Negativrendite bei Staatsbonds Bundesanleihen ohne Zins - wer ist schuld, wer profitiert?

Ein Bild aus alten Zeiten: Mittlerweile notieren werden alle Bundesanleihen bis zu zehn Jahren mit negativen Renditen gehandelt.

Ein Bild aus alten Zeiten: Mittlerweile notieren werden alle Bundesanleihen bis zu zehn Jahren mit negativen Renditen gehandelt.

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Verkehrte Welt am Kapitalmarkt: Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik berappen Investoren Geld dafür, sich die zehnjährige Bundesanleihe in ihr Depot legen zu dürfen - anstatt für das Papier Zinsen zu kassieren. Am Dienstag wurde die wichtigste deutsche Staatsanleihe - die seit Anfang der 60er Jahre regelmäßig ausgegeben wird - mit einem negativen Zins von 0,03 Prozent gehandelt. Lesen Sie die wichtigsten Fragen und Antworten zum Negativzins bei Bundesanleihen und was dies für den Sparer bedeutet.

Warum spielt die zehnjährige Bundesanleihe eine so große Rolle?

Banken müssen als Puffer für schlechte Zeiten Wertpapiere in ihrem Portfolio haben, die sie notfalls rasch zu Geld machen können. Hier kommen Bundesanleihen ins Spiel. Ihnen verleihe allein die Größe der deutschen Volkswirtschaft Gewicht, sagt Folker Hellmeyer, Chef-Analyst der Bremer Landesbank. Für Analyst Michael Schulz von der NordLB sind die Papiere ebenfalls ein fast risikoloses Investment. "Der deutsche Staat ist über jeden Zweifel erhaben. Das ist fundamental begründet durch das robuste Wirtschaftswachstum, die niedrige Arbeitslosigkeit und die vergleichsweise gesunden Staatsfinanzen." Alle großen Ratingagenturen bewertet deshalb die Bonität Deutschlands mit der Bestnote AAA.

Wie kommt es zum Negativzins?

Europa hangelt sich seit Jahren von Krise zu Krise. Von der Finanz- zur Staatsschulden- und Griechenland- bis hin zur Flüchtlingskrise. Die Furcht vor einem Brexit bringt jetzt das Fass zum Überlaufen. Scheidet Großbritannien tatsächlich aus der EU aus, steht die Zukunft der gesamten Europäischen Union auf dem Spiel. Experten befürchten ein weltweites Börsenbeben.

Auch eine Rezession in Großbritannien und bei wichtigen Handelspartnern sagen einige Ökonomen voraus. Investoren müssen solche Risiken einkalkulieren. In Zeiten erhöhter Verunsicherung greifen Anleger zu den Papieren mit der geringsten Ausfallwahrscheinlichkeit, sagten Experten. Und das seien nun einmal die Bundesanleihen.

Welche Schuld trägt die EZB an der Entwicklung?

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An den Niedrigzinsen in Europa trägt sie eine erhebliche Schuld. Sie drückt mit ihrer Geldpolitik bewusst die Zinsen, um Konjunktur und Preise anzukurbeln. Sie kauft seit März 2015 Staatspapiere im Volumen von inzwischen 80 Milliarden Euro monatlich. Inzwischen sammelt sie zudem Bonds von Großkonzernen am Kapitalmarkt auf. "Sie tritt damit in fast allen Anleihemärkten als größer Käufer auf", sagt Schulz. "Diese große Nachfrage führt im Umkehrschluss zwangsläufig zu niedrigen Zinsen."

Was macht die Bundesanleihe überhaupt attraktiv?

Der riesige Markt: An einem durchschnittlichen Handelstag wechseln Bundeswertpapiere in Höhe von rund 20 Milliarden Euro den Besitzer. Die derzeit im Umlauf befindlichen zehnjährigen Bundesanleihen haben einen Wert von fast 500 Milliarden Euro.

Am Sekundärmarkt - etwa europäische Wertpapierbörsen, elektronische Handelsplattformen und außerbörslich - wird aber pro Jahr ein Volumen von etwa 2,5 Billionen Euro gehandelt, also rund das Fünffache. Nur der Markt für US-Staatsanleihen ist noch liquider. Das bedeutet, dass Besitzer ihre Papiere praktisch jederzeit größere Bestände zu Geld machen können.

Welche Rolle spielt die zehnjährige Bundesanleihe für Herrn Schäuble?

Die zehnjährige Bundesanleihe ist das mit Abstand wichtigste Instrument zur Finanzierung des Schuldenberges des Bundes. Knapp die Hälfte der Schulden besteht aus zehnjährigen Bundesanleihen. Dass Bundesfinanzminister Schäuble bei Verkäufen künftiger zehnjähriger Papiere womöglich keine Zinsen mehr zahlen muss, sondern noch Geld damit verdienen kann, ist neu in der schon länger anhaltenden Niedrigzinsphase.

Daneben begibt die Bundesregierung auch Anleihen mit einer Laufzeiten zwischen wenigen Monaten und 30 Jahren. Insgesamt bestehen fast 98 Prozent der Schulden des Bundes und seiner Nebenhaushalte aus börsenfähigen Wertpapieren. Neue Schulden nimmt die Bundesregierung zwar seit 2014 nicht mehr auf ("schwarze Null"). Allerdings muss sie jedes Jahr rund 20 Prozent der Altschulden umfinanzieren, weil alte Anleihen auslaufen und durch neue ersetzt werden müssen.

Was bedeutet der Negativzins für Sparer und Anleger?

Hauptabnehmer von Bundeswertpapieren sind Versicherer und Pensionsfonds. Sie sind verpflichtet, einen Teil der Gelder in sichere Investments zu stecken. Der Löwenanteil ihres Anlagevolumens entfällt auf Staatsanleihen. Ihre Kunden bekommen das zu spüren. Für Privatanleger am auffälligsten sind die fallenden Garantiezinsen auf Lebens- und Rentenversicherungen.

Negative Renditen verhageln vielen Banken wiederum die Bilanz. Sie sind nicht nur eine Belastung für das Anlagevermögen. Wegen der geringeren Handelsumsätze verdienen die Institute auch weniger Provisionen. Jetzt könnte der Druck auf die Banken steigen, Negativzinsen an ihre Kunden weiterzugeben.

Kann man vom Zinstief auch profitieren?

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Ja. Wie bereits angedeutet profitiert Bundesfinanzminister ganz besonderes der Bund von niedrigen oder negativen Zinsen. Um eine neue zehnjährige Bundesanleihe am Markt loszuschlagen, muss Bundesfinanzminister Schäuble wegen der großen Nachfrage nur noch einen festen jährlichen Kupon von weniger als 0,5 Prozent anbieten - vor zehn Jahren waren es noch 4 Prozent.

Weil auch die vom Bund gezahlten Garantiezinsen für seine anderen Wertpapiere stark gesunken sind, hat Schäuble bereits Milliarden gespart: In diesem Jahr sind im Bundeshaushalt Zinsausgaben von 21,1 Milliarden Euro geplant, im Entwurf für den Etat 2017 sogar nur 19,1 Milliarden Euro. 2008 waren die Zinsausgaben mit 40,2 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch.

rei/Reuters/dpa
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