Sonntag, 5. April 2020

Verluste am Aktienmarkt  Was Anleger vom heißen Jahresstart über 2020 lernen können

Konfliktherd Bagdad: Wohin wird der Streit zwischen USA und Iran noch führen?
U.S. Army/ ZUMA Wire/ DPA
Konfliktherd Bagdad: Wohin wird der Streit zwischen USA und Iran noch führen?

Gleich zum Jahresauftakt lassen politische Ereignisse wie die US-Iran-Konfrontation die Weltbörsen beben. Investoren sollten sich daran gewöhnen.

Das Jahr ist noch keine Woche alt, da scheint an der Börse schon klar, wohin die Reise gehen wird: Auch 2020 dürften politische Ereignisse erheblichen Einfluss auf die Finanzmärkte und damit auch auf die Aktienkurse haben. Damit würde sich fortsetzen, was bereits im vergangenen Jahr zu den hervorstechendsten Mustern am Aktienmarkt gehörte. Die erheblichen Kursverluste vom Freitag dieser Woche zeigen allerdings, dass das für Anleger kaum ein Grund zur Freude ist.

In den wenigen Tagen des neuen Jahres kristallisieren sich aus Sicht der Börsianer gleich zwei geopolitische Spannungsfelder heraus, die in den kommenden Monaten womöglich für zusätzliche Verunsicherung sorgen werden. Erstens: Der einmal mehr hochkochende Konflikt zwischen den USA und Iran, diesmal ausgetragen in der irakischen Hauptstadt Bagdad.

Dort hatten zunächst pro-iranische Demonstranten das Gelände der US-Botschaft gestürmt. Kurz darauf reagierten die Vereinigten Staaten mit einem gezielten Raketenangriff, bei dem der hohe iranische General Qasem Soleimani sowie ein irakischer Milizenführer getötet wurden. Seither machen Sorgen um eine weitere Eskalation die Runde - auch an den Weltbörsen.

In Europa beispielsweise gingen die Aktienkurse unmittelbar nach dem US-Angriff auf Talfahrt. Gleichzeitig schnellten die Ölpreise in die Höhe. Unter den größten Verlierern: Die Fluggesellschaft Lufthansa Börsen-Chart zeigen mit einem Kursverlust von beinahe 8 Prozent. Die Papiere der Kranich-Linie werden von der Nervosität der Aktionäre sowie vom steigenden Ölpreis gleichermaßen getroffen.

Zum zweiten neuen Unsicherheitsfaktor am Finanzmarkt könnte sich in den kommenden Wochen und Monaten ein Konflikt um eine neue Gas-Pipeline im Mittelmeer entwickeln. Auf den Bau dieser 1900 Kilometer langen und womöglich mehr als sechs Milliarden Euro teuren Röhre vom östlichen Mittelmeer bis nach Europa einigten sich in dieser Woche Griechenland, Zypern und Israel. Ein anderes Land allerdings hat bereits Widerstand angekündigt, und zwar mit der Türkei ausgerechnet eins, das bereits in der Vergangenheit bewiesen hat, dass es im Konfliktfall keineswegs zu Zimperlichkeit neigt. Gut möglich also, dass auch dieses Thema künftig für Bewegung an den Rohstoff- und Aktienmärkten sorgen wird.

Für Anleger wird die Welt damit noch unübersichtlicher, und das ist in der Regel keine gute Grundlage für Kursgewinne. Schließlich bleiben ihnen auch einige bereits seit Monaten schwelende Konfliktfelder auf der geopolitischen Ebene erhalten:

  • Im Handelsstreit zwischen den USA und China steht zwar Mitte Januar die Unterzeichnung eines ersten Teilabkommens bevor. Ob dies tatsächlich zu einer Beruhigung der Lage beitragen wird, bleibt jedoch abzuwarten. Schließlich befindet sich US-Präsident Donald Trump, der den Konflikt schon in der Vergangenheit immer wieder anheizte, in den kommenden Monaten im Wahlkampf. Trump könnte den Disput mit China ebenso wie auch die jüngste Eskalation im Nahen Osten dazu nutzen, um von Problemen im eigenen Land abzulenken. Stichworte: Ukraine-Affäre und Amtsenthebungsverfahren.
  • Auch der US-Wahlkampf selbst dürfte zum Faktor an den Weltbörsen werden. US-Präsident Trump mag politisch umstritten sein - die Aktienmärkte jedoch mögen den Amtsinhaber. Das heißt: Ein Wahlsieg des US-Präsidenten sowie alles, was einen solchen erwarten lässt, dürfte von den Börsen begrüßt werden. Schwingt das Pendel dagegen in Richtung eines Bewerbers der Partei der Demokraten, so ist mit dem Gegenteil zu rechnen: Dann steht womöglich Druck auf die Aktienkurse an. Insbesondere stark links orientierte demokratische Kandidaten wie der bereits 2016 gescheiterte Bernie Sanders oder die Senatorin Elizabeth Warren dürften von Börsianern kritisch gesehen werden. Denn deren Politik gilt als nicht übermäßig unternehmensfreundlich. John Vail jedenfalls, Chefstratege bei der Investmentgesellschaft Nikko Asset Management, warnt schon jetzt, der Markt scheine "viel zu zuversichtlich zu sein, dass kein Anti-Business-Präsident den Amtsinhaber ablösen wird".
  • Auch der Brexit ist längst noch nicht in trockenen Tüchern. Zwar dürfte am Austritt der Briten aus der EU am 31. Januar kaum noch zu rütteln sein. Danach gilt es jedoch, zwischen beiden Parteien ein neues Freihandelsabkommen zu vereinbaren - ein Thema, das die Finanzmärkte noch mindestens bis Ende dieses Jahres beschäftigen dürfte.
  • Hinzu kommt eine Reihe weiterer kleinerer Problemfelder im geopolitischen Bereich, die zwar jedes für sich genommen womöglich kaum der Rede wert erscheinen, die in der Summe jedoch ebenfalls zur Verunsicherung der Börsianer beitragen können. Ein Beispiel sind die Spannungen zwischen Nordkorea und dem Rest der Welt. Zwar hatte das abgeschottete Land zuletzt Zeichen des Entgegenkommens gesendet, etwa bei den Treffen mit dem US-Präsidenten. Vor wenigen Tagen waren jedoch wieder andere Töne aus Pjöngjang zu vernehmen. Da kündigte Machthaber Kim Jong Un die Entwicklung neuer, strategischer Waffen an, als Reaktion auf stockende Gespräche mit den USA.
Folgen Sie Christoph Rottwilm auf Twitter

Kurzum: Politische Börsen mögen einer Anlegerweisheit zufolge kurze Beine haben. Der Jahresauftakt zeigt allerdings, dass sie Anleger auf diesen kurzen Beinen sehr wohl ärgern können. Solche Tage dürften im gerade begonnen Jahr 2020 noch einige auf die Börsianer zukommen.

© manager magazin 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung