Schweizer Börse stürzt ab Schweizer Industrie fürchtet nach Euro-Dammbruch einen "Tsunami"

Drei Jahre hat Schweizer Nationalbank die Wirtschaft des Landes vor einem zu starken Franken geschützt. Nun gibt sie den Euro-Mindestkurs auf. Die Schweizer Wirtschaft fürchtet einen "Tsunami".
Zur Schwächung der eigenen Währung hatte die schweizerische Notenbank an den Devisenmärkten Euro gekauft. Diese Nachfrage fällt durch die Aufgabe des Mindestkurses jetzt weg - zum Nachteil der Gemeinschaftswährung

Zur Schwächung der eigenen Währung hatte die schweizerische Notenbank an den Devisenmärkten Euro gekauft. Diese Nachfrage fällt durch die Aufgabe des Mindestkurses jetzt weg - zum Nachteil der Gemeinschaftswährung

Foto: Getty Images/Adam Gault

Zürich/Frankfurt am Main - Die Schweizer Notenbank gibt den vor mehr als drei Jahren eingeführten Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken auf. "Der Mindestkurs wurde in einer Zeit der massiven Überbewertung des Frankens und größter Verunsicherung an den Finanzmärkten eingeführt", erklärte die Schweizerische Nationalbank (SNB) am Donnerstag.

Inzwischen hätten sich die großen Währungsräume aber in verschiedene Richtungen entwickelt - während die USA vor einer Zinserhöhung stehen, will die Europäische Zentralbank im Kampf gegen Deflation die Geldbasis ausweiten -, sodass der Franken mit der Euro-Bindung gegenüber dem US-Dollar abgewertet hat. Dies relativiere die Überbewertung der Schweizer Währung, die alleinige Bindung an den Euro sei deshalb "nicht länger gerechtfertig".

Euro stürzt ab - Währung zeitweise unter Parität zum Franken

Der Franken zog auf der Handelsplattform EBS kräftig an. Der Wert des Euro  stürzte zeitweise um fast ein Drittel auf 0,8052 Franken ab, erholte sich dann aber auf ein Minus von 15 Prozent mit leicht über 1,02 Franken.

Zwischenzeitlich war ein Franken damit erstmals mehr wert als ein Euro. Zum Dollar fiel der Euro  auf ein Elf-Jahrestief von 1,15795 Dollar.

An der Börse in Zürich brach der Leitindex SMI um 10 Prozent ein. Am stärksten verloren die Aktien von Uhren- und Schmuckherstellern wie Richemont  und Swatch  sowie Finanzwerte wie UBS , Credit Suisse  oder Julius Bär . Swatch-Chef Nick Hayek sagte, die SNB habe einen "Tsunami" ausgelöst - nicht nur für die Exportindustrie und den Tourismus, sondern für die ganze Schweiz. Nur die Swisscom  hielt sich im Plus. Die vom Außenhandel unabhängigen Einnahmen des Telekommunikationskonzerns in Franken gewinnen nun an Wert.

Anleger reagierten auch in der Euro-Zone kurzzeitig irritiert und drückten den EuroStoxx 50  mit bis zu 2,2 Prozent ins Minus auf 3020,54 Punkte. Dann setzte allerdings wieder eine Gegenbewegung ein. Am frühen Nachmittag standen wieder plus 1,2 Prozent auf 3127 Punkte zu Buche.

Der Dax  rutschte zeitweise um etwa 250 Punkte ab, erholte sich dann aber wieder. Zuletzt notierte der deutsche Leitindex wieder klar im Plus - ganz im Gegensatz zum Schweizer Index SMI, der um mehr als 10 Prozent nachgab.

Fotostrecke

Euro/Dollar: Die Profiteure des Euro-Verfalls

Foto: Andrew Gombert/ dpa

"Die Märkte waren nach dieser Maßnahme der SNB zunächst geschockt. Damit hat man wohl nicht gerechnet", bestätigte Marktanalyst Robert Halver von der Baader Bank.

Zugleich senkte die Schweizer Notenbank den Zins für Guthaben auf den Girokonten, die einen bestimmten Freibetrag übersteigen, um 0,5 Prozentpunkte auf minus 0,75 Prozent. Das Zielband für ihren Referenzzins Dreimonats-Libor verschiebt sie weiter in den negativen Bereich auf minus 1,25 bis minus 0,25 Prozent. Diese Maßnahmen sollen es weniger attraktiv machen, in der Schweiz Geld anzulegen. Der Einlagenzins für große Guthaben ist seit Dezember negativ.

Devisenreserven von 500 Milliarden Franken angehäuft

Seit Jahren leidet die Schweiz unter dem Zustrom ausländischen Kapitals, das dort einen sicheren Hafen sucht, damit zugleich aber den Franken-Kurs nach oben treibt. Das verteuert Schweizer Produkte im Vergleich zu internationalen Wettbewerbern. Nicht nur die Exportindustrie, auch der Einzelhandel in den Grenzregionen zum Euro-Raum - wozu ein Großteil der Bevölkerungszentren der Schweiz zählt - hatte das Nachsehen.

Im September 2011 zog die Schweizerische Nationalbank die Notbremse gegen die "akute Bedrohung für die Schweizer Wirtschaft und das Risiko einer deflationären Entwicklung". Sie kündigte unbegrenzte Devisenkäufe an, damit ein Euro mindestens 1,20 Franken wert ist. Auch dies sei noch hoch, hieß es damals, der Franken "sollte sich über die Zeit weiter abschwächen".

Tatsächlich aber musste die Notenbank wiederholt intervenieren, um den Mindestkurs zu verteidigen. Vor allem zur Hochphase der Euro-Krise im Frühsommer 2012, aber erneut in diesem Winter während des Rubel-Kollapses warf die SNB große Mengen Franken auf den Markt. So häufte sie Devisenreserven von zuletzt fast 500 Milliarden Franken an, knapp die Hälfte davon in Euro - eine Verdopplung während der Dauer der Mindestkurspolitik.

Eine positive Inflationsrate erreichte die Schweiz dennoch während der vergangenen drei Jahre nur in wenigen Monaten, im Dezember sanken die Verbraucherpreise um 0,3 Prozent. Mit der unkontrollierten Aufwertung des Franken dürfte sich die Deflation noch beschleunigen.

Helaba-Analyst Ulrich Wortberg fürchtet um die Glaubwürdigkeit der Schweizer Notenbank. Nationalbankchef Thomas Jordan, der noch im Dezember den Mindestkurs als "absolut notwendig" bezeichnet hatte, erklärte in einer Pressekonferenz am Mittag, "der Ausstieg musste überraschend erfolgen". Er wollte nicht kommentieren, ob die SNB gegenwärtig am Devisenmarkt eingreift.

ts/ak/rtr/dpa-afx
Mehr lesen über Verwandte Artikel