Dienstag, 2. Juni 2020

Corona und die Folgen Wer hat Angst vorm grünen Schwan?

Projektion von Schwänen (Werbung für Ballettaufführung) vor dem Finanzzentrum von Sydney
Jason Reed / Reuters
Projektion von Schwänen (Werbung für Ballettaufführung) vor dem Finanzzentrum von Sydney

Neue Krisen bringen neue Sprachbilder hervor. Der Börsencrash von 1929 ging als "Schwarzer Freitag" in die Geschichte ein. Der Ausbruch der Finanzkrise 2008 machte den Begriff "Schwarzer Schwan" populär. Damit bezeichnete der Statistiker Nassim Nicholas Taleb höchst unwahrscheinliche Ereignisse von großer Zerstörungskraft, die sich kaum vorhersagen lassen.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Nun könnte die Corona-Krise einer neuen Formel zum Durchbruch verhelfen: "Grüner Schwan". So nennt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die Bank der Notenbanken, mögliche desaströse Auswirkungen des Klimawandels. Im Januar veröffentlichten die Baseler Finanzvordenker eine Schrift unter dem Titel "The Green Swan". Auch die Corona-Pandemie haben sie inzwischen in diese Kategorie eingeordnet.

Es gebe ein paar entscheidende Unterschiede zwischen einem Schwarzen und einem Grünen Schwan, erklärte BIZ-Vize Luiz Awazu Pereira da Silva. Grüne-Schwan-Ereignisse sind danach so radikal in ihrer Zerstörungskraft, dass sie auch radikal neue Politikansätze erforderten.

Die Finanzkrise von 2008 und die folgende Rezession in vielen westlichen Ländern wären demnach nur ein leises Vorspiel der Paukenschläge, die uns jetzt - und in Zukunft womöglich häufiger - ereilen. Die Menschheit müsse sich auf diese Ära der Großkrisen einstellen, fordert die BIZ. Einige Schlussfolgerungen sind gerade für die EU von Bedeutung (dazu etwas weiter unten mehr).

Wir Ignoranten

Gemeinsam ist den Risiken schwarzer und grüner Sorte, dass Menschen sie gern ignorieren. Wir blenden die Möglichkeit einer Katastrophe aus und konzentrieren uns auf das Bekannte und das Unmittelbare, nicht auf das Unbekannte und das Unwahrscheinliche. Falls ein Desaster dann doch zuschlägt, bleibt uns nichts anderes übrig als zu improvisieren.

Das kann klappen, muss es aber nicht. Während die Auswirkungen eines Schwarzer-Schwan-Ereignisses sich auf Börsen und Wirtschaft beschränkten - und daher leichter in den Griff zu bekommen seien -, habe die grüne Variante "direkte und massive Auswirkungen auf menschliches Leben", womöglich gar auf ganze Zivilisationen, so BIZ-Vize da Silva. Die Wechselwirkungen seien so komplex, dass sie sich nicht "vollständig verstehen" ließen.

Die Menschheit erlebt es gerade beim Corona-Debakel. Seit vielen Jahren fanden sich immer wieder Hinweise auf Pandemien in internationalen Konjunkturprognosen. Gesundheitsbehörden versuchten sich in Planspielen auf globale Seuchen vorzubereiten. Aber so richtig ernstgenommen hat die Szenarien niemand. Kein Wunder: In der Realität blieb die Gefährdung hinter den Horrorszenarien zurück. Es gab Aids, Sars, Mers, Ebola. Doch letztlich blieben die Schäden, die diese Erreger anrichteten, begrenzt.

Noch im Januar zählte der globale Risikobericht des Weltwirtschaftsforums "Infektionskrankheiten" zu den möglichen, aber eher unwahrscheinlichen Bedrohungen der Menschheit. Zu dieser Zeit gab es bereits erste Berichte aus China über den Ausbruch einer neuen ansteckenden Krankheit, die wenig später Covid-19 getauft wurde.

Nun sind, soweit bekannt, bereits mehr als 300.000 Menschen weltweit daran gestorben. Die Krankenhauskapazitäten reichen in vielen Ländern nicht aus. Sogar simple Schutzausrüstungen wie Atemschutzmasken sind knapp. Währenddessen kollabiert die Wirtschaftsleistung, die Arbeitslosigkeit steigt sprunghaft, eine beispiellose Pleitewelle rollt heran. Ärmere Länder befürchten Hungersnöte. Und es ist noch kein Ende in Sicht.

Ein Grüner Schwan schlägt heftig mit den Flügeln.

Viren, Meteore, Fluten

Während Schwarze-Schwan-Ereignisse mit geringer Wahrscheinlichkeit auftreten und ihren Ursprung vor allem auf den Finanzmärkten haben, treten Grüne Schwäne mit annähernder Sicherheit ein: Dass es irgendwann soweit kommen wird, ist unausweichlich - nur lässt sich leider nicht seriös prognostizieren, wann genau was geschehen wird.

Ein Extrembeispiel: Irgendwann wird der nächste große Meteor einschlagen, eine gigantische Staubwolke aufwirbeln und große Teile des Lebens auf dem Planeten bedrohen. Das ist in der Erdgeschichte immer wieder vorgekommen, allerdings nur alle paar Millionen Jahre. Sich darauf vorzubereiten, ist extrem schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Das Meteor-Beispiel illustriert ein weiteres Problem: Grüner-Schwan-Ereignisse sind ihrer Definition nach global. Covid-19 ignoriert alle Staatsgrenzen und befällt Menschen unabhängig von Ort und Nationalität. Ein rascherer Anstieg der Meeresspiegel infolge des Treibhauseffekts hätte Fluten und Überschwemmungen rund um den Globus zur Folge. Viele solcher Katastrophenszenarien sind denkbar. Wie geht man damit um?

