Samstag, 16. November 2019

Libra sorgt für Zeitenwende Adieu, Zentralbankprivilegien

Federal Reserve in Washington: Zeitenwende in der Geldpolitik - Kryptowährungen wie Libra könnten zu einer Währung wachsen, die das Monopol der Notenbanken aufbricht

Seien wir ehrlich - jeder Unternehmer strebt im Grunde seines Herzens nach einem Monopol, das hohe Margen und hohe Gewinne ermöglicht. Das kann man sich erarbeiten durch Innovationen, Qualität und ein gutes Marketing. Oder man bekommt das Monopol geschenkt.

Auf Zentralbanken trifft Letzteres zu. Sie betreiben ein staatliches Monopol, denn sie bekommen als alleinige Institution das Recht zugewiesen, das Geld zu drucken, das vom Staat für die Begleichung von Steuerschulden akzeptiert wird und das als allgemein anerkanntes Zahlungsmittel gilt. So war es in den letzten 100 Jahren, hat in den entwickelten Länder recht gut funktioniert, und so wird es bleiben: Es sei denn, Kryptowährungen machen den Notenbanken einen Strich durch die Rechnung. Und genau danach sieht es aus.

Cyrus de la Rubia
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    Hamburg Commercial Bank
    Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank in Hamburg, wo er globale Trends an den Währungs- und Zinsmärkten analysiert. Außerdem ist er Dozent an der Frankfurt School of Finance und Management, in der wirtschaftspolitischen Beratung tätig und Autor des Buches "Unser Geld in der Krise".

Netzwerkeffekt: Wie Facebook Libra richtig groß machen kann

Am ehesten kann man sich diesen Mechanismus bei der von Facebook Börsen-Chart zeigen initiierten Kryptowährung Libra vorstellen. Diese Digitalwährung soll ab 2020 auf den Markt kommen. Die Währung soll mit einer Einlösepflicht gegenüber einem fest definierten Korb von globalen Währungen mit niedriger Inflation verbunden sein. Das garantiert Wertstabilität, da die Schwäche der einen Währung die Stärke der anderen ist.

Es bedarf nicht viel Vorstellungskraft sich zu überlegen, wie die Libra-Association, deren zahlreiche finanzstarke Mitglieder über die Libra-Blockchain den Zahlungsverkehr durchführen, die Libra-Währung zu eine der globalsten und wichtigsten Währungen machen könnte. So könnten die Institutionen zu Beginn Rabatte anbieten, wenn Zahlungen in Libra geleistet werden.

Warum die Fahrt mit dem Uber-Taxi, das neue Spotify-Abonnement oder die Vodafone-Rechnung mit Euro bezahlen, wenn die Dienstleistungen mit Libra 10 Prozent günstiger angeboten werden und im Übrigen bequemer und schneller sind? Innerhalb weniger Jahre könnte Libra eine Milliarde Menschen gewinnen, hat doch Facebook mit seinen Tochterunternehmen WhatsApp und Instagram alleine schon 2,7 Milliarden Nutzer.

Es käme zu dem bekannten Netzwerkeffekt, der sich dadurch auszeichnet, dass das Netzwerk einen umso größeren Nutzen liefert, je größer es ist.

"Libra"-risierung statt Dollarisierung

Wenn - und dies ist dies ein großen "Wenn", da das Libra-Experiment natürlich scheitern kann - immer mehr Geschäfte in Libra abgewickelt werden, würde ein eigener paralleler Wirtschaftskreislauf entstehen, inklusive Kredit- und Kapitalmarkt, der an der Zentralbank vorbeiläuft. Damit sähe sich die Geldpolitik hierzulande mit einem Problem konfrontiert, das vielen aufstrebenden Volkswirtschaften schon seit jeher bekannt ist: Währungswettbewerb, der besser unter dem Stichwort Dollarisierung geläufig ist.

Länder wie etwa Argentinien und Ukraine haben zwar eine eigene Währung, aber ihre Bürger halten ihre Ersparnisse am liebsten in einer stabileren Währung wie dem US-Dollar oder dem Euro. Auch größere Transaktionen wie Haus- oder Autokauf werden vorzugsweise in der Drittwährung durchgeführt.

Kryptowährung Libra: Librarisierung statt Dollarisierung

Ähnlich wie dollarisierte Länder dürften "Libra"-risierte Staaten feststellen, dass sie ihre Geldpolitik gar nicht mehr selber bestimmen können. Da die Libra an einen Korb von anderen Währungen gebunden ist, könnte man bestenfalls von einer gemäß Währungskorb durchschnittlichen extern vorgegebenen Geldpolitik sprechen, die mit dem tatsächlichen Konjunkturverlauf des betroffenen Landes nichts zu tun hat.

