Samstag, 21. September 2019

Schwer kalkulierbares Risiko Wenn Manager-Abgänge Anleger Milliarden kosten

Apple-Designer Jony Ive mit Konzernchef Tim Cook: Wichtige Leute im Unternehmen können Aktienkurse bewegen - doch kaum jemand weiß, wann sie das tun.
JUSTIN SULLIVAN/ AFP
Apple-Designer Jony Ive mit Konzernchef Tim Cook: Wichtige Leute im Unternehmen können Aktienkurse bewegen - doch kaum jemand weiß, wann sie das tun.

Gleich mehrfach haben die Abgänge wichtiger Manager zuletzt die Aktienkurse von Unternehmen bewegt. Schlüsselpersonen gelten als kaum kontrollierbares Risiko - auch für Anleger.

Aktionäre wurden in dieser Woche gleich mehrfach daran erinnert, wie sehr das Schicksal mancher Unternehmen von einzelnen Personen abhängt - und wie überraschend diese Personen von der Bildfläche verschwinden können. Beispiel eins: Der Abgang von Peter Hochholdinger, dem deutschen Produktionschef beim US-Elektroautobauer Tesla. Hochholdinger zählte zum engsten Führungskreis um CEO Elon Musk (47) und galt als Schlüsselfigur für die ohnehin schon problematische Massenproduktion des neuen Model 3. Kein Wunder also, dass die Tesla-Aktie Börsen-Chart zeigen, die sich nach langer Talfahrt eigentlich gerade in einer Erholungsphase befand, auf die Meldung mit einem leichten Minus reagierte.

Ähnlich ist es am heutigen Freitag, an dem bekannt wurde, dass Kultdesigner Jony Ive (52) beim iPhone-Bauer Apple ausscheidet. Ive arbeitet seit den 1990er Jahren bei Apple Börsen-Chart zeigen, nahezu alle Produkte, Verpackungen und vieles mehr, das das unverwechselbare Erscheinungsbild des Unternehmens ausmacht, ist maßgeblich auf ihn zurückzuführen. Die Aktie des IT-Konzerns sackte angesichts dieser Nachricht um rund 1 Prozent ab. Dass der Kursverlust nicht größer ausfiel, dürfte daran liegen, dass Ive demnächst ein neues Unternehmen gründen wird. Apple werde dann zu Ives größten Kunden zählen, so das Unternehmen.

Nicht ganz so prominent, aber nicht weniger einschneidend ist der Wechsel an der Spitze des Biotech-Unternehmens MorphoSys, der ebenfalls in dieser Woche angekündigt wurde. Firmenchef und Mitgründer Simon Moroney soll Anfang September dieses Jahres durch Jean Paul Kress abgelöst werden. Kress verfügt zwar laut MorphoSys über langjährige Erfahrung in der Pharma- und Biotechbranche. Die Investoren überzeugte das aber offenbar nicht, die Aktie des auf Antikörper spezialisierten Unternehmens verlor am Tag der Bekanntgabe mehr als 5 Prozent an Wert.

Drei Beispiele, eine Gemeinsamkeit, nämlich das Schlüsselpersonenrisiko, oder "Key Person Risk", wie es im englischen Sprachraum genannt wird. Wer glaubt, in der modernen Wirtschaft, mit Arbeitsteilung, Automatisierung und mitunter hoher Fluktuation, spielten einzelne Personen für den Erfolg von Unternehmen keine entscheidende Rolle mehr, der irrt. Tatsächlich ist augenscheinlich immer öfter das Gegenteil der Fall: In der IT-Branche beispielsweise wuchsen in den vergangenen Jahren zahlreiche Konzerne wie Google Börsen-Chart zeigen, Amazon Börsen-Chart zeigen oder Facebook Börsen-Chart zeigen zu globaler Bedeutung heran. Geleitet werden sie häufig nach wie vor von Gründern, die meist auch die Kontrolle über das Aktienkapital behalten.

Den Investoren sollte also klar sein: Sollten Leute wie Amazons Jeff Bezos (55) oder Facebooks Mark Zuckerberg (35) plötzlich abtreten, dürfte das nicht nur das Schicksal der Konzerne, sondern auch deren Aktienkurs empfindlich treffen.

Ähnlich ist es in der Welt der Investmentfirmen, wo einzelne Firmenlenker oder Portfoliomanager mitunter über längere Zeit außergewöhnliche Ergebnisse erzielen und daher zum Teil wie Gurus verehrt werden. Als Beleg genügt ein Name: Warren Buffett. Der 88-jährige Investor und Chef des Beteiligungsunternehmens Berkshire Hathaway Börsen-Chart zeigen dürfte zwar intern seine Nachfolge längst geregelt haben. Sicher dürfte aber sein: Sollte Buffett einmal das Ruder bei Berkshire in andere Hände geben, so wird sich das auch beim Aktienkurs bemerkbar machen.

