Fulminantes Börsendebüt Börsengang macht Auto1-Gründer zu Milliardären

Der Online-Gebrauchtwagenhändler Auto1 hat einen fulminanten Börsenstart hingelegt. Die Gründer werden dadurch auf einen Schlag sehr reich - in der deutschen Tech-Szene gab es das so noch nie.
Gelungenes Zahlenspiel: Der Berliner Online-Gebrauchtwagenhändler Auto1 Group nimmt bei seinem Börsengang 1,8 Milliarden Euro ein, die Gründer Christian Bertermann (Mitte) und Hakan Koç (rechts) werden zu Milliardären. CFO Markus Boser (links) freut sich mit

Gelungenes Zahlenspiel: Der Berliner Online-Gebrauchtwagenhändler Auto1 Group nimmt bei seinem Börsengang 1,8 Milliarden Euro ein, die Gründer Christian Bertermann (Mitte) und Hakan Koç (rechts) werden zu Milliardären. CFO Markus Boser (links) freut sich mit

Die Deutschen lieben ihre Autos nach wie vor. Davon profitiert auch der Berliner Online-Gebrauchtwagenhändler Auto 1: Das 2012 gegründete Start-Up und Betreiber des Internetportals "wirkaufendeinauto.de" hat am Donnerstag den größten deutschen Börsengang seit 2019 hingelegt.

Die Aktien starteten an der Frankfurter Börse mit einem Kurs von 55 Euro in den Handel, ein Plus von 45 Prozent gegenüber dem Zuteilungspreis von 38 Euro. Damit wird der Betreiber von "wirkaufendeinauto.de" mit knapp 12 Milliarden Euro bewertet. Auto1 ist das erste Unternehmen, das in diesem Jahr auf das Frankfurter Börsenparkett geht. Dem Start-up dürften allerdings noch einige Großkaräter folgen. Für März wird mit dem Börsengang von Vodafones Funkmastentochter Vantage gerechnet, welche mit bis zu 18 Milliarden Euro bewertet werden könnte.

Auto1-Chef Christian Bertermann (37) sagte: "Der heutige Börsengang ist der Startschuss für die nächste Phase dieser unglaublichen Wachstumsgeschichte." Vom Emissionsvolumen in Höhe von 1,83 Milliarden Euro fließt dem Börsenneuling eine Milliarde Euro zu, der Rest geht an die Altaktionäre. Für Bertermann und seinen Mitgründer Hakan Koç (36) macht sich der Börsengang in besonderer Weise bezahlt. Wie der Börsenprospekt  auf Seite 120 zeigt, werden Koç und Bertermann auch nach dem IPO große Anteile an Auto1 besitzen: Koçs Unternehmen HKVV GmbH wird 12,41 Prozent an der Auto 1 Group halten, Bertermanns Firma BM Digital 12,62 Prozent. Beide zusammen kommen nach dem IPO auf ein Viertel der Auto1-Anteile. Beide Gründer sind jetzt zu Milliardären geworden.

Neue Gründergeneration holt bei Tech-IPOs mehr raus

Der Geldsegen für die Gründer war bei deutschen Tech-Börsengängen bislang selten. Die Gründer großer deutscher Tech-Firmen wie etwa Zalando, Delivery Hero oder Hellofresh hielten nach dem Börsengang nur vergleichsweise kleine Aktienpakete. Der Grund liegt in der Finanzierungsstruktur der Start-Ups. Die in den letzten Jahren an die Börse gebrachten hoch bewerteten deutschen Tech-Start-ups wurden praktisch ausnahmslos von Rocket Internet finanziert, dem ehemaligen Start-up-Inkubator der Samwer-Brüder. Mit Anteilen für Gründer war Rocket-CEO Oliver Samwer (48) eher knausrig. Hellofresh-CEO Dominik Richter (32) hielt vor dem Börsengang etwa nur noch rund 2 Prozent der Anteile, Delivery-Hero-CEO Niklas Östberg (40) sogar weniger als ein Prozent. Anders als im Silicon Valley blieb daher der ganz große Geldsegen für Digital-Unternehmer lange aus.

