Donnerstag, 19. September 2019

Erneut 18 Prozent Kursverlust Pokémon Gone? Nintendo enttäuscht, Aktie fällt weiter

"Pokémon Go": Die Welt jagt Monster
REUTERS

Eine solche Kursexplosion ist selten bei etablierten Aktiengesellschaften: Das Papier des japanischen Spieleherstellers Nintendo hatte einen tagelangen Höhenflug hingelegt, wodurch sich der Wert des Unternehmens auf umgerechnet rund 38 Milliarden Euro oder 42 Milliarden Dollar mehr als verdoppelte. Grund war die Veröffentlichung des neuen Smartphone-Spiels Pokémon Go, das vielerorts einen regelrechten Boom auslöste.

Die Kursrallye ist nun allerdings offensichtlich schon wieder Schnee von gestern. Vergangene Woche zogen Anleger bereits massiv Geld aus dem Nintendo-Papier. Die Aktie brach in Tokio um satte 13 Prozent ein. Am heutigen Montag ging der Ausverkauf weiter, das Papier schloss im Handel in Tokio mit einem erneuten Kursverlust von beinahe 18 Prozent.

Es ist der stärkste Kursverlust der Nintendo-Aktie seit Jahren, und mit dem Verweis auf Gewinnmitnahmen dürfte er kaum ausreichend erklärt sein. Vielmehr spielen verschiedene Ursachen eine Rolle, als da wären:

  • Am Freitag nach Börsenschluss veröffentlichte Nintendo Börsen-Chart zeigen eine aus Anlegersicht sehr enttäuschende Mitteilung. Demnach werden die Auswirkungen von Pokémon Go auf das Geschäftsergebnis wohl nur begrenzt sein. Das Unternehmen habe die Rückflüsse aus dem Spiel in seiner jüngsten Prognose bereits berücksichtigt und plane nun trotz des aktuellen Hypes, den Pokémon Go weltweit ausgelöst hat, keine Korrektur des Ausblicks auf Umsatz und Gewinn.
  • Am Mittwoch vergangener Woche hatte bereits ein Bericht die Runde gemacht, wonach sich die Einführung des Spiels in Japan - vermutlich wegen Serverproblemen - verzögern dürfte. Das hatte für den ersten Kurseinbruch bei Nintendo gesorgt. Der Grund: Japan ist nicht nur die Heimat der Pokémons, sondern war jahrelang auch der größte Markt für Smartphone-Spiele weltweit. Erst im vergangenen Jahr wurden die Japaner in diesem Ranking Medienberichten zufolge von den Chinesen überholt.
    Japan dürfte also wohl der lukrativste Markt für das Pokémon-Go-Spiel werden. Inzwischen hat Nintendo das Spiel auf dem japanischen Markt bereits veröffentlicht.
  • Ohnehin ist fraglich, ob die erheblichen Kursgewinne der Nintendo-Aktie in den vergangenen Tagen gerechtfertigt waren. Denn bei aller Begeisterung der Spiele-Fans für Pokémon Go weltweit - wie viel Geld Nintendo mit dem Game umsetzen und verdienen kann, erscheint völlig unklar. Beteiligt an der Entwicklung und Vermarktung des Spiels sind im wesentlichen drei Firmen: Der Entwickler Niantic, der Spieleriese Nintendo sowie die Pokémon-Firma Pokémon Co.
    Diese drei Firmen teilen sich also vermutlich die Umsätze. Aber in welchem Verhältnis sie das tun, geben die Verantwortlichen nicht bekannt, wie auch das "Wall Street Journal" berichtete. Schätzungen gehen davon aus, dass der größte Teil der Umsätze an Niantic sowie an Pokémon Co. geht. Erst danach erhält vermutlich Nintendo einen Anteil. Allerdings ist Nintendo auch an Pokémon Co. sowie an Niantic beteiligt.
    Bevor die drei Firmen Geld sehen, ziehen allerdings zunächst die Betreiber der App-Stores von Android sowie iOS ihren Anteil von vermutlich 30 Prozent der Umsätze ein. Unklar ist allerdings ohnehin, in welcher Höhe künftig überhaupt Umsätze anfallen werden.
    Zum Hintergrund: Pokémon Go lässt sich in den App-Stores von iOS- und Android-Smartphones kostenlos herunterladen. Umsätze machen die Anbieter des Spiels durch In-App-Käufe seitens der Spieler. Zudem plant Nintendo Berichten zufolge den Verkauf eines speziellen Gerätes, auf dem das Spiel besser laufen soll als auf Smartphones. Auch vom Image-Gewinn im Zusammenhang mit dem Pokémon-Hype könnte Nintendo profitieren, beispielsweise wenn es darum geht, künftig weitere Smartphone-Spiele auf den Markt zu bringen.
  • Wer schon einmal Spieler von Smartphone-Games aus der Nähe beobachtet hat, weiß: Ebenso schnell, wie ein Spiel zum absoluten Renner werden kann, kann es auch wieder aus der Mode kommen. Dafür reicht beispielsweise bereits ein anderes neues Game, dem sich die Masse der Spieler dann zuwendet. Gut möglich also, dass der Pokémon-Go-Hype schneller wieder abflaut, als den Machern lieb ist. Und die Serverprobleme, die es bei Pokémon Go beispielsweise in Deutschland in den ersten Tagen gab, dürften die Zufriedenheit der Spieler nicht eben gesteigert haben.

Die Frage, ob der Anstieg des Nintendo-Marktwertes um zeitweise mehr als 20 Milliarden Dollar gerechtfertigt ist, erscheint also berechtigt. Viele Investoren sind offenbar skeptisch. Und auch Aktienanalysten geben sich inzwischen zurückhaltend. Mia Nagasaka etwa, Analyst von Morgan Stanley, zitierte das "Wall Street Journal" vergangene Woche mit der Einschätzung, Pokémon Go müsse schon eine ganze Zeit lang bei Millionen Nutzern erfolgreich sein, um sich in den Geschäftszahlen von Nintendo nachhaltig bemerkbar zu machen. Die Deutsche Bank zudem stufte Nintendos Aktie zuletzt von "Kaufen" auf "Halten" herab. Auch die UBS rät bei dem Unternehmen seit Dienstag zum Verkauf der Aktie.

Einen wichtigen Punkt nennt zudem Daniel Ahmad, ein britischer Analyst der Spielebranche. Kommende Woche veröffentliche Nintendo Geschäftszahlen, so Ahmad laut US-Plattform Quartz. Bevor das Unternehmen dann womöglich schlechte Nachrichten parat habe, wollen viele Investoren vermutlich ihre Gewinne in Sicherheit bringen.

Christoph Rottwilm auf Twitter

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