Kursschwankungen an der Börse Einstiegskurse? Von wegen

Steigende Zinsen, Inflation, ein drohender Krieg: Börsianer haben derzeit gute Gründe, ihre Risiken neu zu bewerten. Denn die Spielregeln ändern sich nach jahrelangem Börsenaufschwung gerade grundlegend.
Nervosität an den Börsen: Anleger sind vor dem Treffen der US-Notenbanker in Acht

Nervosität an den Börsen: Anleger sind vor dem Treffen der US-Notenbanker in Acht

Foto: SPENCER PLATT/ AFP

Die Angst ist zurück an der Börse. Dax , Dow Jones und Nasdaq 100  haben Mitte Januar die verlustreichste Woche seit Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 erlitten. Hoch bewertete Börsenlieblinge wie Tesla, Biontech oder Netflix haben seit Jahresbeginn zweistellige Verluste eingefahren. Der Volatilitäts-Index VDax, der die Kursschwankungen des Index spiegelt, notiert auf dem höchsten Niveau seit sechs Monaten.

Für die Nervosität der Anleger gibt es gute Gründe. Dass die Kriegsgefahr zwischen Russland und der Ukraine täglich zunimmt, ist nur die jüngste Eskalation in einem seit Monaten schwelenden Konflikt. Neben diesem politischen Risiko haben derzeit vor allem zwei Faktoren das Zeug, um die Weltbörsen nachhaltig und auf Dauer auszubremsen: Steigende Zinsen und eine hohe Inflation.

Dax

Die Angst geht um, dass die jüngsten Preissteigerungen, die in den USA bereits das höchste Niveau seit 40 Jahren erreicht haben, sich eben nicht als "vorübergehend" erweisen. Sondern dass sie sich als hartnäckiger Begleiter und Partykiller an der Börse herausstellen, weil die Notenbanken in USA und Europa nicht die Mittel haben, die Teuerung rasch wieder einzufangen.

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In den USA dürfte der Chef der Federal Reserve, Jerome Powell, am Mittwoch die erste von mindestens drei Zinserhöhungen in diesem Jahr ankündigen. Spätestens im März dürfte die Fed den Schlüsselzins dann anheben. Das bedeutet eine Zeitenwende für einen Aktienmarkt, der jahrelang vom billigen Geld der Notenbank immer weiter in die Höhe getragen wurde.

Viele Marktteilnehmer beschleicht zugleich das Gefühl, dass drei Zinsschritte kaum ausreichen dürften, um eine Inflation von zuletzt 7 Prozent im Dezember in den Griff zu bekommen. Hohe Energiepreise und Lieferengpässe treiben die Preise zusätzlich. Die Fed steht unter Druck. Sie muss möglicherweise rascher und deutlicher die Zinsen erhöhen, als sie bislang angedeutet hat.

Zudem dürfte die US-Notenbank im März auch ihr gigantisches Anleihekaufprogramm beenden. Auch dieser Druck auf die Stopptaste hat weit reichende Folgen: Seit Beginn der Coronapandemie hat die Fed rund 5 Billionen Dollar Liquidität in den Markt gepumpt. Sie hat die US-Konjunktur damit vor einem Absturz bewahrt, aber zugleich auch eine Aktien- und Immobilienblase aufgepumpt.

Bewertungen am Aktienmarkt sind den Gewinnen der Unternehmen weit enteilt

Die Flut hebt alle Boote, heißt es am Aktienmarkt. Bleibt die Geldflut der Notenbanken in diesem Jahr aus, müssen sich viele Börsengewinner der vergangenen Jahre auf dauerhaft sinkende Pegelstände einstellen. Die Bewertungen vieler Unternehmen sind der Entwicklung der Unternehmensgewinne inzwischen weit enteilt: Die Frage "Wohin mit dem Geld?" sowie die Angst vor Strafzinsen hat viele Anleger noch bis vor wenigen Wochen in hoch bewertete und riskante Aktieninvestments getrieben. Jetzt, da die Kursschwankungen zurück sind, steht eine neue Chancen-Risikoabwägung an.

Dass der Kurssturz seit Jahresbeginn so kräftig war, hat zunächst einmal einen ganz banalen Grund: Die Kurse sind in den vergangenen zwei Jahren sehr kräftig gestiegen. Die Mehrzahl der Anleger, die seit oder vor Beginn der Corona-Pandemie am Aktienmarkt investiert sind, sitzen auf zweistelligen Gewinnen. Niemand sieht gerne zu, wie der Gewinn der vergangenen 24 Monate binnen weniger Wochen zusammenschmilzt. Die Versuchung, jetzt erst einmal Geld in Sicherheit zu bringen und dann von der Seitenlinie aus zuzusehen, wie dynamisch sich Inflation und Zinspolitik der Notenbanken verändern, ist groß.

Anleger haben viel zu verlieren

Trotz des Kursrutsches der vergangenen drei Wochen sitzen viele Marktteilnehmer noch immer auf stattlichen Gewinnen und wollen diese gerne sichern. Die Zahl potenzieller Verkäufer ist also groß. Das sollten auch diejenigen berücksichtigen, die schon jetzt wieder von "Einstiegskursen" reden. Das Gegenteil ist der Fall: Die Bewertungen am Aktienmarkt sind noch immer überdurchschnittlich hoch. Zumal mit Inflation und steigenden Zinsen bereits zwei Faktoren im Blick stehen, die nicht nur für einen verlustreichen Start ins Börsenjahr gesorgt haben, sondern den langjährigen Bullenmarkt beenden  können.

Zu welch starken Verwerfungen extrem hohe Bewertungen führen können, hat der Absturz der Kryptowährungen gezeigt. Bitcoin hat seine Börsenbewertung binnen zehn Wochen glatt halbiert. Die beliebte Erzählung, dass Bitcoin aufgrund seiner begrenzten Anzahl ein gutes Investment in Zeiten steigender Inflation sei, hat sich als Unsinn erwiesen. Bitcoin ist keine Krisenwährung, sondern eine Währung in der Krise: Wenn die Nervosität zurückkehrt und sich die Koordinaten an der Börse verändern, fallen diejenigen Assets, die vorher besonders stark gestiegen waren, besonders tief.

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