Faurecias Fusionsplan "Wir brauchen Hella - und Hella braucht uns"

Mit der Hella-Übernahme rückt Faurecia in die Top 5 der Autozulieferer in Europa vor. Die Hella-Gründerfamilie wird vor den Agnellis größter Einzelaktionär des französischen Konzerns. Was der Deal für Hella-Mitarbeiter, Standorte, für Konkurrenten wie Bosch und für die künftige Strategie bedeutet.
Hella-Werk in Lippstadt: Faurecia-Chef Patrick Koller die Abhängigkeit vom Verbrennungsmotor reduzieren

Hella-Werk in Lippstadt: Faurecia-Chef Patrick Koller die Abhängigkeit vom Verbrennungsmotor reduzieren

Foto: Hella/ dpa

Der französische Autozulieferer Faurecia will mit der Übernahme des deutschen Scheinwerferspezialisten Hella schneller den Weg ins Elektroautozeitalter finden. "Das Unternehmen ist nach dem Zusammenschluss klar auf die Megatrends der Branche ausgerichtet", sagte Faurecia-Chef Patrick Koller am Montag. "Wir brauchen Hella - und wir glauben, dass Hella auch uns braucht."

In vier Jahren sollen weniger als 10 Prozent des gemeinsamen Umsatzes vom Verbrennungsmotor abhängen, zurzeit ist es bei Faurecia noch ein Viertel. "Wir wollten mehr Elektronik, mehr Software", sagte Koller. Die beiden Firmen ergänzten sich - "das ist selten der Fall". Die Fusion sei auf Wachstum und nicht auf Sparen ausgerichtet: Der Umsatz soll binnen vier Jahren von 23 Milliarden auf 33 Milliarden Euro wachsen, bei einem Betriebsgewinn (Ebitda) von fünf Milliarden Euro. Die Franzosen erhoffen sich von Hella besseren Zugang zu deutschen Autobauern, Faurecia will Konkurrenten wie Bosch damit Marktanteile abnehmen. Hella wiederum soll bei Herstellern in China und Japan Fuß fassen, mit denen Faurecia gut im Geschäft ist.

Deshalb stehe auch kein Stellenabbau unter den zusammen rund 150.000 Mitarbeitern an, von denen 36.000 von Hella kommen und 13.000 in Deutschland arbeiten. "Die Arbeitsplätze und Standorte sind sicherer geworden, nicht unsicherer", sagte Hella-Chef Rolf Breidenbach (58), der auch in der Führung des fusionierten Konzerns eine wichtige Rolle spielen soll. Drei von sechs Faurecia-Sparten sollen künftig vom Hella-Firmensitz im westfälischen Lippstadt aus geführt werden. "Es ist eher mehr zu tun als weniger", beruhigte Breidenbach die Belegschaft.

Die Mehrheitseigentümer des Unternehmens, die Familie Hueck/Röpke, hatten am Wochenende Faurecia den Zuschlag für ihr 60-prozentiges Aktienpaket gegeben, zu einem Preis von 60 Euro je Aktie - insgesamt vier Milliarden Euro. Die übrigen Aktionäre bekommen ein Übernahmeangebot in der gleichen Höhe, vorher aber noch eine Dividende von 96 Cent. Hella wird damit insgesamt mit 6,8 Milliarden Euro bewertet.

Faurecia-Aktie steigt zweistellig, Hellas Kurs sinkt

Die im Nebenwerteindex MDax notierte Hella-Aktie fiel am Montagnachmittag um gut 3 Prozent auf leicht über 61 Euro, weil viele Aktionäre auf eine höhere Offerte spekuliert hatten. Seit das manager magazin im April über die Verkaufspläne berichtete , war die Aktie von rund 45 Euro bis auf das Rekordhoch von fast 69 Euro Anfang August gestiegen. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte zuletzt berichtet, Hella könnte mit bis zu acht Milliarden Euro bewertet werden.

Der Kurs von Faurecia hingegen stieg am Montag zweistellig, obwohl Koller die Übernahme mit einer Kapitalerhöhung um 800 Millionen Euro refinanzieren will.

