Interview im Staats-TV Recep Tayyip Erdogan drückt türkische Lira auf Rekordtief

Die Inflation in der Türkei galoppiert davon. Zugleich setzt der türkische Präsident die Notenbank per Interview erneut unter Druck. Die Zentralbank dementiert eine baldige Zinssenkung, kann den Absturz der Lira aber nicht stoppen.
Bevormundet die Notenbank: der türkische Recep Tayyip Erdoğan

Bevormundet die Notenbank: der türkische Recep Tayyip Erdoğan

Foto: Pool Presdential Press Service/AP/dpa

Recep Tayyip Erdoğan (67) kann es nicht lassen und setzt die türkische Notenbank einmal mehr unter Druck: Nachdem der türkische Präsident am Dienstagabend im Staatssender TRT eine Zinssenkung als "Notwendigkeit" bezeichnet und selbige für Juli/August in Aussicht gestellt hatte, sah sich der Zentralbank-Chef am Mittwoch zu einem Dementi gezwungen. Nein, eine baldige Zinssenkung sei nicht zu erwarten, sagte Sahap Kavcioglu (54). Erwartungen an eine frühe Lockerung der Geldpolitik müssten verschwinden, erklärte Kavcioglu vor Investoren.

Den Sturz der Lira bremste das nicht wirklich. Für einen Dollar mussten am Mittwoch zeitweise bis zu 8,80 Lira gezahlt werden und für einen Euro 10,43 Lira und damit jeweils so viel wie nie zuvor.

Türkische Lira/Euro

Devisenexpertin Esther Reichelt von der Commerzbank erklärte, sie sei überrascht, wie offen und deutlich Erdoğan seinem Zentralbankchef "die Pistole auf die Brust setzt". Erdoğan scheine tatsächlich zu glauben, mit niedrigeren Zinsen die wirtschaftlichen Probleme der Türkei lösen zu können. Damit laufe er aber "sehenden Auges in eine neue Lira-Krise". Die Expertin sehe einen Kurs von 10 Lira für einen Dollar mittlerweile in greifbarer Nähe. Die türkische Währung hat seit Jahresbeginn gegenüber dem Dollar bereits 14 Prozent an Wert verloren - der größte Rückgang unter den Währungen der Schwellenländer, rechnet die Finanznachrichtenagentur Bloomberg vor .

Wer widerspricht, riskiert sein Amt

Dass sich die Inflation in der Türkei mit sinkenden Zinsen bekämpfen lässt, widerspricht ökonomischen Grundsätzen und halten die allermeisten Experten für falsch. Dennoch fordert Erdoğan die Notenbank immer wieder dazu auf. Wer widerspricht, riskiert sein Amt: So hatte der türkische Präsident erst im März den marktfreundlichen Notenbankchef Naci Ağbal (53) gefeuert. Mit Zinsanhebungen hatte dieser die zuvor stark gefallene Lira stabilisiert - gegen den erklärten Willen Erdoğans. Das Vertrauen der Investoren in die Geldpolitik des Landes wurde einmal mehr auf die Probe gestellt. "In der Türkei ist keine Geldpolitik möglich, die halbwegs stabilitätsorientiert ist", erklärte seinerzeit ein Analyst.

Die Türkei befindet sich mittlerweile in einer gefährlichen Spirale aus einer vergleichsweise hohen Inflation und einer Währung, die immer stärker abwertet. Im April war die Inflationsrate auf rund 17 Prozent gestiegen. Mittlerweile werden für viele Menschen selbst Dinge des täglichen Bedarfs unerschwinglich.

Nur weitere Abwertung könnte Erdoğans Meinung wohl ändern

Sahap Kavcioglu ist ehemaliger Abgeordneter von Erdoğans AKP und die mittlerweile vierte Besetzung auf diesem Posten in zwei Jahren. Die jüngste Volte des Präsidenten, die schwache Lira und die galoppierende Inflation indes dürften seine Arbeit nicht gerade erleichtern. Damit Erdoğan seine Meinung über Zinsen ändere, bräuchte es eine extreme Abwertung der türkischen Lira - basierend auf historischen Trends wahrscheinlich um bis zu 30 Prozent, zitiert Bloomberg  Henrik Gullberg, einen in London ansässigen Strategen von Coex Partners.

rei mit dpa-afx
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