Kurssturz am Aktienmarkt Wie Wirtschaftsboom und Maschinen die Börse belasten

Jahrelang trieben gute Nachrichten aus der Wirtschaft die Aktienkurse nach oben - jetzt schlagen sie Anleger in die Flucht. Auch der automatisierte Handel, der im Aufschwung für Käufe sorgte, bewirkt jetzt das Gegenteil.
Börse in Frankfurt: Der Dax hat seit seinem Hoch 10 Prozent verloren. Wirtschaftsboom und automatisierte, risikobasierte Handelsmodelle befeuern den Abverkauf

Börse in Frankfurt: Der Dax hat seit seinem Hoch 10 Prozent verloren. Wirtschaftsboom und automatisierte, risikobasierte Handelsmodelle befeuern den Abverkauf

Foto: Boris Roessler/ dpa

Wer hätte gedacht, dass "Heute Journal"-Moderator Claus Kleber auch ein Börsenkenner ist? Am Dienstag dieser Woche kam der Mann vom ZDF bei einer Diskussionsrunde im SPIEGEL-Gebäude in Hamburg auf die jüngsten Turbulenzen am Aktienmarkt zu sprechen. Die Kursstürze, so Kleber, seien durch eine einzige Zahl ausgelöst worden, und dass sei der überraschend starke Anstieg der Einkommen von Arbeitern in Amerika.

Wirtschaftsboom und steigende Löhne als Auslöser für einen Kursrutsch an der Börse - an dieser These ist etwas dran: Anfang Februar hatte das US-Arbeitsministerium mitgeteilt, dass die Löhne und Gehälter in den Vereinigten Staaten im Januar so stark gestiegen sind, wie seit 2009 nicht mehr.

Dow und Dax brechen weiter ein

Die Kurse an der Börse gingen daraufhin auf eine steile Talfahrt, Dow Jones , Nasdaq  und der deutsche Leitindex Dax  haben seit ihren Rekordniveaus bereits jeweils mehr als 10 Prozent verloren. Der Dow verzeichnete in dieser Woche den größten Wochenverlust seit zehn Jahren.

Das Schlaglicht macht deutlich, wie sich das Denken an der Börse um 180 Grad gedreht hat: Positive Nachrichten aus der Wirtschaft hatten zuvor über Monate und Jahre hinweg für stetig steigende Kurse gesorgt. Doch das ist nun anders: Jede Meldung über starkes Wachstum, steigende Beschäftigung oder gute Auftragszahlen löst bei Investoren inzwischen einen Fluchtreflex aus.

Gute Konjunkturnachrichten wirken als Dämpfer für die Börse

Der Grund: Mit dem Konjunkturboom steigt nach Ansicht der Börsianer die Wahrscheinlichkeit einer anziehenden Inflation, die wiederum die Notenbanken - allen voran die Fed in den USA - zu raschen und deutlichen Zinssteigerungen veranlassen könnte.

Eine Welt ohne billiges Geld - diese Vorstellung schlägt Börsianer in die Flucht. Der Aktienboom der vergangenen Jahre war vor allem auf viel Liquidität aufgebaut: In einer Nullzins-Welt kauften Anleger notgedrungen Aktien und Immobilien, statt ihr Erspartes bei den Banken versauern zu lassen. So trieben sie die Bewertungen an der Börse immer weiter in die Höhe.

Inflations- und Zinsangst: Hohe Bewertungen sorgen für hohe Fallhöhe

Nun bringen viele Anleger ihre in den vergangenen Jahren erzielten Gewinne in Sicherheit - weil sie fürchten, dass weiterhin gute Konjunkturnachrichten die Kurse eher belasten als stützen. Einen Mangel an guten Nachrichten gibt es dabei nicht. "Der Rückenwind von der Konjunktur ist weiterhin stark", sagt Sameer Samana, Marktstratege vom Wells Fargo Anlageinstitut. Die Euro-Zone wuchs 2017 mit 2,5 Prozent so stark wie seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor zehn Jahren nicht mehr. Die US-Wirtschaft legte 2,3 Prozent zu. Fachleute rechnen damit, dass die globale Wirtschaft 2018 noch schneller wächst.

