Börse EZB und Gasversorgung beunruhigen Dax-Anleger

Nach der Kursrallye steuert der Dax zunächst auf Erholungskurs, dreht dann aber ins Minus. Auch am Dow Jones geht es wieder durchwachsener zu. Kommentare des russischen Außenministers Lawrow zum Ukraine-Konflikt verunsichern die Anleger.
Börse: Dax und Bitcoin mit Kurssprung

Börse: Dax und Bitcoin mit Kurssprung

Foto: ALEX DOMANSKI/ REUTERS

Der Dax ist am Mittwoch nach zunächst weiteren Erholungsgewinnen in die Verlustzone gedreht. Allerdings verringerte er sein Minus bis Handelsschluss spürbar. Dabei profitierte der deutsche Leitindex vor allem von der sehr positiven Börsenstimmung an der New Yorker Wall Street. Die künftige Gasversorgung und auch die Leitzins-Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag blieben zugleich die zentralen Themen in den Handelsräumen.

Nachdem der Dax zeitweise bis knapp unter 13.400 Punkte gestiegen war, schloss er 0,20 Prozent schwächer bei 13.282 Punkten. Tags zuvor war er nach mehreren Berichten über eine planmäßige Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen noch um 2,7 Prozent hochgesprungen. Der MDax  legte zur Wochenmitte um 0,68 Prozent auf 26.696 Zähler zu.

Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50  gab um 0,06 Prozent auf 3585 Punkte nach. In Paris und London fiel das Minus etwas deutlicher aus. In den USA stieg dagegen der Dow Jones Industrial zum Börsenschluss in Europa leicht.

"Die Aussicht auf eine Wiederaufnahme der russischen Gaslieferungen hat die Stimmung an der Börse ins Positive gedreht", hatte Portfolio-Manager Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners zuvor noch erklärt. Doch ob und wie viel Gas nach dem Ende der Wartungsarbeiten am Donnerstag durch die wichtige Pipeline Nord Stream 1 fließen wird, ist noch unklar. So stellt Gazprom nach Aussagen von Mittwoch die Sicherheit des Pipelinebetriebs infrage, weil der Energiekonzern angeblich trotz Anfrage immer noch keine Dokumente für die bei Nord Stream 1 gebrauchte Turbine erhalten hat. "Gazprom hat bis heute vom Konzern Siemens keine offiziellen Dokumente erhalten, die es unter den Bedingungen der Sanktionen Kanadas und der EU erlauben, den Gasturbinenmotor in die Kompressorstation "Portowaja" einzubauen", teilte der russische Gaskonzern am Mittwoch auf seinem Telegram-Kanal mit.

Zuvor hatten sich die Gaspreise verbilligt. Der europäische Future notierte 0,7 Prozent schwächer bei 161 Euro je Megawattstunde. Der wieder steigende Risikoappetit der Anleger spiegelte sich unter anderem in höheren Preise für Industriemetalle wider. Kupfer verteuerte sich um 1,5 Prozent auf 7386 Dollar je Tonne, Nickel notierte 3,3 Prozent im Plus. Ein schwächerer Dollar helfe den in der US-Devise notierten Preisen ebenfalls nach oben, sagten Börsianer.

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Verbraucherstimmung in Euro-Zone fällt auf Rekordtief

Die Stimmung der Verbraucher in der Euro-Zone hat sich im Juli weiter eingetrübt und ist nun schlechter als beim Ausbruch der Corona-Pandemie. Das Barometer für das Konsumklima sank um 3,2 Punkte auf minus 27,0 Zähler, wie aus der am Mittwoch veröffentlichten Umfrage der EU-Kommission hervorgeht. Dies ist der tiefste Stand seit Beginn der Datenerhebung. Von Reuters befragte Ökonomen hatten einen leichten Rückgang auf minus 24,9 Punkte erwartet. Damit verharrt das Niveau des Barometers weiter unter seinem langfristigen Durchschnitt.

Ein Grund für die schlechtere Stimmung dürfte der starke Anstieg der Verbraucherpreise sein. Waren und Dienstleistungen verteuerten sich im Juni in der Euro-Zone um durchschnittlich 8,6 Prozent zum Vorjahresmonat und damit so stark wie noch nie. Damit liegt die Teuerungsrate inzwischen mehr als vier mal so hoch wie das Ziel der EZB von 2,0 Prozent, das sie als optimal für die Wirtschaft erachtet. Diese dürfte am Donnerstag darauf reagieren und erstmals seit 2011 die Zinsen erhöhen.

EZB will Zinsen womöglich stärker anheben

Im Blickpunkt der Anleger steht außerdem die Sitzung der EZB am morgigen Donnerstag. Die Inflation in der Eurozone ist im Juni auf 8,6 Prozent gestiegen. Wegen des starken Preisauftriebs gibt es in der Europäischen Zentralbank Überlegungen zu einer stärkeren Zinsanhebung. Anstatt wie bisher signalisiert, die Leitzinsen am Donnerstag erstmals seit elf Jahren um 0,25 Prozentpunkte anzuheben, könnte man sich auch zu einer stärkeren Anhebung um 0,5 Punkte entschließen, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg.

Uniper-Aktien steigen zweistellig

Die Aktien von Uniper setzten sich angesichts der Aussicht auf baldige Staatshilfen für den angeschlagenen Energiekonzern mit einem Kursplus von fast 13 Prozent an die MDax-Spitze. Bereits am Vortag waren sie – angetrieben von Spekulationen um die Wiederaufnahme von Gaslieferungen aus Russland – um gut zehn Prozent gestiegen.

