Gefährliche Kursrally Japans Geldflut ist ein Warnzeichen für Anleger

Japans Zentralbank pumpt noch mehr Geld in die Märkte, während die Fed ihr Anleihen-Kaufprogramm gerade beendet hat. Anleger sollten sich von dem Kursfeuerwerk nicht täuschen lassen: Japans Zentralbank handelt aus Verzweiflung.
Von Arne Gottschalck
Kann das gutgehen? Der Nikkei notiert auf Siebenjahreshoch - doch so mancher hat angesichts der Verzweiflungstat der Notenbanker seine Zweifel

Kann das gutgehen? Der Nikkei notiert auf Siebenjahreshoch - doch so mancher hat angesichts der Verzweiflungstat der Notenbanker seine Zweifel

Foto: Kimimasa Mayama/ dpa

Hamburg - Der Dax  klettert, der Dow Jones  klettert, und der Nikkei steigt erst recht: Nach einer für Anleger sehr erfreulichen Woche mit deutlichen Kursgewinnen hat die die japanische Zentralbank zum Wochenschluss noch einmal ein Kursfeuerwerk gezündet.

Erst am Mittwoch hatte die US-Notenbank bekannt gegeben, ihr milliardenschweres Anleihenkaufprogramm zur Stützung der Konjunktur zu beenden, da entscheiden sich die Notenbanker in Fernost für das genaue Gegenteil: Japans Zentralbankchef Haruhiko Kuroda hat erklärt, die Bank of Japan werde ihre Aktivitäten am Markt verstärken und noch mehr Geld als bisher in den Markt pumpen. So soll zum Beispiel der Ankauf von Staatsanleihen forciert werden und um 30 Billionen Yen (rund 200 Milliarden Euro) wachsen.

Das Ziel: Die japanische Realwirtschaft so sehr mit Geld fluten, dass die Unternehmen gar nicht anders können als Kredite aufzunehmen, die Konsumenten ebenso. Durch die Ausdehnung des Programm auf längerlaufende Anleihen - bis zu zehn Jahre - sollen auch die längerfristigen Zinsen nach unten gedrückt werden. Außerdem wird so der Wert des Yen  im Vergleich zum Dollar nach unten gedrückt, was den japanischen Exportunternehmen zugute kommt. Die Kursrally, die am Freitag prompt einsetzte, könnte sich als fatales (und rasch verlöschendes) Feuerwerk erweisen.

Das (dicke) Ende kommt noch

Das Problem: Die Folgen so einer Politik sind erheblich, wie der Blick auf die USA zeigt. Sechs Jahre lang hatte die Zentralbank Fed der Wirtschaft unter die Arme gegriffen, indem sie Wertpapiere in der Summe für rund 4 Billionen Dollar kaufte. Dieses "quanitative easing" (QE) soll zum Monatsende nun Geschichte sein, weil die US-Wirtschaft in den Augen der Notenbanker wieder robust da steht.

Die US-Arbeitslosenzahlen sind im September auf 5,9 Prozent gesunken, das Wachstum soll 2014 bei 1,7 Prozent liegen, schätzt der Internationale Währungsfonds. So weit, so gut. Doch der Preis für diese Zahlen ist hoch.

Denn zum einen wurde das Problem der Überschuldung in den USA nicht gelöst, zum anderen das Gespenst der Deflation nicht gebannt. Im Gegenteil, die US-Bürger verschulden sich wieder stärker, die Inflation sinkt stetig. Und schon einer der beiden Faktoren, Deflation oder Verschuldung, kann Investoren dazu bewegen, der Börse schlagartig das Vertrauen zu entziehen.

Die Fed hat wenig erreicht - jedoch durch das Aufpumpen der Aktienpreise die Fallhöhe gesteigert, schrieb Ökonom Daniel Stelter in einem Beitrag für manager magazin online . Das gleiche Bild gilt für Japan - in noch dramatischeren Farben.

Lähmende Deflationsfalle

Das Land steckt seit über ein Jahrzehnt in der Deflation fest und versuchte sich seit 2013 mit den "Abenomics" aus diesem zähen Morast zu befreien. Zuerst schien das auch zu funktionieren, doch zuletzt knirschte es wieder im Wirtschaftsgefüge Japans. So stieg die Arbeitslosigkeit leicht an und die Zentralbank senkte die Wachstumsprognose für das im März 2015 endende Fiskaljahr von 1,0 Prozent auf 0,5 Prozent.

Entsprechend fühlte sich die BoJ zum Handeln genötigt. Bereits 2013 mahnte Investmentlegende George Soros, dass dies eine Lawine auslösen könne, weil die Japaner ihr Geld einfach ins Ausland schaffen könnten. Und die Verschuldung beträgt in Japan inzwischen 250 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung - eine für ein modernes Industrieland bis dato ungesehene Höhe.

Für Steen Jakobsen, Chefvolkswirt bei der Saxo Bank, ein Akt der Verzweiflung: "Dieser Schachzug zeigt, dass der japanischen Reformpolitik die Zeit davonläuft. Die angestrebte Kerninflationsrate ohne Steuer von 2,0 Prozent liegt mit aktuell 1,1 Prozent in weiter Ferne." Und Masaki Kuwahara, ein Nomura-Volkswirt, sagt: "Wir lesen aus dem Schritt der BoJ, dass sie besorgt ist wegen der Inflation."

Lehre für Europa

Eine Zentralbank - ob Bank of Japan, Fed oder EZB - kann in der Tat mit ihren Mitteln Zeit für die Politik kaufen. Doch dann müssen die Strukturreformen auch folgen, die Premierminister Shinzo Abe einst ankündigte. Wie nötig diese Reformen sind, zeigt eine Erhebung des Lebensversicherers Dai-ichi Life unter 6.600 Japanern. Die sparen offenbar inzwischen beim Mittagessen und geben weniger dafür aus als noch vor drei Jahren.

Heute sparen, morgen konsumieren - das ist Deflationsdenken und nicht das erstrebte Inflationsdenken.

Auch Dax-Anleger sollten sich von der ersten euphorischen Reaktion an den Börsen nicht täuschen lassen: Wenn die Zentralbank so handelt, muss es arg um Japan bestellt sein.

Die Notenbanker der EZB um Mario Draghi werden das alles beobachten. Und sich hoffentlich von den Politikern nicht weiter in die Rolle des Retters in der Not drängen lassen. Ohne politische Reformen wird eine Geldflut die Probleme nur hinausschieben - und eines Tages sind sie schwerer denn je.