Die US-Bank Morgan Stanley fand 2018 heraus, dass Großbanken und Investmentfirmen zu den Unternehmen im US-Aktienindex S&P 500 mit den größten Schlüsselpersonenrisiken gehören. Laut britischem "Economist" würde es etwa zwei Drittel der Unternehmen im Index empfindlich treffen, wenn ihr CEO plötzlich ginge. Mindestens acht der 20 wertvollsten Konzerne der Welt trügen ein "Key Person Risk", so die Zeitschrift, darunter die bereits erwähnten Amazon und Berkshire Hathaway sowie die US-Großbank JP Morgan. Deren seit Jahren währender Erfolg wird eng mit der Person des Firmenchefs Jamie Dimon (63) in Verbindung gebracht.

Dass es das Schlüsselpersonenrisiko auch bei deutschen Aktiengesellschaften gibt, zeigt nicht nur das Beispiel MorphoSys. Ein weiteres findet sich derzeit häufig im Fokus der Öffentlichkeit: der Zahlungsdienstleister Wirecard Börsen-Chart zeigen. Auf der jüngsten Hauptversammlung des rasant wachsenden Dax-Konzerns wurde unter anderem die Machtfülle des Gründers und Firmenchefs Markus Braun (49) heftig kritisiert. Braun hatte das Unternehmen überhaupt erst in den Dax gebracht und wurde unterdessen beinahe nebenbei zum Milliardär.

Drei Arten von Schlüsselpersonen hat der "Economist" ausgemacht: Die härtesten Fälle seien Gründer wie Facebooks Zuckerberg, so die Zeitschrift. Sie herrschen über ihre Firmen wie einst die Feudalherren über ihren Besitz und wollen am liebsten nichts von ihrer Macht abgeben.

Die zweite Variante findet sich in Großunternehmen, die so komplex sind, dass der Eindruck entsteht, nur ein einziger Mensch auf der Welt könne alles am Laufen halten - nämlich genau derjenige, der das auch gerade tut. Das beste Beispiel dafür ist der Automanager Carlos Ghosn, der bis vor Kurzem an der Spitze des Konglomerats aus Renault Börsen-Chart zeigen, Nissan Börsen-Chart zeigen und Mitsubushi stand. Als Ghosn im November 2018 unter dem Vorwurf, seine Einkünfte jahrelang gegenüber den Behörden zu niedrig angegeben zu haben, verhaftet wurde, rauschten die Aktien der Unternehmen in den Keller.

In die dritte Kategorie passen die Beispiele Hochholdinger und Ive aus dieser Woche: Spitzenleute, die einfach einen sehr guten Job machen. Auch JP-Morgan-Chef Dimon lässt sich an dieser Stelle einordnen. Schlüsselpersonen dieser Art sind die angenehmsten, so der "Economist", denn sie tragen messbar zum Erfolg bei. Andererseits: Auch derartige Karrieren enden irgendwann - und dann stellt sich die Frage, wie es weitergeht.

Generell gilt das Schlüsselpersonenrisiko in Unternehmen als eine der am schwierigsten zu kontrollierenden Unwägbarkeiten überhaupt. Marktschwankungen, rechtliche Risiken, selbst Wettereinflüsse lassen sich mitunter besser einschätzen und ausgleichen als das Schicksal ganz konkreter einzelner Personen.

Einen Trost gibt es allerdings für Investoren, die vom Abgang einer "Key Person" und den damit verbundenen Kursverlusten betroffen sind: Auch dies ist mit Abstand betrachtet nur eine Momentaufnahme.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Der beste Beleg dafür findet sich wiederum beim iPhone-Hersteller Apple, der vor einigen Jahren eine der wohl wichtigsten Schlüsselfiguren der jüngeren Wirtschaftsgeschichte verlor. Als Steve Jobs im Oktober 2011 verstarb, rutschte die Apple-Aktie in einem ansonsten positiv tendierenden Markt binnen eines Tages um mehr als 3 Prozent ins Minus. Schon einige Wochen zuvor, als Jobs seinen Abgang von der Apple-Spitze bekanntgab, war es mit dem Papier im gleichen Maße abwärts gegangen.

Jobs-Nachfolger Tim Cook hatte es in der Folgezeit nicht leicht, die Fußstapfen seines Vorgängers auszufüllen. Inzwischen jedoch blickt Cook auf mehrere erfolgreiche Jahre an der Apple-Spitze zurück. Und der Aktienkurs des Konzerns ist seit Herbst 2011 um etwa 350 Prozent gestiegen.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung