Montag, 27. Mai 2019

Anlageprofi Robert Halver erklärt ... Warum der Ölpreis Aktionäre nicht schrecken sollte

Ölanlage in Saudi-Arabien
REUTERS / Saudi Aramco
Ölanlage in Saudi-Arabien

2. Teil: Warum die Auswirkungen auf die Inflation geringer als früher sind

Ebenso ist am Nickel-, Zink-, Kupfer- und Bleimarkt nicht von anhaltenden Angebotsengpässen auszugehen, da die Produktion allein schon aufgrund der gestiegenen Preise anziehen wird. Und ob Trump an den Sanktionen gegenüber der russischen Metallindustrie festhält, ist ebenso fraglich. Schon aus Wettbewerbsgründen hat er ein Interesse an günstigen Vorproduktpreisen für seine Industrie, z.B. Automobile.

Insgesamt sind die aktuell hohen Rohstoffpreise nicht gerechtfertigt. Es baut sich derzeit Preiskorrekturpotenzial auf. Dieses wird seine Wirkung entfalten, sobald die fundamentalen Realitäten wieder eine Rolle spielen und sich die geopolitische Lage zumindest entspannt. Und dann kommt die schnelle Eingreiftruppe der Terminmärkte ins Spiel: So wie sie den Ölpreis ähnlich einem Almauftrieb einer Kuhherde auf die Bergweide gebracht haben, werden sie bei geänderten Marktbedingungen auch zügig den Almabtrieb erledigen.

Inflation - wenn nicht jetzt, wann dann?

Schon jetzt haben die höchsten Ölpreise seit Ende 2014 keine Chance, die Inflationsrate wie noch früher nach den Ölkrisen 1973 und 1979 nachhaltig nach oben zu treiben. Öl ist volkswirtschaftlich wichtig, aber längst nicht mehr so wie noch in den 80er-Jahren.

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Sicherlich könnte sich wegen der im Vorjahr gefallenen Ölpreise zwischenzeitlich eine gewisse Beschleunigung der Inflation einstellen. Doch da sich ab September 2017 deutliche Preisbefestigungen zeigten, wächst sich zum Jahresende hin der Preisschub im Vorjahresvergleich - unter der naheliegenden Annahme nicht weiter steigender Energiepreise - aus. Insofern wird die EZB über diesen vorübergehenden Preiserhöhungseffekt hinwegsehen und sich in Inflationstoleranz üben. Hierbei sollte auch die inflationsmindernde Wirkung von Globalisierung und vor allem Digitalisierung alles, aber nicht unterschätzt werden.

Im Übrigen werden die zuletzt eingetrübten Frühindikatoren für die Eurozone die EZB nicht kalt lassen. Der eurozonale Aufschwung wird in den kommenden Quartalen an Schwung verlieren. Mario Draghi als Vater der Porzellankiste wird noch vorsichtiger.

Insgesamt haben steigende Ölpreise an zinspolitischem Schrecken für die Aktienmärkte deutlich verloren. Es sei daran erinnert, dass hauptsächlich eine lockere Geldpolitik die Backhefe für den Aktienkuchen ist.

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