Krim-Krise "Russland schadet sich selbst extrem"

Russland verleibt sich mit der Krim einen Teil der Ukraine ein, während der Westen noch auf Sanktionen sinnt. Putin gehe mit seiner Strategie ein hohes Risiko ein, sagt David Milleker, Chefvolkswirt von Union Investment. Denn Russland brauche den Westen viel mehr als umgekehrt.
Von Arne Gottschalck
David Milleker: Russland würde sich selbst extrem schaden, wenn es die Gaslieferungen einstellen und sich seines Hauptkunden berauben würde

David Milleker: Russland würde sich selbst extrem schaden, wenn es die Gaslieferungen einstellen und sich seines Hauptkunden berauben würde

mm: Herr Milleker, Russland hat auf der Krim Fakten geschaffen und die Halbinsel annektiert - lässt sich die Gefahr eines Krieges eigentlich irgendwie in eine Kennzahl gießen?

Milleker: Nein, das funktioniert nicht. Allerdings kann man über Konsequenzen nachdenken. Und die sind längst nicht so gravierend für den Westen, wie es oft dargestellt wird.

mm: Warum?

Milleker: Weil Russland den Westen viel mehr braucht als umgekehrt. Das ist eine extrem asymmetrische Verteilung. Der Export nach Russland liegt in Deutschland bei knapp rund einem Prozent der Wirtschaftsleistung, EU-weit sogar noch etwas geringer. Umgekehrt gehen rund 15 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts gen Westen.

mm: Genau das ist doch auch der Hebel für Wladimir Putin, Gas und Öl.

Milleker: Ein nur theoretischer Hebel. Denn selbst wenn Russland den Gashahn zudreht, um einmal das extremste Szenario durchzuspielen, dann passiert in Europa erst einmal nichts. Denn wir haben Reserven von gut neun Monaten.

mm: Aber danach?

Milleker: Danach werden viele Menschen kalte Wohnungen haben. Doch auf der anderen Seite muss man sich auch Fragen, was das mit Russland machen würde. Das Land würde sich seiner Hauptkunden berauben, sich selbst extrem schaden. Denn wo soll das Land sonst hin mit seinen Rohstoffen? China ist nur eine theoretische Antwort, denn die entsprechende Pipeline ist noch nicht fertiggestellt. Fast alle anderen Pipelines führen gen Westen.

mm: Und was ist mit den USA; die wollten Europa doch helfen.

Milleker: Das funktioniert leider nicht. Die haben zwar Gas, können es aber nicht nach Europa bringen. Denn weder haben sie dort ausreichend große Verschiffungsanlagen für verflüssigtes Gas (LNG), noch haben wir entsprechend dimensionierte Anlagen, um das Gas wieder in seinen normalen Zustand zu bringen. Außerdem gibt es in den USA seit den 70er Jahren ein Verbot der Ausfuhr von LNG. Damit bleibt die Frage, wer die größere Leidensfähigkeit hat. Ich setze da auf Putin. In Deutschland wird man sich kaum zu drastischen Sanktionen durchringen können. Damit hat Putin auf der Krim Fakten geschaffen.

Testvehikel Börse - Finanzmärkte bleiben vergleichsweise gelassen

mm: Die Börse nimmt es ja ganz gelassen hin.

Milleker: Ja, eine ganz typische Reaktion. Zuerst treten Risiken auf, und bei Risiken wird verkauft.

mm: "Risk off" eben, wie es so schön heißt.

Milleker: Genau. Und dann wird festgestellt, dass es ökonomisch doch nicht so schlimm ist. Das kann man sehr gut an der Entwicklung in Syrien sehen. Als dort die Unruhen aufflammten, erschreckten sich die Anleger und verkauften. Die wirtschaftlichen Auswirkungen dieses schrecklichen Bürgerkrieges waren auf den zweiten Blick aus Anlegersicht aber vernachlässigbar. Und schon gab es wieder Kauforder. Die Börse testet halt sehr schnell bestimmte Theorien, viel schneller, als die Realwirtschaft nachziehen kann. Und das geht in die eine wie die andere Richtung.

mm: Und zumeist nur auf ein Thema konzentriert. Die Eurokrise scheint nahezu vergessen.

Milleker: Ja. Derzeit scheint jeder gewillt zu sein, sich zurückzulehnen und zuzuschauen. Das wird auch eine Zeit gut gehen. Aber die Krise wird uns erhalten bleiben.

mm: Sprechen wir kurz über Italien, einen der europäischen Hinterbänkler. Zuletzt hatte dessen neuer Ministerpräsident Matteo Renzi ja Angela Merkel besucht - Ihr Eindruck?

Milleker: Nun, eigentlich steht Italien nicht so schlecht da. Allerdings hat das Land sich recht kuschelig in der Nische des geringen Wachstums eingerichtet - und vor allem weiß es, dass es aufgrund seiner Größe für die Eurozone systemrelevant ist. Deswegen kommt es jetzt so auf die Reformen an.

mm: Und - wird geliefert?

Milleker: Renzi will pro Monat eine Reform durchziehen. Ich stamme aus einer Beamten- und Soldatenfamilie. Ich habe daher erhebliche Zweifel, dass zum Beispiel eine grundsätzliche Steuerreform kurzfristig machbar ist. Vielleicht ist Renzi auch nur ein guter Verkäufer seiner selbst. Aber wir werden sehen.

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