Montag, 21. Oktober 2019

Börsenhändler in der Provinz Hochgeschwindigkeits-Zocker zieht es ins ländliche England

Ländliches England: Fuchsjagd statt urbanes Leben? Für manchen High Frequency Trader ist etwa das britische Richborough attraktiv - aber nicht wegen der Ruhe und der Rosenhecken

Sie sind still und sie werden immer mehr. Hochgeschwindigkeitshändler sind eine Spielart des Computerhandels an der Börse. Allerdings eine Spielart, die es in sich hat. Denn sie haben ihre Rechner derart hochgerüstet, dass sie in der Lage sind, Transaktionen in Millisekunden auszuspeien: Kaufen, Verkaufen, alles kein Problem. Und deshalb auch im ebenso rasenden Tempo in Wertpapiere ein- und aussteigen können. So sollen marginale Bewertungsunterscheide ausgenutzt werden. Diese Bewertungsunterschiede sind zwar sehr klein, aber bei entsprechenden Volumina brummt das Geschäft. In den USA sollen schon 30 Prozent des Börsenhandels in den Händen der HFT sein, der "High Frequency Trader".

Dieser Turbohandel funktioniert umso besser, je näher die Rechner der Händler der Börse sind, wo die Daten generiert werden. "Colocation" nennt es sich, wenn diese Händler zum Beispiel von den Börsen Serverplätze anmieten, um so nah wie möglich am Geschehen zu sein und den Bruchteil einer Sekunde vor der Konkurrenz Signale zu empfangen und handeln zu können.

Je näher, umso besser. Umso schräger, dass es HFT nun nach Richborough in der Grafschaft Kent zieht. Schöne Dörfer, rosenumrankte Pubs, ja - aber Finanzen? So ist es, berichtet "Bloomberg".

Zum einen, weil die Büromiete dort nur einen Bruchteil dessen ausmachen dürfte, was in der Londoner "square mile" zu zahlen ist. Und zum anderen, weil High Tech den Stadtstandort überflüssig machen kann - siehe Richborough. Dort will man nun einen großen Funkmast errichten. Er soll die Hochgeschwindigkeitsanbindung Kents ausgerechnet auch an die Börse Frankfurt gewährleisten - quasi mit Lichtgeschwindigkeit.

Ein Platz ganz nah an der Börse wäre damit überflüssig. Doch über 300 Meter hoch muss der Mast dann schon werden. Für die Großteils amerikanischen Investoren ein "must", für die Dörfler eher Frust.

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Vigilant Global, Teil von DRW Holdings, hatte einen entsprechenden Antrag bereits im Januar gestellt. New Line Networks, ein joint venture zwischen Jump Trading und KCG Holdings, zog im Mai nach. Bei zwei anderen Investoren stehen die Anträge noch aus.

Beliebt machen sie sich damit in Richborough nicht. "Ich glaube nicht, dass so etwas die Gegend zu einem Ort macht, wo Menschen gerne Urlaub verbringen", sagt Dörfler Henry Quinn.

Im kommenden Monat soll über den Bau entschieden werden. Es bleibt die Frage, ob die Amerikaner schon einmal von Donald MacKenzie gehört haben. Der ist Soziologe von der Universität Edinburgh und hatte bereits vor zwei Jahren beobachtet, dass diese Art der Datenübertragung, in Amerika längst weit verbreitet, zumindest in London nicht funktioniert. Wegen des britischen Nieselregens. Henry Quinn dürfte es freuen.

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