Oatly an der Wall Street Die Gutfirma aus Schweden und die Börsenmilliarden

Oatly, weltgrößter Hersteller von Hafermilchprodukten, hat sein IPO durchgezogen und mehr als eine Milliarde Dollar eingesammelt. Die Schweden geben sich gern als Klimaretter - haben aber auch Flecken auf der weißen Weste.
Jung, modern, ökologisch einwandfrei: Der Hafermilch-Hersteller Oatly weiß sich auf der Seite der Guten

Jung, modern, ökologisch einwandfrei: Der Hafermilch-Hersteller Oatly weiß sich auf der Seite der Guten

Foto: ADAMKLINGETEG / Oatly Group

"Nachhaltigkeit ist der Kern unseres Geschäfts", schreibt Oatly in seinem Börsenprospekt . Wer seine Kuhmilch durch die Haferprodukte der Schweden ersetzt, so heißt es dort weiter, reduziert den dazugehörigen Ausstoß von Treibhausgasen um 80 Prozent, die erforderliche landwirtschaftliche Fläche um 79 Prozent und den Energieverbrauch im Produktionsprozess um 60 Prozent. Da bleibt kaum noch Raum für Zweifel: Wenn es ein Pendant für den klassischen Gutmenschen auf Unternehmensebene gibt, dann ist der Haferdrink-Produzent Oatly ein heißer Kandidat.

Denn Oatly tut nicht nur Gutes. Das Unternehmen lässt vielmehr auch keine Gelegenheit aus, öffentlich und mit großem Nachdruck darauf hinzuweisen - und jedem, der nicht auf seiner Seite steht, dessen Mangelhaftigkeit ebenso öffentlichkeitswirksam unter die Nase zu reiben.

Einen Belastungstest musste diese Unternehmensstrategie in dieser Woche bestehen: Oatly ging an der Wall Street an die Börse, wo die Schweden bei Investoren rund 1,65 Milliarden Dollar eingesammelt haben. Dabei wurden neue Aktien im Volumen von rund 1,1 Milliarden Dollar platziert. Der Rest des IPO-Erlöses geht an Altaktionäre, darunter die Gründer Rickard und Björn Öste sowie Oatly-Chef Toni Petersson.

Bislang geriet Oatly vor allem mit der schwedischen Milch- und Landwirtschaft aneinander, die von der Haferfirma mit aggressiver Werbung seit Jahren unter Druck gesetzt wird. So forderten Oatlys Werbestrategen ihre Landsleute in Anzeigen und auf Plakaten lauthals auf, die "Milch wegzukippen" ("Spola Mjölken"). Schließlich weise das hauseigene Produkt doch jene deutlich bessere Klimabilanz auf. Eine Kampagne, mit der Oatly allerdings neben den Milchbauern zugleich auch viele Landwirte in Schweden gegen sich aufbrachte. Die sahen sich zu Unrecht zu Sündenböcken abgestempelt.

Der Konflikt, von schwedischen Zeitungen mitunter als "Milchkrieg" bezeichnet, landete letztlich sogar vor Gericht: Die Milchbranche in Schweden ließ Oatly verbieten, tierische Milch in der Werbung zu diskreditieren. Laut EU-Gesetzgebung darf das Unternehmen sein Getränk innerhalb der Union zudem nicht als "Hafermilch" bezeichnen. Lediglich Begriffe wie "Hafergetränk" sind demnach statthaft, und für andere Anleihen an gängige Molkereiprodukte - zum Beispiel Hafer-Joghurt - gelten vergleichbare Restriktionen.

Oatlys Umsatz wuchs zuletzt um mehr als 100 Prozent im Jahr

Zum PR-technischen Gegenschlag holte zudem der skandinavische Milchriese Arla aus: In Werbespots versah der Konzern Oatly-ähnliche Produkte mit Fantasienamen wie "Trölk" (zu Deutsch etwa: "Trilch") oder "Brölk" ("Brilch"), um sie zu verspotten. Oatly allerdings zeigte sich schlagfertig: Die Hafermixer sicherten sich die Rechte an den Hohnnamen, um sie tatsächlich für eigene Produkte verwenden zu können.

Dabei ist klar, dass die Parteien lediglich an der Oberfläche um Umweltverträglichkeit und ökologische Aspekte streiten. Im Kern geht es um harten wirtschaftlichen Wettbewerb, um Umsätze und um Marktanteile. Oatly, das sich selbst als "erste und größte Hafermilch-Firma der Welt" bezeichnet (wohlgemerkt: im Börsenprospekt benutzt Oatly weiterhin die Bezeichnung "Hafermilch"), erzielte seinem Börsenprospekt zufolge 2020 einen Gesamtumsatz von rund 421 Millionen Dollar. Der weltweiten Milchindustrie, die dem Unternehmen zufolge gegenwärtig jährlich rund 592 Milliarden Dollar umsetzt, kommen die Schweden damit zwar noch nicht wirklich in die Quere.

Doch Oatly wächst rasant. So betrug der Umsatz noch im Jahr 2019 lediglich rund 204 Millionen Dollar und im Jahr 2018 rund 118 Millionen Dollar. Die Wachstumsrate ist damit zuletzt von rund 73 Prozent auf mehr als 100 Prozent in die Höhe gegangen. Analysten sagen dem Markt für pflanzliche Alternativen zu Milchprodukten generell ein weiterhin rasantes Wachstum voraus. Und der globale Milchmarkt insgesamt wird Schätzungen zufolge bis 2025 um jährlich fast 6 Prozent auf beinahe 800 Milliarden Dollar zulegen.