Hella könnte von der Börse verschwinden

"Die Familie hat uns gesagt, dass zwei Themen für sie gleichwertig sind: das strategische Konzept und die finanziellen Bedingungen", betonte Koller. Neben 3,4 Milliarden Euro in bar bekommen die rund 60 Familienmitglieder Faurecia-Aktien, die sie mit zusammen neun Prozent zum größten Aktionär des Konzerns aus Nanterre machen - noch vor der italienischen Milliardärsfamilie Agnelli. Der französische Autobauer PSA Peugeot hatte seine Faurecia-Anteile im Zuge der Fusion mit dem italienisch-amerikanischen Hersteller Fiat Chrysler zu Stellantis an die Aktionäre abgegeben.

Die Hella-Eigentümerfamilien werden nach der Transaktion noch 9 Prozent der Faurecia-Anteile halten. "Diese Beteiligung unterliegt einer Sperrfrist von 18 Monaten", hieß es. Ein Vertreter der Familie werde Mitglied des Verwaltungsrats von Faurecia.

Faurecia will seine Schulden nach der Hella-Übernahme auch durch den Verkauf von Geschäftsteilen reduzieren. Dabei gehe es um Geschäftsteile mit einem Volumen von 500 Millionen Euro, sagte Faurecia-Chef Koller am Montag. Details nannte er nicht. Das Geschäft mit sauberer Mobilität stehe allerdings nicht zum Verkauf.

Der seit fünf Jahren amtierende Faurecia-Chef hat neben der französischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Von 1991 bis 1994 hat er selbst für Hella gearbeitet. Er machte den übrigen Hella-Aktionären wenig Hoffnung auf einen Gewinnabführungs- und Beherrschungsvertrag: Den Zugriff auf die Finanzen von Hella habe man aufgrund deren Rechtsform als Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) auch ohne einen solchen Vertrag, für den Faurecia eine Mehrheit von 75 Prozent auf einer Hauptversammlung bräuchte. Falls 95 Prozent der Aktionäre auf das Angebot eingehen, werde Hella von der Börse genommen.

Markenname Hella für den Gesamtkonzern?

Der traditionsreiche Markenname Hella, den seit 1986 auch das Unternehmen trägt, sei wertvoll und solle weiter genutzt werden, sagte Koller. Mehr noch: "Wir müssen uns überlegen, ob nicht ein neuer Name für die Gruppe Wert bringen könnte." Faurecia war 1999 aus der Fusion der Zulieferer Bertrand Faure und Ecia entstanden.

Die Hella-Aktionäre hatten im Frühjahr die Investmentbank Rothschild mit der Suche nach einem Käufer beauftragt. Die Familie Hueck übernahm 1923 die Mehrheit an der damaligen Westfälischen Metall-Industrie (WMI), die Petroleumleuchten und Hupen herstellte. "In dieser Zeit ist Hella in eine Dimension hineingewachsen, in der nicht nur Führung, sondern auch Kontrolle durch externe Kompetenz erforderlich ist", so Jürgen Behrend (72), der Sprecher der Gesellschafter. "Die Verantwortung der Familie gebietet es ihr daher, einen sicheren Hafen für Hella zu finden."

Der heute 72-Jährige hatte 2017 als letztes Familienmitglied die operative Führung von Hella abgegeben - nach 30 Jahren. Der Poolvertrag, in dem die Familie ihre Aktien nach dem Börsengang im Jahr 2014 gebündelt hatte, lief eigentlich bis 2024. Doch ein Nachfolger, der die Interessen der Familie hätte bündeln können, war nicht in Sicht.

Mit einem Volumen von 6,8 Milliarden Euro ist Hella die zweitgrößte Übernahme eines deutschen Unternehmens in diesem Jahr nach der Fusion der Wohnungsriesen Vonovia und Deutsche Wohnen. Doch wie viele Hella-Anteilseigner außerhalb der Familie das Angebot annehmen werden, ist offen.

la, ak/Reuters, dpa-afx
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