Im Dax brachen am Nachmittag die Aktien von Hellofresh wegen einer Umsatz- und Gewinnwarnung ein. Sie beendeten den Handel mit minus 9,4 Prozent, nachdem sie zuvor noch mit mehr als sechs Prozent im Plus gelegen und in der Spitze sogar um rund acht Prozent zugelegt hatten. Ein Händler sieht inzwischen die Gefahr, dass – wie bereits Delivery Hero – nun auch der Kochboxenversender bald aus der ersten Börsenliga ausscheiden könnte.

Die Papiere von Scout24 profitierten mit plus 1,8 Prozent von einer Hochstufung durch die US-Investmentbank Morgan Stanley. Der Online-Portalbetreiber sei mit robusten Abonnementumsätzen und hohen Barmittelzuflüssen auch in einem unsicheren Umfeld stark, schrieb Analyst Pete-Veikko Kujala.

Dagegen ging es für Rational als MDax-Schlusslicht um drei Prozent abwärts. Angesichts der Kursrally der Papiere des Profiküchen-Ausrüsters seit Ende Juni sieht die britische Bank HSBC kaum zusätzliches Aufwärtspotenzial.

Erzeugerpreise erwartet, Zahlen von Volvo und Tesla

Börsianer warten auch auf die deutschen Erzeugerpreise, die im Tagesverlauf veröffentlicht werden. Von ihnen versprechen sie sich Rückschlüsse, ob die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen am Donnerstag um einen Viertel oder einen halben Prozentpunkt anheben wird. Daneben hält eine neue Welle von Firmenbilanzen Investoren auf Trab. Unter anderem öffnen der Pkw-Bauer Volvo, der Chipindustrie-Ausrüster ASML und der Elektroauto-Pionier Tesla ihre Bücher.

US-Börsen im Rückwärtsgang

Nach den Kursgewinnen der vergangenen Tage geht US-Anlegern die Puste aus. Der US-Standardwerteindex Dow Jones bröckelte am Mittwoch um 0,2 Prozent auf 31.757 Punkte ab. Der breit gefasste S&P 500 und der technologielastige Nasdaq rückten dagegen bis zu 1,2 Prozent vor. Letzerer profitierte unter anderem von einem optimistischen Ausblick von Netflix.

Offenbar machten einige Investoren Kasse, sagte Peter Cardillo, Chef-Volkswirt des Vermögensberaters Spartan. Sollten die anstehenden Firmenbilanzen aber positiv überraschen, könne mit einer zügigen Wiederaufnahme der Börsen-Rally gerechnet werden. Außerdem fielen robuste Geschäftszahlen auf fruchtbaren Boden, weil die Grundstimmung recht pessimistisch sei, warf Steve Sosnick, Chef-Anlagestratege bei Interactive Brokers, ein. Daher honorierten sie ermutigende Ergebnisse besonders.

Die zentrale Rolle an den westlichen Aktienmärkten spielt am Mittwoch weiter die Gasversorgung Europas. Nachdem Gazprom nach eigenen Angaben immer noch keine Dokumente für die bei Nord Stream 1 gebrauchte Turbine erhalten hat, stellte der russische Energiekonzern die Sicherheit des Pipelinebetriebs infrage. Damit einher ging es auch an Europas Börsen bergab, auch wenn sich die Informationen verdichten, dass am Donnerstag in unbekanntem Ausmaß wieder russisches Gas durch die Pipeline Nord Stream 1 fließen wird.

Die Sorgen ließen auch die Wall Street nicht ganz kalt, auch wenn die USA anders als Europa nicht auf russische Gaslieferungen angewiesen sind. Wenn überhaupt, dann drückten US-Unternehmenszahlen am Mittwoch eher der Nasdaq-Börse ihren Stempel mit guten Netflix-Zahlen auf, die geprägt waren von einer überraschend guten Entwicklung der Nutzerzahlen.

Bitcoin kratzt an Marke von 24.000 US-Dollar

Unterdessen setzten die Kryptowährungen ihre Erholung fort. Bitcoin stieg um zwei Prozent auf 23.700 Dollar. "Der Risikoappetit der Anleger ist zurück", sagte Analyst Timo Emden von Emden Research. "Die Börsenampeln sind kurzfristig auf Grün gesprungen." Allerdings müsse wegen der Rezessionsgefahren durch drastische Zinserhöhungen der Notenbank jederzeit mit erneuten Kursrückschlägen gerechnet werden.

Bitcoin

Ölpreise geben leicht nach

Die Ölpreise sind am Dienstag leicht gefallen. Zuletzt kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent  105,82 US-Dollar. Das waren 45 Cent weniger als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate  (WTI) fiel um 30 Cent auf 102,30 Dollar.

Die leichten Preisabschläge folgen auf kräftige Aufschläge am Montag, als die Erdölpreise von der überwiegend guten Börsenstimmung und einem etwas schwächeren US-Dollar profitierten. Generell bleibt die Lage am Rohölmarkt schwankungsanfällig, da sich der Markt zwischen großen Nachfrage- und Angebotsrisiken bewegt.

Auf der Nachfrageseite herrschen seit einiger Zeit Rezessionssorgen vor, was die Preise dämpft. Auf der Angebotsseite dominiert die Furcht vor anhaltenden Engpässen infolge des Ukraine-Kriegs. Das Preisniveau am Ölmarkt ist deshalb nach wie vor hoch. Seit Jahresanfang haben die Ölpreise nach aktuellem Stand etwa 40 Prozent zugelegt.

Mit Nachrichtenagenturen
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