Fotostrecke

Fallhöhe der Börsen: So viel haben Dow und Dax noch zu verlieren

Foto: DANISH SIDDIQUI/ REUTERS

Was lange Zeit nur als drohendes Szenario über dem Markt schwebte, ist also Wirklichkeit geworden: Die Inflations- und Zinsangst  hat die Oberhand gewonnen. Zu Beginn dieses Jahres gingen die meisten Börsianer noch davon aus, dass die Fed die Zinsen 2018 dreimal erhöhen würde. Nach den jüngsten Meldungen von der Lohn- und Preisfront werden nun bereits vier Zinsschritte erwartet. "Das größte Schreckgespenst der Anleger sind schnell steigende Zinsen", sagt Robert Phipps, Direktor beim Vermögensverwalter Per Stirling Capital.

Wie Maschinen den Kursrutsch beschleunigen - Risikofaktoren entscheiden

Waren die Inflations- und Zinssorgen der Anlass für das Ende der Börsenparty, so bestimmt ein anderer Faktor maßgeblich das Tempo des Abschwungs: Bei den meisten milliardenschweren Anlagefonds entscheidet nicht mehr ein Fondsmanager über Kauf und Verkauf, sondern der Computer. Bei den so genannten risikogesteuerten Fonds entscheiden verschiedene Faktoren darüber, ob Aktien eher zugekauft oder verkauft werden. Steigt zum Beispiel die Schwankungsbreite (Volatiliät) und damit die Nervosität am Aktienmarkt, kann dies zu weiteren Verkäufen des Fonds führen.

Bei weiteren, so genannten "Value at Risk" (VAR) Modellen geht es darum, die mit Aktien erzielte Rendite in Sicherheit zu bringen und die Aktienquote zu verringern, sobald sich das durch verschiedene Risikofaktoren definierte Risk-Szenario erhöht.

Das so genannte "Factor Investing" ist derzeit nicht nur in den USA in Mode: Dieses Anlagemodell zielt vor allem auf verschiedene Risikofaktoren ab und nicht nur auf fundamentale Unternehmens- und Konjunkturdaten. Ein Vertreter dieses Investment-Ansatzes ist Cliff Asness, Gründer des milliardenschweren Hedgefonds Applied Quantitaitve Research (AQR). Er wirbt damit, mit Hilfe der Faktor-Strategie den jeweils richtigen Zeitpunkt zum Hoch- und Herunterfahren der Aktienquote bestimmen zu können.

Schwankungen aushalten - aber nicht um jeden Preis

Das ist auch der Grund, warum so genannte fundamentale Daten wie steigende Gewinne eines Unternehmens oder das Kurs-Gewinn-Verhältnis derzeit in den Hintergrund treten. Europas größter Chemiekonzern BASF  meldete Ende Januar zum Beispiel einen Umsatz- und Gewinnsprung, wegen der boomenden Weltkonjunktur gab BASF  zudem einen optimistischen Ausblick. Die Aktie gab dennoch, wie die meisten Aktien im Dax, in den folgenden drei Wochen um mehr als 10 Prozent nach. Anleger, die ausschließlich auf fundamentale Unternehmensdaten schauen, sehen nach den jüngsten Zahlen keinen Anlass zum Verkauf. Anleger, die auch die Börsen-Stimmungslage und die menschliche Psychologie in ihre Entscheidungen einbeziehen, schon.

Und vor allem US-Anleger haben noch viel Geld in Sicherheit zu bringen: Selbst nach dem erneuten Kursrutsch in dieser Woche notieren Dow Jones  und Nasdaq Composite  auf 12-Monats-Sicht noch immer jeweils rund 20 Prozent im Plus, auf Sicht von drei Jahren liegen die Gewinne zwischen 30 und 50 Prozent. Beim Dax sind es auf 12-Monatssicht nur noch rund 6 Prozent. Und niemand mag zum Ende der Börsenparty derjenige sein, der sich binnen weniger Wochen die über Jahre aufgebauten Gewinne wieder abnehmen lässt.

Das bedeutet: Es gibt immer noch sehr viele Anleger, die Geld in Sicherheit bringen wollen. Zwar gehört es zu den Grundprinzipien an der Börse, Kursschwankungen zwischen 10 und 20 Prozent auszuhalten, anderenfalls ist man am Aktienmarkt Fehl am Platz. Je rascher die Gewinne der vergangenen Jahre jedoch zusammenschnurren, desto größer wird das Risiko, dass sich noch mehr Anleger von ihren Aktien trennen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.