Donnerstag, 22. August 2019

Anlageprofi Robert Halver erklärt Altersvorsorge über Zinspapiere ist eine tickende Zeitbombe

Bumm: Auch große Teile der Altersvorsorge in Deutschland werden durch die Negativzinsen pulverisiert

Der Glaube an ein Ende des Handelskonflikts schwindet. Auf die amerikanische Totalverzollung chinesischer Importwaren hat Peking mit einem Boykott von US-Agrargütern reagiert. Und dass Trump die Abwertung des Yuan gegen Dollar als Währungsmanipulation definiert, spricht für amerikanischen Handelsprotektionismus.

Wie will man diesem sich hochschaukelnden US-chinesischen Konflikt wieder entkommen? Klein beigeben ist für keine Seite ohne Gesichtsverlust möglich. Trump will sich im Wahlkampf nicht als lahme Ente präsentieren. Und Haltung zu zeigen, ist in Asien ohnehin ein hohes Gut. Man bräuchte einen Schiedsrichter wie den Internationalen Währungsfonds oder die Welthandelsorganisation. Doch werden beide Institutionen weder von Washington noch Peking ernst genommen.

Robert Halver
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    Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarkt-analyse der Baader Bank AG und bekannt durch regelmäßige Medienauftritte und als Kolumnist. Mit Wertpapieranalyse beschäftigt er sich seit über 20 Jahren.

Wenn zwei sich streiten, kann sich der dritte, Export-Deutschland, nicht freuen. Neben dem Ende der Happy Hour des Freihandels wird die deutsche Vorzeigebranche "Automobil" auch noch von einem Technologiewandel hin zum E-Motor gebeutelt. Hier haben jedoch andere einen Vorsprung, den wir jahrzehntelang beim Verbrennungsmotor besaßen, dem aber der Sprit ausgeht. Ebenso wird "Made in Germany" von China auf allen Ebenen erfolgreich angegriffen. Tatsächlich hat keine andere Industrienation mehr zu verlieren als wir.

Mit weichgespülter Politik entfernt man keine hartnäckigen Wirtschafts-Flecken

Dieser deutschen Malaise muss man nicht tatenlos zusehen. Mit Steuersenkungen, Energiesicherheit, Infrastrukturausbau, einer neuen Gründerzeitstimmung und Bildung kann man dagegenhalten. Doch dafür braucht es auch unpopuläre Reformen.

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Heutzutage hat politische Korrektheit die Oberhand gewonnen. Wer unangenehme Wahrheiten ausspricht, dem ist ein medialer Shitstorm der Empörten sicher. Man hat verlernt, kontrovers und ideologiebefreit zu diskutieren, wie man z.B. die friedliche Koexistenz von Ökonomie und Ökologie hinbekommt.

Da wundert es nicht mehr, dass Digitalisierung bei uns wie eine Krankheit behandelt wird. Und an ausländischen Tech-Unternehmen mit Digitalsteuern sein Mütchen zu kühlen, ist ebenso nur ein kurzer wahlpopulistischer Triumph. Wenn wir keinen Fortschritt wollen, findet er woanders, ohne uns, statt.

Man kann sich nicht gegen den Technologiewandel stellen, man muss ihn mitgestalten, sonst gestalten er und vor allem die, die ihn betreiben, uns. Warum gibt es bei uns keine Apples, Googles oder Alibabas? Deindustrialisierung ist nicht die Lösung, sie ist die Ursache für zukünftigen Wohlfahrtsverlust.

Nicht zuletzt sollte Politik nicht selbstgerecht nur die Schuld bei Trump oder Johnson suchen. Andere kann man nicht ändern, nur sich selbst.

Geldpolitik ersetzt keine Wirtschaftspolitik

Allzu gerne ruht sich Wirtschaftspolitik auf der vermeintlichen Allmacht der Notenbank aus. Doch obwohl in Europa die niedrigsten Zinsen aller Zeiten herrschen, kann von Aufschwung keine Rede sein. Was nutzt das billigste Geld, wenn Unternehmen wegen fehlendem wirtschaftsfreundlichen Nährboden keine Kredite für Investitionen aufnehmen oder am liebsten gleich nach Amerika oder Asien gehen?

Daher dient die freizügige Zinspolitik der EZB vor allem der möglichst günstigen Staatsschuldenfinanzierung. Bonität spielt dabei keine Rolle mehr. Diese antiautoritäre geldpolitische Staatsfinanzierung sorgt dafür, dass Euro-Länder noch weniger Zwang für Wirtschaftsreformen verspüren. Und um dann einer weiteren (sozial-)politischen Eurosklerose entgegenzuwirken, wird die EZB demnächst unter Madame Lagarde noch offensiver auftreten, was die Wirtschaftspolitiker wiederum noch reformfauler werden lässt.

Das süße Gift der EZB vergiftet auch die Altersvorsorge

Die Zeche dieser barmherzigen, aber ziemlich erfolglosen Geldpolitik zahlen Zinssparer mit negativen Renditen, die nach Inflation noch verheerender ausfallen. Das ist eine Art Besteuerung von Zinsanlagen. Nennen wir es EZB-Soli.

Altersvorsorge über Zinspapiere ist eine laut tickende Zeitbombe. Anstatt diesem Alptraum durch die Förderung regelmäßigen Aktiensparens zu entfliehen, um Anlegern u.a. satte Dividenden statt magere Zinsen zugutekommen zu lassen, wird diese Anlageform politisch als Teufelszeug verdammt. Lieber zahlt man später hohe Sozialleistungen, die man sich bei den Reichen holt, zu denen immer mehr auch die Facharbeiter gehören werden.

Wenn Politik nicht zurückkehrt zur früheren wirtschaftlichen Vernunft, wird Deutschland anderen nicht nur hinterherhinken, sondern schließlich im Rollstuhl fahren.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG

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