Börse für Start-ups Rösler will Neuen Markt wiederbeleben

Eine Troika aus Deutscher Börse, Bundesverband Deutsche Start-ups und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler will den Neuen Markt wiederbeleben. Das Ziel: Ein neues Börsensegment für junge, wachstumsstarke Unternehmen. Alte Fehler sollen dabei nicht wiederholt werden.
Gibt sich gerne als Start-up-Minister: Philipp Rösler auf seiner Silicon-Valley-Reise im Mai 2013

Gibt sich gerne als Start-up-Minister: Philipp Rösler auf seiner Silicon-Valley-Reise im Mai 2013

Foto: Ole Spata/ dpa

Düsselsdorf - Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) will den Neuen Markt wiederbeleben. Ziel sei ein neues Börsensegment für junge, wachstumsstarke Unternehmen. So trafen sich im Juni erstmals Vertreter des Wirtschaftsministeriums, der Deutschen Börse und des Bundesverbands Deutsche Start-ups, um die Chancen für eine Wiederbelebung auszuloten. Möglich sei auch, den bereits existierenden "Entry Standard" der Deutschen Börse attraktiver für Hightech-Firmen zu gestalten, heißt es.

Zielgruppe des "neuen" Neuen Markts sollen laut Florian Nöll (siehe Interview), Chef des Bundesverbands Deutsche Start-ups, institutionelle Investoren und nicht Privatanleger sein. "Wir wollen mit dem Marktplatz internationale Investoren nach Deutschland holen", sagte Nöll manager magazin online. Er hofft, dass das neue Börsensegment bereits Mitte 2014 starten kann.

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Börse: Aufstieg und Fall des Neuen Marktes

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Der Neue Markt, der von 1997 bis 2003 existierte, war Heimatstätte vieler Unternehmen der "New Economy", als das Internet die gesamte Wirtschaft zu revolutionieren versprach. Die Kurse explodierten, obwohl manche dieser Unternehmen kaum Umsätze und Gewinne erzielten. Sie lösten ein Aktienfieber in der Bevölkerung aus.

Nach mehreren Skandalen um falsche oder erfundene Geschäftszahlen und weltweiten Kurseinbrüchen platzte die "Dotcom"-Blase 2000/2001 jedoch. Viele Kleinanleger verloren einen Teil ihrer Ersparnisse, das Image des Börsensegments war ruiniert.

Die Internetbranche kam jedoch seither mit Schwergewichten wie Google  oder Facebook  erst richtig in Fahrt, meist ausgestattet mit Wagniskapital aus dem kalifornischen Silicon Valley. In Berlin hat sich inzwischen ein weiteres Zentrum für junge Internet-Startups gebildet. Für frühe Investoren in solche Unternehmen sind Börsengänge interessant, weil sie dann Kasse machen können.

Experten sind skeptisch

Die Pläne von Wirtschaftsminister Philipp Rösler zur Wiederbelebung des Neuen Marktes sehen viele in der Finanzszene kritisch. Dies dürfte auch an dem Namen liegen, der bei Investoren über Jahre hinweg verbrannt sein dürfte. Der Neue Markt wurde um die Jahrtausendwende zum Sinnbild für Kapitalvernichtung und Betrug. "Angesichts der Geschichte und der öffentlichen Meinung in Deutschland wäre es ein sehr steiniger Weg bis zu einem Comeback", betonen die Analysten vom Bankhaus Close Brothers.

Zwei Namen stehen symbolisch für den Niedergang des Neuen Marktes: Comroad und Gigabell. Letztere legten im Herbst 2000 die erste Firmenpleite in diesem Segment hin. Im darauffolgenden Frühjahr wurde Gigabell-Titeln die Zulassung zum Handel entzogen, weil der Internet Multi-Service-Anbieter seine Pflicht zur Veröffentlichung von Geschäftsberichten verletzt hatte.

Spektakulär war auch der Zusammenbruch von Comroad. Der Telematik-Anbieter hatte von 1999 bis 2001 fast seinen kompletten Umsatz vorgetäuscht. Firmenchef Bodo Schnabel nutzte in dieser Zeit die steigenden Kurse für Aktienverkäufe. Er wurde später zu millionenschweren Schadenersatz-Zahlungen verurteilt.

