Verkehrte Finanzwelt, genervte Verbraucher Wenn sich der Minuszins in die Gesellschaft frisst

Um die Wirtschaft zu beleben, treiben EZB und andere Notenbanken die Zinsen zunehmend in den negativen Bereich. Doch das hat auch Nachteile - für die Volkswirtschaft sowie für jeden einzelnen Verbraucher.
Schuhe kaufen als Lösung: Mit niedrigen Zinsen wollen Zentralbanken unter anderem den Konsum anregen

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Eigentlich ist es ganz einfach: Wer sein Geld bei der Bank deponiert, bekommt dafür Zinsen. Und wer sich welches leiht, muss Zinsen zahlen. Diese Grundregel galt im Wirtschaftsleben seit jeher - bis jetzt.

Seit einiger Zeit kehren sich die Vorzeichen um: Guthabenzinsen werden negativ und Kreditzinsen mitunter positiv. Das heißt im Klartext: Wer sein Geld bei der Bank deponiert, bekommt plötzlich keine Zinsen mehr, er muss welche zahlen. Und wer sich auf der anderen Seite Geld von der Bank leiht, braucht keine Zinsen mehr zu zahlen - er bekommt sie seinerseits von der Bank gutgeschrieben.

Das klingt vielleicht verrückt, aber es ist zum Teil schon Realität. Und die Entwicklung, die da im Gange ist, dürfte Experten zufolge noch deutlich weitergehen.

Einen Negativzins auf Einlagen haben bereits die Notenbanken von Dänemark, Schweden, der Schweiz, Japan und der Eurozone eingerichtet. Für letztere senkte die Europäische Zentralbank (EZB) den Zins für Banken, die Geld bei ihr parken wollen, bereits im September 2014 auf minus 0,3 Prozent.

Das Ziel dieser Maßnahme ist klar: Die Zentralbanken wollen mit aller Macht erreichen, dass Geld in Umlauf kommt, für Konsum und Investitionen. So soll die vielerorts schwächelnde Wirtschaft wieder in Schwung gebracht werden. Oder - Beispiel Dänemark oder die Schweiz - die Zentralbanken versuchen, sich vor einer Flut von Kapital zu schützen, das ihnen auf der Suche nach einem sicheren Hafen in unruhigen Zeiten zuströmt.

Dänische Hauskäufer bekommen Kredite mit Minuszins

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Die stimulierenden Effekte der extremen Niedrigzinspolitik bleiben zumindest in der Eurozone bislang jedoch weitgehend aus. Und das, obwohl sich die Negativzinsen immer weiter an den Finanzmärkten ausbreiten. Zum Beispiel im Bankgeschäft, wo die bislang wohl kurioseste Nachricht zu dem Thema aus Dänemark kam: Dort hat die Nordea Bank tatsächlich bereits einige Kredite für Immobilienfinanzierungen mit negativem Zinssatz ausgereicht.

Das war vermutlich vorerst eine Ausnahme und ein Grund zur Freude für die Nordea-Kunden obendrein. Doch längst nicht überall sorgt der Minuszins für Frohlocken. Schon im Oktober 2014 etwa machte die Meldung die Runde, dass mit der thüringischen Skatbank das erste Geldinstitut hierzulande einen Negativzins für besonders hohe Geldeinlagen forderte. Wer mehr als 500.000 Euro als Tagesgeld bei der Bank anlegen wollte, zahlte fortan drauf. Inzwischen haben bundesweit weitere Institute nachgezogen, und die Sorge geht um , dass der Negativzins irgendwann auch den Kleinsparer erreichen könnte.

Damit aber noch nicht genug: Die Zinsen zahlreicher Staatsanleihen auch aus Deutschland befinden sich mittlerweile ebenfalls im roten Bereich. Selbst vor den Bonds großer Konzerne macht der Trend nicht Halt: Die Rendite einer Anleihe des Nahrungsmittelriesen Nestlé  etwa rutschte schon vor über einem Jahr erstmals unter null.

Schmerzgrenze bei minus 1 Prozent?

Damit ist klar: Wer sein Geld sicher anlegen will, bekommt nicht nur kaum noch Rendite dafür. Er zahlt sogar immer häufiger einen Aufschlag.

Fachleute sind sich sicher, dass sich dieses Phänomen künftig noch weiter ausbreiten wird. "Solange die Wirtschaft in der Eurozone mit weniger als zwei Prozent wächst, wird EZB-Chef Mario Draghi seine lockere Geldpolitik fortsetzen", glaubt etwa Kurt Neuwirth, Zinsexperte von Neuwirth Finance am Starnberger See. "Wir erwarten, dass die EZB ihren Einlagenzins demnächst auf minus 0,5 Prozent weiter absenken wird."

