Börsendebüt Porsche-Aktie trotzt schlechter Marktlage

Der Sportwagenbauer startet trotz eines schwierigen Umfelds erfolgreich an der Börse. Die Großaktionäre Volkswagen und Porsche SE standen dagegen deutlich unter Druck.
Fotoshooting zum Börsengang: Der Vorstandschef der Volkswagen AG und der Porsche AG, Oliver Blume, hat Porsche souverän zum Börsengang gesteuert

Fotoshooting zum Börsengang: Der Vorstandschef der Volkswagen AG und der Porsche AG, Oliver Blume, hat Porsche souverän zum Börsengang gesteuert

Foto: Michael Probst / AP

Der Autobauer Porsche hat bei seinem Debüt an der Börse einen eher durchwachsenen Start hingelegt, sich aber besser als der Markt behauptet. "Das ist ein historischer Moment für Porsche", sagte VW- und Porsche-Chef Oliver Blume (54), der auf dem Frankfurter Parkett am Donnerstag die Börsenglocke läutete. "Heute geht für uns selbst ein großer Traum in Erfüllung." Vor der Börse parkten sechs Porsche-Modelle, darunter der elektrisch angetriebene Taycan.

Der erste Kurs der Vorzugsaktie an der Frankfurter Börse lag bei 84 Euro, dann begann das Zittern. Die Aktie  des Stuttgarter Sportwagenbauers fiel zunächst auf den Ausgabepreis von 82,50 Euro zurück und kletterte dann um bis zu 5 Prozent auf 86,76 Euro – auf Kosten der Aktien der Großaktionäre Volkswagen und Porsche SE, die deutlich in die Knie gingen. Am Abend lagen die Titel des Börsendebütanten mit 82,50 Euro allerdings wieder genau bei ihrem Ausgabepreis.

Mit einem Erlös von 9,4 Milliarden Euro für Volkswagen ist es der größte deutsche Börsengang seit der Telekom 1996. VW-Finanzchef Arno Antlitz erklärte: "Wir haben heute bewiesen: Volkswagen kann Kapitalmarkt – auch in einem herausfordernden Marktumfeld." Porsche bekomme damit mehr unternehmerische Eigenständigkeit, um seine ambitionierte Strategie umzusetzen. Zugleich erhalte der Wolfsburger Konzern, der die Mehrheit an Porsche behält, mehr Flexibilität bei der Finanzierung der Transformation zu einem führenden Anbieter von Elektromobilität und Digitalisierung, führte Antlitz weiter aus.

Porsche wertvoller als Mercedes-Benz und BMW

Porsche erreicht auf Basis des ersten Preises eine Marktkapitalisierung von rund 76,5 Milliarden Euro. Damit sind die Stuttgarter an der Börse wertvoller als Mercedes-Benz mit rund 58 Milliarden Euro und BMW mit 47 Milliarden Euro. Die Konzernmutter Volkswagen lag am Donnerstag mit 86 Milliarden Euro noch darüber.

Der Ausgabepreis je Vorzugsaktie war am Mittwoch auf 82,50 Euro festgelegt worden und lag damit am oberen Ende der vorab ausgegebenen Spanne von 76,50 bis 82,50 Euro je Wertpapier. Damit war angesichts der hohen Nachfrage der Anleger bereits gerechnet worden. Insgesamt werden knapp 114 Millionen Vorzugsaktien platziert. Darin enthalten sind rund 15 Millionen Aktien für Mehrzuteilungen.

Der Löwenanteil der Aktien ging laut Porsche an große Investoren. Privatanleger erhielten lediglich 7,7 Prozent des Platzierungsvolumens. Wegen der Überzeichnung des Angebots hätten nicht alle privaten Aktionäre berücksichtigt werden können, hieß es. Schon im Vorfeld hatten sich vier Ankerinvestoren, darunter VW-Großaktionär Katar, knapp 40 Prozent der Anteile gesichert.

Privatanleger ziehen beim Börsengang den Kürzeren

Das Grundkapital der Porsche AG war in der Vorbereitung zum Börsengang zur Hälfte in stimmrechtslose Vorzugs- und stimmberechtigte Stammaktien aufgespalten worden. Ein Viertel der Vorzüge – also in etwa ein Achtel aller Anteile – gingen nun in den Verkauf. Dazu erhält die Dachgesellschaft Porsche SE (PSE) 25 Prozent plus eine Aktie der Stämme für einen Kaufpreis von 88,69 Euro.

Die von den Familien Porsche und Piëch kontrollierte PSE bekommt damit eine Sperrminorität und Einfluss auf wichtige Entscheidungen. Insgesamt fließen durch den Deal noch mal 10,1 Milliarden Euro in die Kassen der Volkswagen AG. Den Großteil des Kaufpreises will die PSE mit Fremdkapital finanzieren. Die im Dax notierte Aktie  der PSE stürzte am Montag zeitweise um 9 Prozent ab.

