Dienstag, 19. November 2019

Niedergang der Industrie-Ikone In den Öfen von Thyssenkrupp brennt auch Anlegergeld

Stahlarbeiter bei Thyssenkrupp in Duisburg: Der Konzern steckt in der Krise, die Aktie rauscht abwärts.
Oliver Berg / DPA
Stahlarbeiter bei Thyssenkrupp in Duisburg: Der Konzern steckt in der Krise, die Aktie rauscht abwärts.

Mit dem Thyssenkrupp-Konzern droht ein weiteres Gründungsmitglied aus dem Leitindex Dax zu fliegen. Für die Aktionäre des Unternehmens eine weitere von vielen schlechten Nachrichten in der jüngeren Vergangenheit.

Thyssenkrupp, der Name steht seit einiger Zeit für eine doppelte Misere: Das Unternehmen steckt in der Krise, und die Aktionäre müssen leiden. Letzteren steht in der kommenden Woche vermutlich der nächste Nackenschlag bevor: Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Thyssenkrupp Börsen-Chart zeigen dann aus dem deutschen Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen geworfen. Nach der Commerzbank Börsen-Chart zeigen im vergangenen Jahr wäre es binnen kurzer Zeit bereits das zweite Gründungsmitglied, das Deutschlands erste Börsenliga verlassen muss. Inklusive der Vorgängergesellschaft Thyssen gehörte der Konzern dem Index seit dessen Start im Jahr 1988 an.

Und künftig nicht mehr? Es wäre nur die konsequente Fortsetzung der miserablen Entwicklung, die das Unternehmen in den vergangenen Monaten durchgemacht hat. Die aufziehende Konjunkturschwäche sowie vor allem die bereits präsente Flaute in der Autoindustrie haben die Nachfrage nach Stahl erheblich zurückgehen lassen. Auf der anderen Seite sind jedoch die Rohstoffkosten für Thyssenkrupp und andere Player der Branche gestiegen. Der Preis für Eisenerz beispielsweise bewegte sich jüngst auf dem höchsten Niveau seit fünf Jahren.

Hinzu kommen noch: Der Fehlschlag der geplanten Stahlfusion mit dem indischen Konkurrenten Tata Steel, die von der EU untersagt wurde, hohe Schulden, sowie externe Störfeuer wie der Handelskrieg zwischen den USA und China und der ungeregelte Brexit, die die Geschäfte in der gesamten Weltwirtschaft belasten.

Die Folgen lassen sich an den Geschäftszahlen ablesen, die der Konzern kürzlich für das abgelaufene dritte Quartal vorgelegt hat. Der Gewinn ging so stark zurück, dass Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff abermals die Prognose für das Gesamtjahr nach unten korrigieren musste. Statt bisher 1,1 bis 1,2 Milliarden Euro erwarten die Essener beim operativen Gewinn nun nur noch 800 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2018/2019. Da verwundert es nicht, dass Kerkhoff nüchtern feststellt, man könne mit der Geschäftsentwicklung in den ersten neun Monaten "insgesamt nicht zufrieden sein".

Durch Dax-Rauswurf droht neuer Druck auf den Aktienkurs

Dass all dies am Aktienkurs des Unternehmens nicht spurlos vorüber gehen kann, ist klar. Beinahe die Hälfte seines Wertes hat Thyssenkrupp in den vergangenen zwölf Monaten an der Börse eingebüßt. Zum Vergleich: Der Dax sank im gleichen Zeitraum um vergleichsweise mäßige 5 Prozent. Vor Kurzem war die Thyssenkrupp-Aktie sogar wieder für weniger als 10 Euro zu haben - das war zuvor zuletzt im Jahr 2003 der Fall.

Der bevorstehende Dax-Rauswurf erscheint da nur logisch. Der Börsenwert eines Unternehmens ist eines der entscheidenden Kriterien für die Index-Zugehörigkeit. Der Wert von Thyssenkrupp ist mittlerweile auf weniger als sieben Milliarden Euro gesunken. Nachdrängende Kandidaten wie der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen Börsen-Chart zeigen aus dem MDax Börsen-Chart zeigen kommen bereits auf mehr als zehn Milliarden Euro. Beim Triebwerkbauer MTU Aero Engines Börsen-Chart zeigen, der ebenfalls als möglicher Dax-Nachrücker gehandelt wird, beträgt der Börsenwert gegenwärtig sogar rund 13 Milliarden Euro.

Trübe Aussichten also für Thyssenkrupp-Aktionäre. Sollte das Unternehmen tatsächlich aus dem Dax genommen werden - die Entscheidung soll Mitte kommender Woche verkündet werden - so dürfte das zusätzlichen Druck auf den Aktienkurs mit sich bringen. Zahlreiche Indexfonds (ETFs), die den Dax eins zu eins nachbilden, wären gezwungen, das Papier zu verkaufen. Wie der Nachrichtendienst Bloomberg berichtet, verfügen die bekannten Dax-ETFs zusammen über ein Gesamtvolumen von mehr als 14 Milliarden Euro. Zwar hat Thyssenkrupp am Dax lediglich einen Anteil von weniger als 1 Prozent. Dennoch: Den Verkaufsdruck, der durch die Herausnahme entstünde, können sich Investoren beinahe mit dem Taschenrechner ausrechnen.

Schwacher Trost: Thyssenkrupp würde nach dem Dax-Abschied vermutlich in den MDax wechseln. ETFs, die diesen Index begleiten, wären also gezwungen, das Papier ins Depot zu nehmen. Allerdings finden sich in einschlägigen Fondsdatenbanken kaum mehr als ein halbes Dutzend MDax-Indexfonds, die auf ein Gesamtvolumen von weniger als drei Milliarden Euro kommen.

Der erhoffte Kursauftrieb für die Thyssenkrupp-Aktie muss also wohl von anderer Seite kommen. Konzernchef Kerkhoff beispielsweise hofft auf einen radikalen Umbau des gesamten Unternehmens, mit klarerer Abgrenzung einzelner Sparten und einer deutlich schlankeren Holding. Auch Einsparungen inklusive eines erheblichen Stellenabbaus sind geplant. Das erforderliche Kapital, das beim Umbau helfen soll, will Kerkhoff mit dem Verkauf der Aufzugsparte einnehmen - womit er sich ausgerechnet von einem der gewinnträchtigsten Teile des Thyssenkrupp-Konglomerats trennen würde.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Ob das Thyssenkrupp-Management die Aktionäre damit zufrieden stellen wird? Großaktionäre wie der schwedische Finanzinvestor Cevian machen angesichts der desaströsen Entwicklung schon seit Langem Druck. Und auch Kleinanleger, die sich am Streubesitz der Thyssenkrupp-Aktien beteiligt haben, dürften spätestens angesichts des anstehenden Dax-Rauswurfs allmählich die Geduld verlieren.

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