Sonntag, 5. April 2020

Geldanlage Gretas Aktien - welches Investment ist wirklich nachhaltig?

Klimaaktivistin Greta Thunberg auf Segelboot: Welche Geldanlage ist wirklich nachhaltig?
Rob Ostermaier/ The Virginian-Pilot/ AP
Klimaaktivistin Greta Thunberg auf Segelboot: Welche Geldanlage ist wirklich nachhaltig?

Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind beherrschende Themen geworden - auch bei der Geldanlage. Aber welches Investment erfüllt diese Kriterien?

Person des Jahres beim amerikanischen "Time"-Magazin: Die Auszeichnung ist zwar im Grunde ohne reale Bedeutung, sie wird jedoch weltweit viel beachtet. In diesem Jahr geht der Titel an die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg, wie "Time" in dieser Woche bekanntgab. Es ist nur einer von vielen Belegen dafür, wie wichtig die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit inzwischen vielen Menschen rund um den Globus sind.


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Auch Geldanlegern. Seit Jahren steigen die Volumina, die private und institutionelle Investoren weltweit in nachhaltige Investments stecken. Prominente Großanleger wie der norwegische Staatsfonds bekennen sich dazu, und kaum eine Investmentgesellschaft entzieht sich dem (Marketing-)Trend, Anlageprodukte unter dem grünen Label auf den Markt zu bringen, vorneweg Branchengrößen wie der US-Riese Blackrock.

Das dürfte vorläufig so weitergehen. Die Experten vom Forum Nachhaltige Geldanlage (FNG) etwa erwarten in den kommenden Jahren weiter steigende Anlagesummen im Nachhaltigkeits- oder ESG-Sektor ("ESG" steht für "environmental, social and governance"), auch 2020. Die US-Firma JP Morgan Asset Management jedenfalls schreibt in ihrem Ausblick auf das kommende Jahr, der Fokus der Finanzwelt werde noch stärker auf der Nachhaltigkeit liegen. Anleger, die darauf nicht reagieren, könnten das Nachsehen haben, so das Unternehmen. Mit Blick auf die Rendite jedenfalls, das haben Studien ergeben, stehen ESG-Investments den herkömmlichen offenbar keineswegs nach.

Damit steht die entscheidende Frage im Raum: Was ist eigentlich eine nachhaltige Geldanlage? Und wie erkennt ein Investor, dass er es auch wirklich mit einer solchen zu tun hat?

Was auf den ersten Blick einfach erscheint, erweist sich bei genauerem Hinsehen als enorm komplexes Problem. Schließlich sind Begriffe wie "Nachhaltigkeit" oder "nachhaltige Geldanlage" keineswegs klar definiert. Es gibt keinen eindeutigen, womöglich sogar weltweit anerkannten Standard dafür, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit ein Investment mit einem ESG-Label versehen werden darf.

Stattdessen gibt es eine Vielzahl verschiedener Ansätze zu diesem Thema. Allein das FNG listet in einer Übersicht acht verschiedene auf, darunter die Definition von Ausschlusskriterien etwa in Bezug auf den Ausstoß des klimaschädlichen Gases CO2, das Impact Investment sowie die Ausübung von Stimmrechten in der ESG-konformen Weise. Auf EU-Ebene wird zwar gegenwärtig an einheitlichen ESG-Vorgaben für Unternehmen und Finanzhäuser gearbeitet. Bis dort endgültige Ergebnisse vorliegen, dürfte jedoch noch einige Zeit vergehen.

Viele Fonds verstoßen weiterhin gegen Nachhaltigkeitsprinzipien

Solange bleibt den Anlegern nicht viel mehr übrig, als sich an die allein im deutschsprachigen Raum inzwischen mehrere hundert Investmentfonds und ETFs für das breite Publikum zu halten, die nach Angaben der Anbieter und auch dem jeweiligen Produktnamen nach gezielt auf ESG-konforme Investments ausgerichtet sind. Beim Rest des Fondsuniversums sind grüne Investoren eher an der falschen Adresse, wie gerade wieder eine umfangreiche Analyse ergab.

So hat die Beratungsgesellschaft CSSP mit Sitz in Liechtenstein etwa 2700 Aktien-, Anleihen- und Mischfonds mit einem Volumen von rund 1,9 Billionen Euro mit Blick auf mögliche Verstöße gegen ESG-Kriterien unter die Lupe genommen. Wohlgemerkt: Fonds, die sich das ESG-Label nicht auf die Fahnen geschrieben haben.

