Chinesische Video-App Größter Tech-Börsengang seit Uber - Kuaishou so wertvoll wie SAP

Die chinesische Video-App Kuaishou hat in Hongkong ein fulminantes Börsendebüt hingelegt. Die Aktien kletterten auf das Dreifache des Ausgabepreises.
Ähnlich wie Tiktok: Kuaishou hat inzwischen mehr Nutzer als Twitter oder Snapchat

Ähnlich wie Tiktok: Kuaishou hat inzwischen mehr Nutzer als Twitter oder Snapchat

Foto: Florence Lo / REUTERS

Der Börsengang der chinesischen Video-App Kuaishou hat in Hongkong einen Ansturm auf die Aktien des Unternehmens ausgelöst. Bis zum Ende des ersten Handelstages am Freitag kletterten die Papiere des Börsenneulings von 115 auf 300 Hongkong-Dollar (32 Euro), ein Plus von rund 160 Prozent. Der Marktwert der Firma lag damit bei etwa 116 Milliarden Euro. Unmittelbar nach dem Handelsstart hatte sich der Kurs sogar fast verdreifacht, womit Kuaishou zeitweise etwa so wertvoll war wie der wertvollste Dax-Konzern SAP.

In der Zeichnungsfrist vor dem ersten Handelstag hatte das Pekinger Unternehmen bei Anlegern umgerechnet 4,5 Milliarden Euro eingenommen, womit es nach Berechnungen der Finanzagentur Bloomberg der größte Tech-Börsengang seit dem Fahrdienstvermittler Uber im Mai 2019 ist.

Kuaishou, was wörtlich übersetzt soviel bedeutet wie "schnelle Hand", ist in China der größte Konkurrent der chinesischen Video-App Douyin, die zum chinesischen Bytedance-Konzern gehört und im Westen unter dem Namen Tiktok firmiert. Über die 2011 gestartete App, die nach eigenen Angaben mehr als 300 Millionen aktive Nutzer und damit mehr als Twitter oder Snapchat hat, können kurze Videos oder Livestreams selbst erstellt und mit anderen Nutzern geteilt werden. Monatlich sind bei Kuaishou sogar rund 776 Millionen Menschen aktiv (Twitter zählte zuletzt weltweit rund 330 Millionen monatlich aktive Nutzer ). Tiktok von Bytedance allerdings hat mit zuletzt mehr als 800 Millionen monatlichen Nutzern offenbar noch leicht die Nase vorn .

Anleger auf der Jagd nach Rendite

Der erfolgreiche Börsengang löste unter Beobachtern in Hongkong jedoch auch Skepsis aus. "Das Gerangel um Kuaishou-Aktien unterstreicht die Jagd nach Rendite unter Anlegern in einer Ära billigen Geldes, das von den globalen Zentralbanken zur Bekämpfung des vom Coronavirus verursachten wirtschaftlichen Einbruchs entfesselt wurde", schrieb die Hongkonger Zeitung "South China Morning Post". Wie das Blatt berichtete, hatten Investoren in der Zeichnungsfrist 1200 Mal mehr Aktien nachgefragt, als zur Verfügung standen.

Größte Anteilseigner von Kuaishou sind der chinesische Tech-Konzern Tencent (rund 22 Prozent der Anteile) sowie 5Y Capital (rund 17 Prozent), DCM (9 Prozent) sowie DST Global (6,4 Prozent). Die größten Umsatzbringer sind digitale Geschenke, die Zuschauer den Machern der Live-Videos senden können. Eine animierte Blume kostet umgerechnet nur wenige Cent. Teurere Geschenke können mitunter mehrere Hundert Euro kosten. Kuaishou und die Anbieter der Videos teilen die Einnahmen auf. Laut "Financial Times " machten diese virtuellen Geschenke ursprünglich mehr als 90 Prozent der Umsätze Kuaishous aus. Inzwischen sei der Anteil jedoch auf etwas mehr als 60 Prozent zurückgegangen - das Unternehmen hat andere Erlösquellen erschlossen.

Stark gestiegen ist beispielsweise der Anteil der Werbeerlöse. Zudem profitiert Kuaishou vom E-Commerce, den seine Streamer über die Plattform betreiben - auch von diesen Umsätzen landet ein Teil in den Kassen des Unternehmens. Insgesamt brachte es Kuaishou damit 2019 auf Umsätze von beachtlichen rund 39 Milliarden Yuan (rund fünf Milliarden Euro), so die IPO-Papiere . In den ersten sechs Monaten 2020 betrug der Umsatz demnach bereits mehr als 25 Milliarden Yuan.

Viel Umsatz, kein Gewinn

Dass Kuaishou gegenwärtig noch vor allem auf Wachstum getrimmt ist, zeigt sich allerdings ebenfalls in den Geschäftszahlen: Allein in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres entstand ein Verlust von 68 Milliarden Yuan (8,6 Milliarden Euro). Mindestens seit 2017 hat das Unternehmen den Unterlagen für den Börsengang zufolge noch kein einziges Jahr mit einem Gewinn abgeschlossen.

Das Start-up hat mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen. So könnten verschärfte Regeln für Streamingdienste in China zu einer Belastung werden. Nur Tage vor dem Börsengang trat zudem die chinesische Urheberrechts-Organisation CAVCA auf den Plan, die Kuaishou beschuldigt, zahlreiche Nutzer hätten Musik-Urheberrechte in ihren Videos verletzt.

Gleichzeitig kämpft Kuaishou mit Marktführer Douyin und anderen Anbietern erbittert um Marktanteile, was dem Konzern zuletzt hohe Verluste einbrachte. Die Expansion im Ausland gestaltete sich für die Chinesen derweil holprig, auch, weil die Skepsis und Sicherheitsbedenken ausländischer Regierungen gegenüber chinesischen Apps zunehmen.

mg, cr/dpa-afx