Wir müssten alle umdenken, sagt die BIZ. Wegen der "globalen Natur der Grünen Schwäne" bedürfe es grundlegend veränderter "Modelle und Denkweisen", damit neue Formen enger Zusammenarbeit möglich würden. Der Menschheit stünden Risiken bevor, die eine "neue Landschaft der Kooperation" erforderten.

Denkt man diesen Gedanken weiter, kommt man zu einer fundamentalen Frage: Was macht eigentlich einen Staat aus?

Nationale Momente

Bislang ist Krisenmanagement zuallererst Sache der Nationalstaaten. Im Zuge der Corona-Krise ist das auch innerhalb der EU zu beobachten: Als die Pandemie ein europäisches Land nach dem anderen traf, kümmerte sich jeder Staat zunächst um seine eigenen Angelegenheiten, teils ohne große Rücksicht auf die Nachbarn. Grenzen wurden geschlossen, Exportverbote für medizinisches Material verhängt, Rettungsschirme für Unternehmen und Jobs aufgespannt. Die Bundesrepublik war übrigens in all diesen Punkten ganz vorn dabei.

Zuerst ging es nur um uns selbst, erst nach einigem Nachdenken auch um die Partner in Europa - was die Risse innerhalb der EU nicht gerade verkleinert hat. Damit löst die medizinische Krise zusätzliche Probleme aus: Der Binnenmarkt zerfasert, die Reisefreiheit wird eingeschränkt; auf den Euro kommt angesichts der sich verschärfenden Unwuchten innerhalb der Währungsunion ein erneuter Stresstest zu.

Die aktuelle Lage zeigt, wie weit wir von einer neuen weltumspannenden "Landschaft der Kooperation" à la BIZ entfernt sind: Ein globaler Schock, der Europa gemeinsam trifft, führt zu Auflösungserscheinungen der bestehenden Ordnung und macht die Sache damit noch schlimmer. Zwischen den Weltmächten USA und China verschärfen sich die Animositäten und die nationaltönende Rhetorik. (Achten Sie auf den chinesischen "Volkskongress" ab Freitag.) Die virusbedingte globale Rezession, die schwerste seit Generationen, wird sich massiv verschärfen, wenn sich die davon ausgehenden politischen Verwerfungen weiter zuspitzen.

Es mag ja sein, dass der Menschheit ein Zeitalter der Grüner-Schwan-Krisen bevorsteht. Aber im Zweifel gewinnt immer noch das nationale Moment die Oberhand - wodurch am Ende alle verlieren.

Wozu sind die Staaten da?

Staaten sind zuvörderst dazu da, ihren Bevölkerungen Schutz zu bieten. Einzelne Bürger sind angesichts des Unvorhergesehen und des Unwahrscheinlichen überfordert. Wenn staatliche Institutionen an dieser Aufgabe scheitern, verlieren sie Legitimität und Glaubwürdigkeit.

Das Nationalstaatsprinzip basiert auf der Vorstellung, dass "alle Staatsgewalt vom Volke" ausgeht, wie es in Artikel 20 des Grundgesetzes heißt. Dafür braucht es eine Bevölkerung, die sich als Volk empfindet. Ein Volk wiederum braucht eine gemeinsame Erzählung, typischerweise eine nationale Geschichte, die gesamtgesellschaftliche Solidarität begründet. Nur dann kann nach gängiger Lehre echte Demokratie herrschen.

Innerhalb der EU seien diese Bedingungen (noch) nicht gegeben, hat das Bundesverfassungsgericht immer wieder geurteilt. Deshalb könne Europa sich nicht stärker integrieren, ohne die Demokratie auszuhöhlen. Auch das umstrittene jüngste Karlsruher Urteil in Sachen EZB-Anleihekäufen fällt in diese Argumentationslinie.

Es ist nur so: Wenn die nationale Demokratie die Bevölkerungen nicht mehr hinreichend schützen kann, dann zerbröselt ihre Legitimität. Am Ende hätten wir weder Sicherheit noch Demokratie. Eigentlich sind wir längst auf diesem abschüssigen Pfad - die autoritären Strömungen in vielen Ländern lassen grüßen.

Für Europa kann es deshalb bei Licht besehen nur einen Weg geben: nach vorn. Die EU ist dort stark, wo die Gemeinschaftsebene exklusive Kompetenzen besitzt: Wettbewerbspolitik, Handelspolitik, auch Geld und Währung. In diesen Bereichen ist Europa ein globaler Faktor: Als größte Handelsmacht mit dem größten Binnenmarkt und der zweitwichtigsten Weltwährung setzt sie weltweit Standards. Ein neuer EU-Vertrag sollte diese Erfahrungen als Ansporn nehmen und mehr Kompetenzen eindeutig auf europäischer Ebene ansiedeln. Parallel dazu müssten EU-Parlament und Kommission gegenüber den Mitgliedstaaten deutlich gestärkt werden.

"Es ist an der Zeit, die europäische Integration vom Kopf auf die Füße zu stellen", haben mein Kollege Wolfram Richter und ich vor einiger Zeit gefordert. Im Zeitalter der Grünen Schwäne gilt ist dies umso mehr.

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