Plus 4,2 Prozent im April Läuft die US-Inflation aus dem Ruder?

Die US-Verbraucherpreise steigen im April um 4,2 Prozent. Investoren sehen die US-Notenbank unter Zugzwang. Die Fed will ihren Kurs aber vorerst nicht ändern. US-Staatsanleihen erholen sich am Donnerstag etwas.
Vieles teurer: Die Verbraucherpreise in den USA zogen im April überraschend stark an

Vieles teurer: Die Verbraucherpreise in den USA zogen im April überraschend stark an

Foto: CHIP SOMODEVILLA/ AFP

Ein überraschend großer Preisschub in den USA löst Befürchtungen aus, dass die Inflation aus dem Ruder läuft. Die Verbraucherpreise kletterten im April um 4,2 Prozent zum Vorjahresmonat, teilte das Arbeitsministerium in Washington am Mittwoch mit. Von Reuters befragte Experten hatten lediglich 3,6 Prozent auf dem Zettel, nach 2,6 Prozent im März. Die Furcht vor einer höheren Inflation lastet seit Tagen auf den Aktienmärkten. Der Dow Jones  schloss am Mittwoch in Reaktion auf die Zahlen 2 Prozent schwächer, steuerte am Donnerstag aber wieder auf Erholungskurs.

Im Jahresvergleich erhöhten sich die Preise für Energie besonders stark. Dies ist auch eine Folge ihres Verfalls während der ersten Corona-Welle vor etwa einem Jahr. Doch auch zum Vormonat fiel der Anstieg mit 0,8 Prozent weit höher als erwartet aus. Ökonomen hatten nur 0,2 Prozent erwartet.

"Zahlen bestätigen die Furcht des Marktes, dass die Inflation außer Kontrolle gerät"

Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses Avatrade

"Diese Zahlen bestätigen die Furcht des Marktes, dass die Inflation außer Kontrolle gerät", sagte Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses Avatrade. "Die Anleger wollen, dass die Fed dies einräumt." Die US-Notenbank unterstützt die von der Corona-Krise getroffene Wirtschaft mit monatlichen Geldspritzen von 120 Milliarden Dollar. Sie will daran so lange festhalten, bis substanzielle Fortschritte bei der Preisstabilität und der Arbeitslosigkeit erreicht sind. Die anziehende Inflation sieht sie als vorübergehendes Phänomen, das derzeit keinen Kurswechsel in der Geldpolitik nötig mache, die wohl noch auf Jahre hinaus auf Niedrigzins ausgerichtet bleibe.

Doch die Wirtschaft ist mittlerweile wieder in Schwung gekommen. Zu dem kräftigen Aufschwung soll auch das 1,9 Billionen Dollar schwere Konjunkturpaket der Regierung von US-Präsident Joe Biden (78) beitragen. Im Rahmen des Programms haben bereits Millionen Amerikaner Barschecks vom Staat erhalten, was dem Konsum Auftrieb geben dürfte. So kletterten den April-Daten zufolge besonders die Preise für Gebrauchtwagen und Lebensmittel. Anstiege gab es vor dem Hintergrund der wieder öffnenden Wirtschaft und steigenden Konsumnachfrage unter anderem auch bei Hotelübernachtungen, Flugtickets und Freizeitangeboten.

Fed-Vize von Preissteigerung überrascht

In einer ersten Reaktion zeigte sich Fed-Vizechef Richard Clarida (63) überrascht von der Stärke des Preisschubs im April. Doch sei der Zeitpunkt für die Fed noch nicht gekommen, der Wirtschaft die Unterstützung zu entziehen. Es gelte nun "umsichtig und angemessen" weitere Daten zu sammeln, bevor eine Entscheidung in diese Richtung getroffen werde.

Die einflussreiche Fed-Direktorin Lael Brainard sagte kürzlich, dass die von der Pandemie ausgelösten vorübergehenden Preiserhöhungen die Inflationsdynamik nicht dauerhaft veränderten. Sollte sich die Inflationsentwicklung jedoch nicht als temporär erweisen, habe die Fed die erforderlichen Instrumente. Daran sollte niemand Zweifel haben.

Experten halten es für möglich, dass die Inflationsrate in den kommenden Monaten weiter erhöht bleibt. Ein Grund dafür ist ein statistischer Effekt: Vor einem Jahr lagen die Preise wegen des Corona-bedingten Konjunktureinbruchs niedrig. Helaba-Experte Ralf Umlauf äußerte, mittel- und langfristig stelle sich die Frage, ob der kombinierte geld- und fiskalpolitische Impuls in den USA ohne nachhaltige Folgen für die Preisentwicklung bleiben werde.

US-Anleihen erholen sich am Donnerstag etwas

Am Markt für US-Staatsanleihen gaben die Kurse am Mittwoch deutlich nach, im Gegenzug legten die Renditen zu. Der Terminkontrakt für zehnjährige Treasuries (T-Note-Future) sank um 0,41 Prozent auf 131,91 Punkte. Die Rendite zehnjähriger Anleihen stieg auf 1,70 Prozent. Am Donnerstag legten die Bonds nach den deutlichen Vortagesverlusten wieder etwas zu. Die Rendite zehnjähriger Anleihen fiel im Gegenzug leicht auf 1,68 Prozent.

Dass die niedrigen Zinsen in den USA nicht in Stein gemeißelt sind, machte jüngst US-Finanzministerin Janet Yellen deutlich. "Es könnte sein, dass die Zinsen etwas ansteigen müssen, um sicherzustellen, dass unsere Wirtschaft nicht überhitzt", hatte die ehemalige Fed-Chefin kürzlich erklärt. Ob der heftigen Reaktion an den Märkten ruderte sie noch am selben Tag zurück: "Ich glaube nicht, dass es ein Inflationsproblem geben wird, aber wenn es eines gibt, kann man sich darauf verlassen, dass die Fed es anspricht", sagte Yellen, um zugleich zu betonen, dass die Geldpolitik allein die US-Notenbank bestimme.

Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust, erwartet, dass an den Finanzmärkten "mit temporären Rücksetzern" zu rechnen ist, wenn die Diskussion über eine Rückführung der Anleihekaufprogramme der Zentralbanken Fahrt aufnehme. "Schon im Juni dürfte dies auf der Tagesordnung der amerikanischen Fed und der EZB stehen." Dabei würden die Zentralbanken wohl ihre bisherige Position bekräftigen, dass die hohen Preisniveausteigerungen vorübergehend seien und keinen grundlegenden Kurswechsel nötig machten. "Aber auch Hinweise auf leichte Korrekturen könnten Marktteilnehmer verunsichern", fügte Heise hinzu.

rei/Reuters/dpa-afx/AFP