Anlageprofi Robert Halver erklärt ... Warum der Ölpreis Aktionäre nicht schrecken sollte

Von Robert Halver
Ölanlage in Saudi-Arabien

Ölanlage in Saudi-Arabien

Foto: REUTERS / Saudi Aramco

Der Ölpreis hat Gemeinsamkeiten mit dem früheren VW Käfer: Er läuft und läuft und läuft. Allein in diesem Jahr ist Öl von seinem Tief um 20 Prozent, seit Tiefpunkt 2017 bis heute um über 40 Prozent und seit Januar 2016 sogar um 170 Prozent gestiegen.

Robert Halver

Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarkt-analyse der Baader Bank AG und bekannt durch regelmäßige Medienauftritte und als Kolumnist. Mit Wertpapieranalyse beschäftigt er sich seit über 20 Jahren.

Die Opec hat sich bis Ende 2018 eine Förderbremse verordnet. Und jetzt spricht sich Saudi-Arabien sogar noch für weiter steigende Ölpreise von 80 bis 100 US-Dollar aus. Mit hohen Verkaufspreisen wollen die Saudis einerseits ihren Staatshaushalt sanieren. Dieser hat wegen überbordenden Sozialleistungen und kostspieligen Reformprogrammen bereits angefangen, griechisch zu lernen. Andererseits will man beim Börsengang des saudischen Ölkonzerns Aramco 2019 mit hoch gedopten Ölpreisen auch einen gedopten Emissionserlös erzielen.

Den Rest der Öl-Hausse hat der Derivatemarkt erledigt. Nach dem Motto "The trend is your friend" treiben Spekulanten den Ölpreis vor sich her.

Aber auch die Metallpreise haben zuletzt - wenn auch weniger - angezogen. Neben dem Impuls vom Öl als ungekröntem Häuptling unter den Rohstoff-Indianern kommen sie zusätzlich in den "Genuss" der amerikanischen Handelssanktionen gegen russische Aluminium- und Nickelproduzenten.

Die Leidensformel: Ölpreis hoch = Inflation hoch = Zinsen hoch = Aktien runter

Für viele Marktteilnehmer liegen mit der preistreibenden Unterversorgung bei Rohstoffen die Reißzwecken schon bereit, die die Finanzmarktblase zum Platzen bringen werden. Ja, manche sprechen sogar vom Ende des Bullenmarkts bei Aktien. Denn wenn die Inflation nachhaltig steigt, muss die Geldpolitik nach alter Väter Sitte die Zinsen ordentlich erhöhen. Damit wird das langjährig verabreichte geldpolitische Aktien-Aphrodisiakum auf einmal zum Aktien-Gift. Tatsächlich zeigt der Preisruck bei Öl am US-Staatsanleihemarkt längst Wirkung: Die Renditen folgen dem steigenden Ölpreis wie die Motten dem Licht.

Wie nachhaltig ist die Preiserholung bei Rohstoffen?

Doch ist mittlerweile das von Opec- und Nicht-Opec-Ländern ausgerufene Ziel der Produktionskürzungen erreicht. Das Überangebot am Ölmarkt ist futschikato: Während im März die OECD-Ölvorräte nur noch fünf Millionen Barrel über dem 5-Jahresdurchschnitt lagen, waren es 2016 noch nahezu 400.

Dass die Saudis jetzt weitere eigennützige Förderkürzungen anstreben, trifft nicht bei allen Förderländern auf Entzücken, obwohl sie zunächst zu höheren Ölpreisen führen. Die konventionellen Ölländer fürchten schleichende Marktanteilsverluste zugunsten der USA. Die aktuell hohen Ölpreise sind schon ein Himmelsgeschenk für die US-Fracking-Industrie, die bei weiter steigender Marge ihre alternative Ölproduktion gnadenlos ausweitet. So viel gefrackt wie jetzt wurde noch nie.

Foto: manager-magazin.de

In ihrem World Oil Outlook beschreibt die Opec selbst das Horrorgemälde einer immer effizienteren amerikanischen Schieferölproduktion. Schon heute befriedigen die USA ihren Ölbedarf zu einem Drittel selbst. Bis 2021 wird eine Produktionssteigerung um ca. 60 Prozent erwartet. Dann würden die USA liebend gerne auch den Rest der Welt mit Fracking-Öl erquicken. Fracking ist keine zu verniedlichende Veranstaltung mehr. Zukünftig wird immer weniger die Opec, sondern Fracking zum Maß aller Ölpreise.

Diesem gefrackten Siegeszug will Russland mit einer wieder erhöhten, konventionellen Ölproduktion kräftig in die Parade fahren, selbst wenn dann der Preis für das schwarze Gold wieder sinkt.

Warum die Auswirkungen auf die Inflation geringer als früher sind

Ebenso ist am Nickel-, Zink-, Kupfer- und Bleimarkt nicht von anhaltenden Angebotsengpässen auszugehen, da die Produktion allein schon aufgrund der gestiegenen Preise anziehen wird. Und ob Trump an den Sanktionen gegenüber der russischen Metallindustrie festhält, ist ebenso fraglich. Schon aus Wettbewerbsgründen hat er ein Interesse an günstigen Vorproduktpreisen für seine Industrie, z.B. Automobile.

Insgesamt sind die aktuell hohen Rohstoffpreise nicht gerechtfertigt. Es baut sich derzeit Preiskorrekturpotenzial auf. Dieses wird seine Wirkung entfalten, sobald die fundamentalen Realitäten wieder eine Rolle spielen und sich die geopolitische Lage zumindest entspannt. Und dann kommt die schnelle Eingreiftruppe der Terminmärkte ins Spiel: So wie sie den Ölpreis ähnlich einem Almauftrieb einer Kuhherde auf die Bergweide gebracht haben, werden sie bei geänderten Marktbedingungen auch zügig den Almabtrieb erledigen.

Inflation - wenn nicht jetzt, wann dann?

Schon jetzt haben die höchsten Ölpreise seit Ende 2014 keine Chance, die Inflationsrate wie noch früher nach den Ölkrisen 1973 und 1979 nachhaltig nach oben zu treiben. Öl ist volkswirtschaftlich wichtig, aber längst nicht mehr so wie noch in den 80er-Jahren.

Sicherlich könnte sich wegen der im Vorjahr gefallenen Ölpreise zwischenzeitlich eine gewisse Beschleunigung der Inflation einstellen. Doch da sich ab September 2017 deutliche Preisbefestigungen zeigten, wächst sich zum Jahresende hin der Preisschub im Vorjahresvergleich - unter der naheliegenden Annahme nicht weiter steigender Energiepreise - aus. Insofern wird die EZB über diesen vorübergehenden Preiserhöhungseffekt hinwegsehen und sich in Inflationstoleranz üben. Hierbei sollte auch die inflationsmindernde Wirkung von Globalisierung und vor allem Digitalisierung alles, aber nicht unterschätzt werden.

Im Übrigen werden die zuletzt eingetrübten Frühindikatoren für die Eurozone die EZB nicht kalt lassen. Der eurozonale Aufschwung wird in den kommenden Quartalen an Schwung verlieren. Mario Draghi als Vater der Porzellankiste wird noch vorsichtiger.

Insgesamt haben steigende Ölpreise an zinspolitischem Schrecken für die Aktienmärkte deutlich verloren. Es sei daran erinnert, dass hauptsächlich eine lockere Geldpolitik die Backhefe für den Aktienkuchen ist.

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