seine Schuldensituation angeht, anders als die türkische Bevölkerung. Die hat teilweise schon keinen Spielraum mehr, der ist ausgereizt."

Banger Blick auf die Banken

Genau das hat bereits im Februar den Tadel der Weltbank auf sich gezogen. Die türkische Wirtschaft sei derzeit abhängig von ausländischem Kapitalzufluss und weise ein Leistungsbilanzdefizit auf, sagte Martina Wes, Chef-Ökonomin der Bank. Und der Ökonom und Hürriyet-Journalist Mustafa Sönmez vergleicht die Situation mit Osteoporose, jener Krankheit, die ohne äußere Anzeichen die Stabilität der Knochen reduziert.

Das ausländische Kapital werde für das Schulden-Management, die Aufrechterhaltung der Produktion und für die Konsumentenkredite benötigt, heißt es. Und im nüchternen Finanzsprech eines Berichts von JP Morgan: "Die relativ hohe Abhängigkeit der Türkei von externem Funding und niedrigen Reserve-Niveau verstärkt die Verwundbarkeit des Landes." Euler Hermes konstatiert als Schwäche des Landes: "Andauerndes schnelles Wachstum des privaten Kreditsektors."

Die türkische Regierung hat das durchaus erkannt, auch die türkischen Banken. Kein Wunder, vor allem sie "können Probleme bekommen", sagt Gern. "Sie haben einen deutlichen "mismatch" hinsichtlich der Fristen von Verbindlichkeiten und Forderungen; Einlagen sind überwiegend kurzfristig fällig und können rasch abgezogen werden (insbesondere aus dem Ausland), während Kredite zu großen Teilen länger laufen. Zudem steigen die faulen Kredite zum Beispiel aus Kreditkarten." Und so versuchen sie sich in einem Balanceakt.

Steigen die Zinsen in den USA, sind Türkei-Bonds weniger attraktiv

Auf der einen Seite verdienen sie mit den Krediten. Auf der anderen Seite dürfen nicht zu viele ihrer Kunden insolvent werden - immerhin sind diese Kredite nicht besichert. Akbank-Vorstand Hakan Binbasgil erklärte deswegen: "Wir haben 2012 zum 'Jahr des Sparens' gemacht und zu Beginn des Jahres die Öffentlichkeit auf die niedrige Sparrate und ihren schädlichen Effekt auf das Außenhandelsdefizit aufmerksam gemacht." Und versucht, die Kunden stattdessen in Bankkonten zu locken. Um 12,3 Prozent stiegen diese dann auch an.

Bislang lebte es sich mit den Krediten gut, und bislang haben Investoren gern zugegriffen. Doch wenn die US-Zentralbank Fed Anleihen künftig nicht mehr so großzügig kaufen will, keimen die Erwartung auf steigende Renditen der US-Bonds - und Papiere der Emerging Markets erscheinen weniger attraktiv.

Freilich ließe sich auch darauf spekulieren, dass die Märkte sich wieder beruhigen. Aziz Unan, Fondsmanager bei Renaissance Asset Managers beispielsweise sagt: "Je billiger die Aktien werden, um so mehr Kaufgelegenheiten schafft das."

Doch mit einem Krieg in Syrien an der Türschwelle dürfte bei Anlegern erst einmal die Skepsis wachsen, der Abfluss andauern - und das Knirschen der Wirtschaftsmaschine lauter werden.

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