Immer mehr Geld also als Treibstoff für die Wirtschaft, bis irgendwann der erhoffte Effekt eintritt und der Konsum steigt sowie die Investitionen zunehmen. Doch was, wenn das nicht passiert? Wo ist die Grenze der Niedrig- bis Negativzinspolitik? Könnte irgendwann womöglich ein Punkt erreicht sein, an dem die Strategie nicht mehr zielführend, sondern vielleicht sogar schädlich für die Volkswirtschaft wird?

Eine Warnung in diese Richtung kam just zu Beginn des G20-Treffens am Freitag in Shanghai von Mark Carney, Chef der Bank of England. Länder könnten ihre Probleme nicht einfach über eine Abwertung ihrer Währungen exportieren, so Carney. Ein solches Verhalten laufe auf ein "Nullsummenspiel" ohne Gewinner hinaus.

Abwertungswettlauf ist "Nullsummenspiel"

Hintergrund ist die Tatsache, dass die Niedrigzinspolitik eines Landes in der Regel auch eine Abwertung seiner Währung zur Folge hat. Das hilft exportorientierten Unternehmen des betreffenden Landes, denn deren Waren werden im Ausland günstiger - allerdings nur, wenn, wie Carney bemerkt, nicht alle anderen Länder das gleiche machen.

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Doch auch innerhalb der Länder, die ihre Zinsen dauerhaft in den negativen Bereich treiben, sind Probleme vorgezeichnet. Und die enden keineswegs beim bloßen Unmut von kleinen und größeren Sparern darüber, dass die Geldaufbewahrung bei der Bank plötzlich Kosten verursacht, anstatt Rendite zu bringen.

Was ist beispielsweise mit der Altersvorsorge von Millionen Menschen? Wie sollen Ansparpläne funktionieren, wenn das Kapital im Laufe der Jahre schrumpft anstatt zu wachsen. Die gesamte Versicherungsbranche sowie beispielsweise auch Pensionskassen dürften mit ihren Kalkulationen noch deutlich stärker in die Bredouille geraten, als dies zurzeit bereits der Fall ist.

Irgendwann dürfte zudem der Punkt erreicht sein, an dem Bankkunden nicht mehr bereit sind, negative Zinsen zu zahlen. Dann könnten sie im großen Stil die Filialen entern und ihre Ersparnisse von den Konten räumen. Manche Experten glauben, beim aktuellen Niveau von minus 0,3 Prozent Einlagenzins bei der EZB sei eine solche Schmerzgrenze bereits erreicht. Zinsfachmann Neuwirth zufolge ist jedoch noch etwas Spielraum. "Minus 1 Prozent ist wohl so eine Schallmauer", sagt er. "Gehen die Zinsen so weit nach unten, dürften die Leute ihr Geld lieber abheben."

Wir werden mehr Tresore brauchen

An der Stelle trifft die Debatte über den Negativzins auf die Diskussion um die Abschaffung des Bargeldes. Diejenigen, die für ein Ende von Münzen und Scheinen argumentieren, verweisen zwar zur Begründung gerne auf die dadurch angeblich verbesserte Bekämpfung von Terrorismus und Schwarzarbeit. Klar ist aber auch: Gibt es kein Bargeld mehr, lassen sich negative Zinsen von Seiten der Banken deutlich effektiver einsetzen, wie auch Philipp Dobbert, Chefvolkswirt der Quirin Bank, in einem aktuellen Kommentar betont.

Solange es das Bargeld noch gibt, ist eine Flucht der Bankkunden allerdings möglich. Und die könnte weitreichende und vor allem teure Konsequenzen haben. Banken, Unternehmen und Privatleute brauchen nicht nur Tresore, sie benötigen auch Arbeiter und Fahrzeuge, um das Geld bei Überweisungen zu transportieren, schrieb jüngst beispielsweise Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon Asset Management, in einer Kolumne . Dazu kämen Maschinen, um das Geld zu zählen. "Es ist teuer, die Löhne in den Unternehmen in bar auszuzahlen", so Hüfner. "Das Kassieren im Einzelhandel wird umständlicher. Die ganze monetäre Infrastruktur muss umgebaut werden."

Dieser Ausblick ist zwar derzeit noch hypothetisch, schön ist er aber nicht. Gut möglich, dass der Gesetzgeber in einer solchen Situation mit Einschränkungen des Bargeldverkehrs reagieren würde.

Entscheidend erscheint allerdings, was jene Leute oder Unternehmen, die ihr Geld von der Bank holen, dann damit machen. Denkbar wäre ein sprichwörtliches Horten unter der Matratze ebenso wie ein Transfer in ein möglicherweise attraktiveres Ausland. In beiden Fällen würde die lockere EZB-Geldpolitik letztendlich mehr oder weniger ins Leere laufen.

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Besser wäre es daher, die Verbraucher und Firmen steckten ihr Bares in den Konsum oder in Investitionen, kauften also Smartphones, Autos oder Maschinen. In dem Fall hätte die Zentralbank ihr Ziel zu guter Letzt doch noch erreicht: Die Volkswirtschaft erhielte einen möglicherweise entscheidenden Impuls für erneutes Wachstum.

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