Dienstag, 18. Februar 2020

Krise in Nahost USA-Iran-Konflikt - eine Gefahr für den Bullenmarkt?

Raheb Homavandi / REUTERS

Der erste Dämpfer für die Marktstimmung ließ im Börsenjahr 2020 nicht lange auf sich warten. Nachdem US-Drohnenangriffe den hochrangigen iranischen Befehlshaber Soleimani getötet hatten, kochten schnell Spekulationen um eine militärische Eskalation und schädliche Einflüsse auf die Kapitalmärkte hoch. Als erste Reaktion startete der Iran Raketenangriffe auf US-Stützpunkte im Irak, aktuell diskutieren Marktbeobachter sorgenvoll weitere Vergeltungsmaßnahmen von beiden Seiten. Es wurden weitere Drohungen gegen militärische Ziele ausgesprochen: Die USA wollen die wirtschaftlichen Sanktionen gegen den Iran verschärfen, diese wiederum drohen mit einer Blockade der Straße von Hormus, einem wichtigen Knotenpunkt für die Schifffahrt aus dem ölreichen Persischen Golf. Für Anleger ist es deshalb wichtig zu wissen, wie die Märkte typischerweise auf derartige Ereignisse reagieren und welche negativen Auswirkungen zu erwarten sind.

Thomas Grüner
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    Thomas Grüner ist Gründer und Vice Chairman des Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Zunächst gilt es festzuhalten, dass Spannungen zwischen den USA und dem Iran für die Marktteilnehmer ein wohlbekannter Diskussionsgegenstand sind, insbesondere nach dem Rückzug der USA aus dem iranischen Atomabkommen im vergangenen Jahr und der Verhängung strenger Wirtschaftssanktionen. Es gibt auch Präzedenzfälle für die Drohungen des Iran, die Ölversorgung zu blockieren. Im vergangenen Mai und Juni soll der Iran bereits Öltanker in der Straße von Hormus angegriffen haben. Die Auswirkungen auf den Ölpreis waren jedoch nur von kurzer Dauer. Auch die letztjährigen Angriffe auf die saudi-arabische Ölinfrastruktur sorgten trotz apokalyptischer Berichterstattung nur für kurzfristige Irritationen.

Leider gibt es eine lange Geschichte regionaler Konflikte und zugehöriger Marktreaktionen, die zur korrekten Einordnung der jüngsten Vorfälle beitragen. Konflikte im Nahen Osten, in Nordafrika und in Zentralasien sind seit Jahrzehnten ständige Begleiter der Märkte. Israels Konflikte mit seinen geografischen Nachbarn gelten seit vielen Jahrzehnten als Brennpunkt. Der Iran-Irak-Krieg prägte die 1980er Jahre und beinhaltete Angriffe auf Hunderte von Öltankern. Allein innerhalb des letzten Jahrzehnts haben die Bürgerkriege in Libyen seit 2011 einen erheblichen Teil der Ölförderung vom Weltmarkt genommen.

Der anhaltende syrische Bürgerkrieg drohte zeitweise zu einem vollwertigen Stellvertreterkrieg zwischen Russland und den USA zu werden. Syrien ist bei weitem nicht die einzige US-Beteiligung in der Region. Der Persische Golfkrieg der frühen 1990er Jahre, der Irakkrieg von 2003 bis 2011 und der seit 2001 andauernde Krieg in Afghanistan setzen die Liste der geopolitischen Konfliktherde fort. Wie gehen also Märkte mit dieser gefühlt permanenten "Bedrohung" um?

Einige dieser Konflikte fallen natürlich mit Bärenmärkten zusammen. Insgesamt zeigt sich jedoch die Tendenz, dass übergeordnete Faktoren wie das globale Wirtschaftswachstum das entscheidende Kriterium für die Marktentwicklung bleiben. Regionale Konflikte belasten vor allem die Marktstimmung und sind zweifelsfrei in der Lage, eine stimmungsgetriebene Korrektur zu verursachen - solange sich jedoch keine globale Eskalation ereignet und bedeutende wirtschaftliche Bestandteile ins Wanken geraten, bleiben die Märkte robust. In der aktuellen Situation sollten sich Anleger also die Frage stellen, ob sich der Iran-USA-Konflikt tatsächlich zu einer globalen militärischen Eskalation aufschwingen kann, der das globale Wirtschaftswachstum beenden kann - oder ob sich das aktuelle Säbelrasseln vorwiegend auf die Marktstimmung auswirkt, nicht aber auf die wirtschaftliche Substanz.

Die andere große Sorge in Bezug auf eine mögliche Eskalation am Persischen Golf ist der Ölpreis, der im Börsenjahr 2020 bereits früh große Schwankungen erfahren hat.

Eine Unterbrechung der Versorgung im Nahen Osten könnte die Preise in die Höhe treiben, aber ein anhaltender Aufwärtstrend erscheint nicht besonders wahrscheinlich - angesichts der hohen Ölreserven ist bei Bedarf ein sofortiger Zugang zu Alternativen gesichert. Mittlerweile hat sich der Ölmarktanteil des Nahen Ostens auch erheblich verringert und macht derzeit nur noch rund ein Drittel der weltweiten Ölförderung aus. Amerika ist jetzt der weltgrößte Ölproduzent, hat im vergangenen Jahr Saudi-Arabien und Russland überholt und steigert die Erdölexporte in den Rest der Welt - ein großes Gegengewicht zur Produktion am Persischen Golf. Die amerikanischen Exporte von Öl und Ölprodukten sind auf neun Millionen Barrel pro Tag angestiegen - ungefähr die Hälfte der Exporte des Persischen Golfs. Vor 15 Jahren lag dieser Wert noch unter einer Million Barrel.

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Selbst wenn der Ölpreis ansteigt und sich auf einem hohen Niveau halten kann - wir befinden uns nicht mehr in den 1970er Jahren. Die US-Wirtschaft ist viel weniger energieintensiv als damals. Inflationsbereinigt wird pro tausend Tonnen verwendetem Öl heute ein BIP von 23,8 Millionen US-Dollar generiert. Im Jahr 1990 waren es nur 13,7 Millionen Dollar. Explodierende Ölpreise könnten für bestimmte Wirtschaftszweige natürlich nachteilig sein, aber auch hier gilt: der Einfluss auf das globale BIP ist nicht annähernd durchschlagskräftig genug, um Sorgen um eine globale Rezession zu rechtfertigen. Eine aktuelle Schätzung beziffert die Auswirkung eines eskalierenden Iran-USA-Konflikts auf 0,3 Prozent des globalen BIP. Halten Sie als langfristig orientierter Anleger in 2020 Ausschau nach Risikofaktoren, die eine ernstzunehmende Gefahr für das globale Wirtschaftswachstum darstellen - regionale Konflikte gehören in der Regel nicht dazu.

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