Besonders dynamisch geht es bei Oatly mit einem jährlichen Plus von zuletzt 182 Prozent in den USA sowie von 199 Prozent in Deutschland aufwärts. Auf der anderen Seite teilen die Schweden allerdings ein Schicksal mit vielen anderen stark expandierenden Jungunternehmen: Noch schreibt Oatly keine Gewinne. 2019 fiel vielmehr ein Nettoverlust von 35,6 Millionen Dollar an, der sich im darauffolgenden Jahr auf 60,4 Millionen Dollar sogar noch vergrößerte.

Entstanden ist Oatly in den 1990er-Jahren, als der schwedische Forscher Rickard Öste an der Universität Lund eine Möglichkeit gefunden hatte, Hafer mithilfe eines Enzyms in eine milchige Flüssigkeit zu verwandeln. Öste gründete gemeinsam mit seinem Bruder Björn das Unternehmen Oatly - der Beginn einer Welteroberung. Oatly ist inzwischen in allen wichtigen Ländern Europas präsent. 2017 startete das Unternehmen in den USA, 2018 folgte China. Insgesamt werden Oatly-Produkte heute in mehr als 20 Ländern vertrieben, wobei das Spektrum inzwischen vom Haferdrink über diverse Frucht- und Schokogetränke sowie den Hafer-Joghurt bis hin zur Hafer-Sahne reicht, und das alles gerne auch in Varianten wie fettarm oder Bio. Erfolgreich ist das Unternehmen zudem nicht nur in Supermärkten, sondern vor allem in Großstädten auch in Cafés wie Starbucks und anderen Lokalitäten.

Kritik am Trump-Freund unter den Oatly-Investoren

"Die Leute sehen schnell wachsende Unternehmen im Silicon Valley und halten dreistellige Wachstumsraten in der Lebensmittelindustrie vielleicht nicht für etwas außergewöhnliches", sagte Oatly-Gründer Björn Öste (62) vor einiger Zeit im "Forbes"-Magazin  zur Expansion des Unternehmens. "Aber stellen sie sich nur mal vor, wie viel zusätzliche Pflanzfläche benötigt wird, wenn sie nur von 20 Lkw-Lieferungen am Tag auf 40 steigern." Es sei im Vergleich zur Tech-Industrie tatsächlich etwas völlig anderes, wenn physische Güter rund um den Globus transportiert werden müssten, so Öste.

Damit es weiter vorwärtsgehen kann, hat Oatly nun den Schritt an die Börse vollzogen: Insgesamt 1,65 Milliarden Dollar hat das Unternehmen und seine bestehenden Anteilseigner an der Wall Street eingesammelt, davon rund 1,1 Milliarden in Form neuer Aktien und den Rest als Erlös für Altaktionäre. Darunter befinden sich auch die Gründer Rickard und Björn Öste, deren Anteil an Oatly durch das IPO von 5,1 Prozent auf 4,4 Prozent sinkt. Auch Oatly-Chef Toni Petersson (53) ist an dem Unternehmen beteiligt. Sein Anteil sinkt beim Börsengang von 1,9 auf 1,5 Prozent, so der Börsenprospekt.

Beim Ausgabepreis von bis zu 17 Dollar je Anteilsschein (verkauft wurden sogenannte ADS, also "American Depositary Shares") kam Oatly dabei zum Börsengang auf eine Bewertung von gut zehn Milliarden Dollar. Damit sitzen die Öste-Brüder auf einem Anteilspaket im Wert von etwa 440 Millionen Dollar. CEO Petersson kommt auf einen Anteilswert von rund 150 Millionen Dollar.

Auch darin spiegelt sich das enorme Wachstum der Haferfirma wider. Bei der bislang jüngsten Finanzierungsrunde im Sommer vergangenen Jahres wurde Oatly noch mit zwei Milliarden Dollar bewertet. Seinerzeit stieg der US-Investmentriese Blackstone bei den Schweden ein, mit 200 Millionen Dollar erwarb er 10 Prozent des Unternehmens. Der Deal kam in Oatlys Fangemeinde alles andere als gut an - schließlich gilt Blackstone-Chef Stephen Schwarzman (74) als Buddy des seinerzeitigen US-Präsidenten Donald Trump (74), der auch als notorischer Leugner des Klimawandels bekannt ist.

Zweifelhafte Freunde in China

Zeitgleich mit Blackstone beteiligten sich im vergangenen Jahr einige weitere prominente Investoren an Oatly, wie zum Beispiel die US-Fernsehmoderatorin Oprah Winfrey (67), Ex-Starbucks-Chef Howard Schultz (67), US-Rap-Star Jay-Z (51) sowie Filmschauspielerin Natalie Portman (39).

Dabei ist Blackstone keineswegs der einzige graue Fleck auf Oatlys weißer Gutfirmen-Weste. Ebenfalls unter den Aktionären befindet sich mit einem beachtlichen Anteil im mittleren zweistelligen Prozentbereich China Ressources, ein Staatsunternehmen der Volksrepublik China. Das Land hat sich bekanntlich ebenfalls nicht gerade den Ruf erworben, zu den entschiedensten Kämpfern gegen Umweltverschmutzung und Klimawandel zu gehören. Im "Milchkrieg" in Schweden haben Oatlys Gegner diesen Schwachpunkt bereits aufs Korn genommen, worauf Hafermilcherfinder Rickard Öste Medienberichten zufolge aber nicht viel mehr als ein Schulterzucken übrig hatte .

Oatlys Zukunft dürfte durch Fragen nach den Geldgebern wohl ohnehin kaum in Gefahr geraten. Denn das Geheimnis des Unternehmenserfolges liegt offenbar woanders. "Es ist wirklich einfach", sagte Björn Öste dem "Forbes"-Magazin zu dieser Frage. "Der Geschmack entscheidet."

cr