Falls Kreditinstitute auf Libra-Basis agieren, kommt noch ein anderer Aspekt dazu: Es wird dann im Notfall keine Zentralbank geben, die als Kreditgeber letzter Instanz ("Lender of last resort") fungiert und unendlich Liquidität zur Verfügung stellen kann. Denn es gibt nicht die Libra-Notenpresse, die man in alter Manier anwerfen kann. Durch Liquiditätsengpässe ausgelöste Bankenkrisen könnten wieder Einzug erhalten.

Achtung Geldwäsche: Wie Notenbanken Libra bremsen können

Zwei naheliegende Fragen stellen sich an dieser Stelle: Werden sich das die Notenbanken bzw. ihre Regierungen gefallen lassen? Und: Lässt sich die Entstehung einer Weltwährung überhaupt verhindern bzw. sollte man diese Entwicklung stoppen?

Der Staat hat auf den ersten Blick einige Hebel in der Hand, mit denen er die Entwicklung der Libra bremsen könnte. So könnte er Unternehmen aus dem eigenen Hoheitsgebiet verpflichten, Transaktionen ausschließlich in der nationalen staatlichen Währung abzuwickeln. Steuerzahlungen würden wie bisher auch nur in Form der nationalen Währung akzeptiert werden. Libra-Kredite durch Banken und Nicht-Banken würden nicht erlaubt. Geldwäsche und Steuerhinterziehung würden dadurch erschwert werden.

Natürlich möchte man Geldwäsche und Steuerhinterziehung möglichst verhindern. Muss deswegen aber eine neue Technologie quasi verboten werden? Sollte sich ein Staat, nur weil er kurzfristig die Macht dazu hat, dem technischen Fortschritt entziehen?

Das Argument, dass die Geldpolitik durch die neue private Digitalwährung an Einfluss verliert, ist sicherlich kein triftiger Grund für eine Verbotsregelung. Schließlich verbietet man ja auch nicht grenzüberschreitende Kapitalströme, nur weil diese die Wirkungsweise der Politik der Notenbanken abschwächen.

Ein Verbot der Libra wäre der falsche Weg

Ein Verbot der Libra wäre aus wirtschaftspolitischer der falsche Weg. Nehmen wir beispielsweise Deutschland. Was ist, wenn wichtige Handelspartner die Libra erlaubten und mehr und mehr Unternehmen dieser Partnerländer nur noch diese Währung akzeptieren, um die Transaktionskosten herkömmlicher Zahlungssysteme zu vermeiden? Will man tatsächlich auf den Handel mit Firmen dieser Länder verzichten, um "auf Teufel komm' raus" das traditionelle zweigliedrige Geldsystem aufrechtzuerhalten? Vermutlich würde man irgendwann feststellen, dass man sich der Logik der Märkte nicht entziehen kann.

Als wirtschaftspolitische Reaktion bieten sich zwei komplementäre Wege an. Erstens: Da die Libra mit vielen wirtschaftlichen Vorteilen verbunden ist, sollte die Politik nicht mit einer reinen Verbotsregulierung reagieren. Vielmehr müsste sie nach Wegen suchen, wie etwa Geldwäschegesetze auf das neue Zahlungssystem übertragen werden können, ohne das System gleich im Keim zu ersticken.

Zentralbanken sollten den Wettbewerb annehmen

Wenn man etwa Höchstbeträge definiert, die ohne "Know-your-customer"-Prozedere auskommen, wäre wohlfahrtstechnisch vermutlich schon viel gewonnen. Zweitens sollten Zentralbanken den Wettbewerb aufnehmen und ihrerseits Digitalisierungsmöglichkeiten nutzen. Dies scheint auch die Bank für Internationale Zusammenarbeit (BIZ) erkannt zu haben, dessen Präsident Augustín Carstens kürzlich deutlich machte, dass man vielleicht doch früher als gedacht mit digitalen Zentralbankwährungen rechnen müsse. Bis vor kurzem war man diesbezüglich noch wesentlich reservierter.

Zeitenwende

Wir stehen möglicherweise vor einer Zeitenwende. Der Wettbewerb hält Einzug in das traditionelle Monopol der Zentralbanken. Da dies mit der Beschneidung von Privilegien einhergeht, suchen viele Betroffene reflexartig nach Stöckern und Balken, die in das Räderwerk eines neuen Geldsystems gesteckt werden könnten. Der richtige Weg ist jedoch, mit beherzten technologischen Antworten wie etwa digitalen Zentralbankwährungen, klugen Regulierungen und einem Blick für die potenziellen positiven Wohlfahrtseffekte der neuen Welt des Geldes nach vorne zu schauen.

Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank in Hamburg und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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