Mit Auto1, gestartet von einer neuen Gründer-Generation, ändert sich das nun. Sie wurden in der Startphase von Geldgebern wie Cherry Ventures  finanziert, die weit weniger Anteile für sich beanspruchen. So bleibt auch nach etlichen Finanzierungsrunden rund ein Viertel des Unternehmens in Gründerhand.

Steve Schlenker, Partner bei DN Capital, das erstmals 2013 in Auto1 investierte, sagte: Ein Beweis für die "brillante Weitsicht" der Gründer sei, dass sie in der Lage waren, das Unternehmen in mehr als 30 Märkte zu expandieren und Europas führende Plattform für den Kauf und Verkauf von Gebrauchtwagen zu werden.

Das Geld aus dem Börsengang will Auto1 wenig überraschend für die Expansion nützen: "Der Börsengang ist der Startschuss für die nächste Etappe in unserer Wachstumsgeschichte", sagte Mitgründer und Vorstandschef Christian Bertermann im Vorfeld.

Auch für Japans Softbank macht sich der Börsengang bezahlt

Auto1 ist der größte Börsengang seit fast eineinhalb Jahren in Deutschland. Damals hatte der schwäbische Softwarehersteller Teamviewer 2,2 Milliarden Euro eingesammelt. Für dessen Aktionäre hat sich das Investment gelohnt: Die Papiere sind seither um mehr als zwei Drittel gestiegen.

Der Online-Gebrauchtwagenhändler Auto1 hat schon vor dem Börsengang eine erstaunliche Wertsteigerung erlebt. Als der japanische Technologieinvestor Softbank vor gut zwei Jahren einstieg, lag die Bewertung noch bei 2,9 Milliarden Euro. Dabei schreibt das Unternehmen rote Zahlen: In den ersten neun Monaten 2020 sank der Umsatz vor allem wegen der Corona-Krise um 19 Prozent auf 2,05 Milliarden Euro, der Verlust ging von 91 auf 83 Millionen Euro zurück.

Auto1 selbst fließt beim Börsengang eine Milliarde Euro zu. Mit dem Geld will Bertermann vor allem den lukrativen Verkauf von Gebrauchtwagen an Privatkunden unter der Marke "Autohero" ausbauen. Die Auslieferung soll mit gläsernen Transportern regelrecht zelebriert werden. Ältere Fahrzeuge reicht Auto1 an Gebrauchtwagenhändler weiter.

Größter Aktionär ist der japanische Technologie-Investor Softbank, der beim Börsengang keine Aktien verkauft und danach immer noch 16,9 Prozent der Auto1-Anteile hält. Die Firmengründer Bertermann und Koç machten dagegen einen Teil ihres Aktienbesitzes zu Geld: Vorstandschef Bertermann kassiert 52 Millionen, Aufsichtsrat Koc sogar 68 Millionen Euro. Gut 23 Prozent der Aktien sind künftig im Streubesitz. Allein die Ankerinvestoren Sequoia und Lone Pine zeichneten Aktien für 300 Millionen Euro. Nach dem Börsengang können auch die Käufer einer Wandelanleihe aus dem vergangenen Jahr ihre Papiere zum Teil in Auto1-Aktien im Wert von 300 Millionen Euro tauschen.

Organisiert wurde der Börsengang federführend von BNP Paribas, Citigroup, Goldman Sachs und Deutsche Bank. Anders als im vergangenen Jahr, als bei sieben meist kleinen Börsengängen gerade 1,06 Milliarden Euro erlöst wurden, steht 2021 eine ganze Reihe von Börsenkandidaten in den Startlöchern: die Funkturmtochter von Vodafone, Vantage Towers, ist mit den Vorbereitungen ebenso fortgeschritten wie der Labordienstleister Synlab, der dem Finanzinvestor Cinven gehört. Rückenwind von Auto1 erhofft sich auch der Online-Autohändler Mobility Holding ("meinauto.de"), der vom ehemaligen Sixt-Leasing-Manager Rudolf Rizzolli geführt wird.

wed, rei/Reuters