Freitag, 24. Mai 2019

Finanzindustrie Von skeptischen Politikern und einem Geheimlabor

Massimo Tosato, Schroders-Vizechef und Vertriebschef weltweit: Herausforderungen überall, bei Kunden, Regulierern - und der Konkurrenz

Mehr als 300 Milliarden Euro verwaltet der Assetmanager Schroders und gehört damit zu den Großen der Zunft. Eine Zunft, die Politiker unter dem Beifall der Öffentlichkeit nur zu gern regulieren. Ein Gespräch mit Vorstand Massimo Tosato.

London - Still ist es im achten Stock. Helle Holzvertäfelungen, dicke Teppiche - eben Vorstandsetage. Nur einige Schritte weiter öffnet sich die Tür nach links zum Besprechungsraum. Ein hölzerner Tisch, umkränzt von Stühlen. Kunst an den Wänden, die hohen Fenster öffnen sich aufs abendlich glitzernde London. Alles wirkt modern, die über zweihundertjährige Geschichte von Schroders hat hier in der Zentrale, von der aus das Unternehmen sein 300 Milliarden-Imperium lenkt, kaum Niederschlag in Mahagoni oder Chester-Sesseln gefunden. Vizevorstand Massimo Tosato kommt durch die Tür, die sich leise hinter ihm schließt. Graue Schläfen, blaues Hemd, kräftiger Händedruck. Und er hat wenig Zeit.

mm: Herr Tosato, die Finanzkrise geht in ihr sechstes Jahr - was hat sich für die Assetmanagement-Industrie geändert?

Tosato: Nun, da sind Europa von Asien sowie den USA und UK zu trennen. Während in UK, den USA und Asien die Investoren zurückgekommen sind, haben sie sich in Europa gerade erst, gegen Ende des Jahres 2013, wieder zurück getraut.

mm: Ist das eine Folge der Euro-Krise?

Tosato: Auch, allerdings gibt es eine Reihe von Gründen. Zum Beispiel mussten die Banken ihre Bilanzen aufräumen und haben dazu die Anlegergelder in Festgeld dirigiert. Und natürlich gibt es in Europa dieses Gefühl der Krise. Aber immerhin, so langsam bessert es sich.

mm: Bei den Menschen kommt das aber nicht so recht an, der Ruf der Industrie hat erheblich gelitten.

Tosato: Oh ja. Mein Sohn studiert in Philadelphia an der Wharton-Universität. Neulich hatte ich ihn dort besucht. Wir beide fuhren im Taxi und der Fahrer, ein vermutlich kaukasischer Einwanderer, fragte, was mein Sohn mache. Er antwortete, er wolle in die Finanzindustrie gehen. Die Antwort des Fahrers: "Du willst also auch ein Dieb werden"!

mm: Diese Einstellung dürfte Ihre Arbeit als Lobbyist in Brüssel erschweren.

Tosato: Ja. Die Finanzindustrie hat deutlich an Reputation verloren. Das Problem für uns als Assetmanager ist: Wir haben die Krise nicht hervorgerufen, wir betreiben ein Agenturgeschäft, sind Treuhänder. Das muss unterschieden werden.

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