Börse für Startkapital ungeeignet

Fraglich ist auch, ob ein solches Segment den jungen Firmen wirklich etwas bringen würde. Investoren an den Finanzmärkten scheuen zu großes Risiko und legen ihr Geld frühestens in der zweiten oder dritten Entwicklungsphase eines Unternehmens an, aber nicht gleich zu Beginn. Startkapital für junge Firmen lasse sich dort kaum einsammeln, ist Christoph Schalast von der Frankfurt School of Finance and Management überzeugt. Zudem seien die Kosten für einen Börsengang, die sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag belaufen können, für viele kleine Firmen zu hoch.

Einig sind sich Experten darin, dass es in Deutschland zu wenig Geldgeber für Start-up-Unternehmen gibt. 2012 investierten Wagniskapitalgeber laut dem Branchenverband BVK lediglich 521 Millionen Euro in entsprechende Fonds - verglichen mit fast 27 Milliarden Dollar in den USA. "Jede Initiative, um dieses Problem zu beheben, ist begrüßenswert", sagt Schalast. "Ich glaube allerdings nicht, dass die Börse dazu der richtige Weg ist."

Auch Fondsgesellschaften und Händler sind deshalb skeptisch. "Wir werden sicher nicht versuchsweise investieren, sondern erst einmal abwarten, ob sich ein solches Segment etabliert", sagt ein großer deutscher Investor. Marktanalyst Heino Ruland gibt den Plänen ebenfalls geringe Chancen auf Umsetzung. Wagniskapital-Geber brauchten für den Ausstieg aus einem Unternehmen keine Börsen-Plattform, sagt er. "Mir erscheinen die Pläne nicht hundertprozentig durchdacht."

Deutsche Börse betreibt bereits ein Einstiegssegment

Konkrete Pläne gebe es nicht, betonen drei mit dem Vorgang vertraute Personen aus dem Umfeld der Deutschen Börse. Wenn es von Investoren Nachfrage für ein solches Börsen-Segment gäbe, hätte das Unternehmen darauf schon längst reagiert, fügt einer der Insider hinzu. Dies sei aber nicht der Fall, vielmehr würden kleinere Unternehmen von Investoren immer weniger beachtet.

Dass sich Börsen-Chef Reto Francioni im Gespräch mit Rösler offen für dessen Vorstoß gezeigt habe, habe wohl in erster Linie taktische Gründe, vermutet ein gut vernetzter Börsen-Mitarbeiter. "Gut vier Wochen vor der Bundestagswahl darf man das alles nicht so ernst nehmen."

Deutschlands größter Börsenbetreiber hat mit dem Entry Standard bereits ein Handelssegment mit vergleichsweise geringen Transparenzvorschriften, das kleinere Firmen anlocken soll. Eine weitere Börsen-Liga mit noch geringeren Anforderungen sei zwar grundsätzlich denkbar, sagt Banken-Experte Schalast. Er warnt jedoch: "Je geringer die Transparenz ist, desto höher ist die Gefahr von Missbrauch."

Crowdinvesting als Alternative

Dass sich die Deutsche Börse auf so ein Experiment einlässt, scheint deshalb mehr als unwahrscheinlich. Erst 2012 hatte das Unternehmen das Segment "First Quotation Board" geschlossen, da es "zu massiven und häufigen Verdachtsfällen auf Marktmanipulation" gekommen war.

Für Start-ups gibt es aus Sicht von Schalast aussichtsreichere Möglichkeiten, um an Kapital zu kommen, beispielsweise das sogenannte "Crowd Financing". Dabei stellen Firmengründer ihre Geschäftsidee im Internet oder auf Messen vor und sammeln anschließend bei einer Vielzahl von kleinen Investoren Geld ein.

Außerdem könnte der Staat die Bedingungen für Start-ups verbessern, sagt Schalast. Denkbar sei, dass Firmen Verluste aus früheren Jahren länger steuerlich geltend machen können. Auch eine niedrigere Besteuerung von Gewinnen würde Start-ups helfen. "Das wäre ja eigentlich ein passendes Thema für die FDP."

krk/dpa/rtr
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