Mit den Einnahmen will Volkswagen unter anderem Milliardeninvestitionen in Elektromobilität und Digitales finanzieren. Knapp 49 Prozent der Erlöse könnten an die VW-Aktionäre gehen – darüber soll eine außerordentliche Hauptversammlung im Dezember abstimmen. Auch den VW-Beschäftigten im Haustarif und in Sachsen winken 2000 Euro Bonus. Porsche gab die Höhe eines möglichen Bonus für die Mitarbeiter noch nicht offiziell bekannt.

Die Stuttgarter erhoffen sich von dem Gang aufs Parkett einen Schritt zu wieder mehr Eigenständigkeit. Im Jahr 2008/2009 hatten die Stuttgarter versucht VW zu übernehmen – das scheiterte und die Niedersachsen schluckten ihrerseits den Sportwagenbauer. Seither gilt Porsche als Renditeperle im VW-Konzern.

Porsche kein "Eisbrecher" für weitere Börsengänge

Während die Porsche-Aktie am Donnerstag nun in die Depots der Anleger sauste, schauen manche Strategen schon weiter. Taugt der spektakuläre Börsengang als Katalysator oder "Eisbrecher" für weitere Börsengänge in Deutschland und Europa? Investmentbanker hatten das gehofft.

Doch weitere Börsenkandidaten in Porsches Windschatten sind angesichts der Konjunkturängste und der Börsenflaute kaum in Sicht. "Eine Transaktion allein kann die Schleusentore nicht öffnen. Dazu müsste die gesamtwirtschaftliche Lage besser vorhersehbar sein und die Volatilität an den Aktienmärkten geringer", sagte Antoine de Guillenchmidt, Co-Chef des Geschäfts mit Eigenkapital-Transaktionen (ECM) bei Goldman Sachs. Trotz der 9,4 Milliarden Euro schweren Rekordemission von Porsche drohe für Börsengänge ein schwarzes Jahr.

In ganz Europa haben Börsengänge in diesem Jahr bisher nur 4,5 Milliarden Dollar eingebracht. Im dritten Quartal erlösten Unternehmen mit Neuemissionen, Kapitalerhöhungen und Aktienplatzierungen zusammen nach Daten von Refinitiv nur acht Milliarden Dollar – so wenig wie noch nie. Mit der Porsche AG allein kommen nun mehr als neun Milliarden Dollar dazu.

Nur noch wenige IPO zu erwarten

"Porsche hat sich vom negativen Markttrend völlig abgekoppelt"

"Porsche hat sich vom negativen Markttrend völlig abgekoppelt", staunt ein bekannter Automobil-Banker. Doch das ist der Grund, warum der Börsengang anderen Kandidaten wenig Mut macht. Ihnen fehlt die Anziehungskraft und Faszination, die die Volkswagen-Tochter mit ihren begehrten Produkten und dem wohlhabenden, daher Konjunktur-unempfindlichen Kundenstamm ausübt. "Die positive Resonanz der Investoren auf Porsche hilft sicher, was die Stimmung angeht, wird aber nicht zwangsläufig in nächster Zeit für mehr Aktivität sorgen", sagt auch Martin Thorneycroft von Morgan Stanley.

Lawrence Jamieson, ECM-Europa-Chef bei Barclays, rechnet bis zum Jahresende in Europa allenfalls noch mit drei Börsengängen: "Das sind alles größere, liquide, defensivere Werte, die seit einiger Zeit in den Startlöchern sitzen und die Vorbereitungen über den Sommer nicht ganz eingestellt haben." Unternehmen wie der schweizerische Hautpflege-Konzern Galderma aus dem Besitz des Finanzinvestors EQT und Mecalux, ein spanischer Hersteller von Lagersystemen, sind eigentlich bereit für einen Börsengang, warten aber auf ein besseres Umfeld. Ein Fenster könnte sich 2022 nur für erstklassige Anwärter öffnen oder für solche, die einen guten Grund nennen können, warum sie den Börsengang jetzt machen, sagt Thorsten Pauli von der Bank of America.

Aus Deutschland wird regelmäßig die Wasserstoff-Tochter von Thyssenkrupp, Nucera, als aussichtsreicher Kandidat genannt. Der italienische Nucera-Minderheitsaktionär De Nora hatte seinen Börsengang im Frühjahr trotz widriger Umstände durchgezogen. Doch Thyssenkrupp zögert: Grundsätzlich sei das weiter die erste Wahl, aber das "Kapitalmarktumfeld für einen schnellen Börsengang derzeit eher ungünstig", hieß es in der vergangenen Woche. So geht es vielen Unternehmen. "Sie wissen, dass die Geduld brauchen und auf 2023 warten müssen – oder nach Alternativen suchen", sagt Suneel Hargunani von Citi.

rei/DPA, Reuters
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