Und siehe da: Je nach regionaler Ausrichtung fanden die Analysten bei zum Teil mehr als 90 Prozent der betrachteten Fonds tatsächlich Verstöße gegen Nachhaltigkeitsstandards, wie sie beispielsweise durch die zehn Regeln des international anerkannten "UN Global Compact" vorgegeben werden. Bestandteil dieser "weltgrößten Initiative für verantwortungsvolle Unternehmensführung", wie es auf deren Website heißt, ist zum Beispiel die Beachtung der Menschenrechte, der Kampf gegen Zwangsarbeit und Korruption sowie das Bekenntnis zum stärkeren Umweltbewusstsein.

Doch auch die Auswahl eines als ESG-tauglich ausgewiesenen Investmentproduktes hat ihre Tücken. Schließlich verhält es sich mit diesem Mega-Thema wie mit vielen anderen auch: Jeder versucht daran mitzuverdienen, auch schwarze Schafe mischen im Markt mit. Sie betreiben mitunter sogenanntes Greenwashing, geben also Unternehmen oder Anlagevehikel als "grün" aus, obwohl sie es bei genauem Hinsehen gar nicht sind.

Die Folge: Letztendlich ist jeder Geldanleger bei der Beantwortung der Nachhaltigkeitsfrage etwa in Bezug auf Investmentfonds oder ETFs mehr oder weniger auf sich selbst gestellt - und das kann mühsam sein. "Die Antwort auf die Frage, ob eine Geldanlage nachhaltig ist oder nicht, fällt nicht leicht", sagt Jan Tille, Researchleiter beim Hamburger Analysehaus Absolut Research.

"Zum Großteil müssen die Investoren auf die Angaben der Anbieter vertrauen. ESG-Ratings und Nachhaltigkeitssiegel können trotz unterschiedlicher Schwerpunkte ebenfalls Orientierung bieten. Kaum ein Privatanleger kann schließlich jeden Fonds oder Index, in den er investieren will, eingehend selbst analysieren und sich jedes Unternehmen, das sich darin befindet, im Einzelnen anschauen."

ESG-Ratings helfen nur bedingt

Damit spricht Tille eine Krux an: Zwar gibt es Analysegesellschaften wie beispielsweise das US-Haus MSCI oder die 40-prozentige Morningstar-Tochter Sustainalytics, die die ESG-Tauglichkeit von Fonds beurteilen und entsprechende Bewertungen abgeben. Auch diese setzen aber womöglich nicht exakt die Maßstäbe an, die sich ein Investor vorstellt.

Als Beispiel eignet sich der Umgang mit dem Thema Atomkraft. Viele dürften Investitionen in Unternehmen, die ihr Geld mit Atomenergie verdienen, unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten kaum in Erwägung ziehen. Das auf Nachhaltigkeit spezialisierte Analysehaus Sustainalytics jedoch sieht das anders. Seiner Einschätzung nach lässt sich auch der Atomkraft in Hinblick auf ESG-Erfordernisse Positives abgewinnen. Auch beim Fondsanbieter Mirova, der sich selbst immerhin als ausgewiesener Nachhaltigkeitsspezialist präsentiert, steht die Atomkraft keineswegs auf der schwarzen Liste.

Damit wird klar: Die Antwort auf die Frage, ob eine Geldanlage nachhaltig ist oder nicht, hängt vor allem davon ab, wie differenziert und streng der Begriff der Nachhaltigkeit ausgelegt wird. Jeder Investor, der sich diese Frage stellt, muss sich also zunächst über seine eigenen Ansprüche klar werden.

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Wie extrem ein Standpunkt dabei sein kann, zeigt nicht zuletzt wiederum das Beispiel der Schwedin Greta Thunberg. Die Klimaaktivistin überquerte bei ihrer Reise in die USA vor Kurzem den Atlantik bekanntlich zweimal im Segelboot, um den CO2-Ausstoß so weit wie möglich zu verhindern. Investoren, die eine ähnlich hohe Messlatte an die nachhaltige Geldanlage legen, sollten sich allerdings darüber im Klaren sein, dass sie wohl nur sehr wenige Investments finden werden, die einem solchen Anspruch genügen.

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