Samstag, 20. Juli 2019

IPO-Rallye in den USA Unprofitabel, aber angesagt - warum sich Investoren auf Lyft und Co. stürzen

Noch keine Erfolgsstory: Der Börsengang von Snap

Die neue Generation der US-amerikanischen Tech-Giganten hat sich zuletzt lieber fern von der Börse gehalten. Genug Geld für das Wachstum gab es anderswo; befeuert wurde die Entwicklung durch das japanische Unternehmen SoftBank, das seinen Mega-Fonds mit 100 Milliarden US-Dollar füllte - für Investments in vielversprechende Start-ups.

Doch nun ist die Zurückhaltung vorbei: 2019 wollen mehr als 300 US-Unternehmen an die Börse gehen, berichtet die "Financial Times" (FT). Darunter: die konkurrierenden Mobilitätsunternehmen Uber und Lyft, die Fotoplattform Pinterest und der Messaging-Dienst Slack.

Die Angst, den besten Zeitpunkt zu verpassen, wächst bei Unternehmen und Investoren gleichermaßen. "Wenn sich das IPO-Fenster öffnet, will man einer der Ersten da draußen sein", so Merrill-Lynch-Banker Craig Coben zur "FT". Im Moment sei das aktueller denn je, da die Aussichten unsicher seien. "Die Angst, dass es eine Marktkorrektur geben wird, besteht weiter."

Wie groß diese Angst ist, zeigt sich an dem Fahrtenvermittler Lyft aus San Francisco. Die Nachfrage nach den Aktien der an die Börse strebende Firma war Anfang der Woche so hoch, dass nach 24 Stunden alle Anteile gezeichnet waren. Lyft soll nun laut "FT" einen Ausgabepreis über der geplanten Spanne von 62 bis 68 US-Dollar anpeilen.

Nicht nur die Sorge über einen wirtschaftlichen Abschwung treibt die Investoren an. Durch die vergleichsweise niedrigere Zahl der US-Börsengänge in den zurückliegenden Jahren ist der Druck jetzt hoch, in vielversprechende Deals der jungen Milliardenunternehmen hineinzukommen.

Dies könnte ein Grund dafür sein, dass mehr und mehr Investoren akzeptieren, dass die Börsenanwärter noch Geld verlieren. Sie unterstützen Unternehmen, in die sie sonst bei größerer Auswahl womöglich nicht investieren würden. 81 Prozent der US-Firmen, die 2018 an die Börse gingen, hatten im Vorjahr Verluste geschrieben. Das ergibt eine Datenanalyse des Finanzprofessors Jay Ritter der University of Florida, wie die US-Nachrichtenseite "Recode" berichtet.

Nach Ritters Daten waren das etwa so viele IPOs unprofitabler Firmen wie zuletzt zu Zeiten der Dotcom-Blase. Im Gegensatz zu der Zeit um die Jahrtausendwende seien die Unternehmen nun aber älter, weniger überbewertet und schrieben signifikante Umsätze, argumentieren Experten bei "Recode". Mehrere der Unternehmen geben außerdem an, sie könnten schnell profitabel werden, würden sie die Ausgaben für das Wachstum kappen. Solche Rechnungen aber sind nicht unbedingt verlässlich: So ist es schwierig vorherzusehen, wie viele Kunden zum Beispiel tatsächlich wegbrechen, wenn das Marketing zurückgefahren wird.

Amazon als Vorbild

Dass Investoren mehr und mehr Verluste in Kauf nehmen, dürfte auch durch das Beispiel von Amazon gefördert worden sein. Gründer und CEO Jeff Bezos (55) reinvestierte über Jahre Einnahmen in die Expansion seines Onlinegiganten - zulasten des Jahresergebnisses. Mittlerweile scheint das Unternehmen kaum einzuholen zu sein. Heute wetten Investoren auf Firmen, denen sie langfristig ähnliches Potenzial zuschreiben.

Ob diese Strategie allerdings für andere Unternehmen aufgehen kann, ist offen. Amazon betreibt deutlich mehr Geschäftsfelder als die meisten der Firmen, die es nun an die Börse zieht.

Ein weiteres Problem: Es liegt im Trend, sich als Technologiefirma zu positionieren - ganz gleich, ob das Geschäftsmodell die Eigenschaften auch hergibt. "Die These bei Technologieunternehmen ist, dass man nach getätigten Investitionen von der Größe der Firma profitiert und Gewinne erzielen kann", sagt die ehemalige Investmentbankerin Carol Roth gegenüber "Recode". Heute seien zwar einige Firmen so hoch wie Tech-Unternehmen finanziert, könnten aber kaum die Erträge für Investoren liefern.

Als Beispiel für das Problem nennt Finanzexpertin Roth den Kochboxenversender und HelloFresh-Wettbewerber Blue Apron, der 2017 an die Börse ging und eine kräftige Abwertung hinnehmen musste. Sie sieht das Unternehmen eher als Konsumgüterfirma - mit niedrigerer Wachstumsdynamik.


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Zumindest in den zurückliegenden neun Jahren aber waren Abwertungen bei Exits - also Verkäufen und Börsengängen - in den USA selten, wenn die Unternehmen mit mindestens einer Milliarde Dollar bewertet waren. Das zeigt eine Untersuchung der Analysefirma PitchBook. Demnach mussten seit 2010 nur 4,9 Prozent der Firmen eine Minderung hinnehmen.

Prominente Ausreißer gibt es trotzdem immer wieder - wie Snap, den Betreiber der Messaging-App Snapchat. Das Unternehmen von Evan Spiegel ging 2017 an die New Yorker Börse. Aktien kosteten damals 17 Dollar und stiegen schnell bis auf 29 Dollar. Danach enttäuschte das Unternehmen: Instagram machte der App zu schaffen, die Nutzer liefen weg und die Aktie fiel auf unter fünf Dollar. Zwar hat sich Snap zuletzt erholt, aber der Wert liegt noch immer deutlich unter dem Ausgabepreis.

Verluste schreibt auch Snap weiterhin. Zwar mögen Investoren die roten Zahlen immer mehr akzeptieren - doch bei einem Abschwung dürften die profitablen Unternehmen deutlich besser dastehen.

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