Europa sagt Ja zu Verhandlungen über Hellas-Hilfspaket Politik schafft Chancen auf weitere Kursgewinne

Die griechische Kuh scheint vom Eis - die Verhandlungen über ein drittes Hilfspaket können beginnen. Das schärft den Blick der Investoren für andere Themen. Die Berichtssaison etwa könnte positiv überraschen, es bleiben aber Gefahren.
Von Arne Gottschalck und Lutz Reiche
Abstimmung: Eine Mehrheit der Parlamentarier - nicht nur im Bundestag, sondern auch in anderen Parlamenten Europas - hat für Verhandlungen mit Griechenland gestimmt. Die Basis für ein drittes Hilfspaket ist somit gelegt. Die Börse hat diese Entwicklung zuletzt mit kräftigen Kursgewinnen quittiert

Abstimmung: Eine Mehrheit der Parlamentarier - nicht nur im Bundestag, sondern auch in anderen Parlamenten Europas - hat für Verhandlungen mit Griechenland gestimmt. Die Basis für ein drittes Hilfspaket ist somit gelegt. Die Börse hat diese Entwicklung zuletzt mit kräftigen Kursgewinnen quittiert

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Griechenland - immer wieder Griechenland. Mag das Land noch so klein und von seiner Wirtschaftskraft für die europäische Währungsunion im Grunde vergleichsweise unbedeutend sein, so hat sein Schicksal in den vergangenen Wochen die Börsen doch kräftig durchgerüttelt.

Ließ das Gezerre im Schuldenstreit mit dem zeitweiligen Abbruch der Verhandlungen und folgendem Referendum den Dax in der letzten Juni-Woche noch drastisch abstürzen, zeigt das deutsche Börsenbarometer seit dem 6. Juli wieder steil nach oben. Gut 1000 Punkte hat der deutsche Leitindex seitdem wieder aufgeholt.

Gleich mehrere nationale Parlamente - so auch der Deutsche Bundestag - haben nach dem Ja der Griechen zum harten Reformprogramm am Freitag für den Beginn von Verhandlungen für ein drittes Hilfspaket gestimmt. Die sind zweifelsohne kein Selbstgänger und der Widerstand in der Union ist groß. Wolfgang Schäubles viel kritisierte Grexit-Variante auf Zeit ist vielleicht vom Tisch, aber immer noch in der Schublade.

Vorläufiges Happy End also. Der Fokus ein wenig weg von Griechenland könnte nach Meinung mancher Börsianer sogar den Weg für weitere Kursgewinne freimachen. Anleger seien zunehmend gewillt, wieder Risiken einzugehen, sagt etwa Markus Huber vom Brokerhaus Peregrine & Black.

Hellas-Krise verliert vorerst an Brisanz - Fokus richtet sich auf Berichtssaison

Für die nächste Zeit zumindest scheint der befürchtete Ausstieg Griechenlands aus der Währungsunion (Grexit) deutlich an Schrecken verloren zu haben. "Die Politiker scheinen ihre Lektion gelernt zu haben", schreibt James McCann von Standard Life Investments. Weil sie die Gefahr nicht auf die leichte Schulter nähmen. Entsprechend beobachtet auch NN Investment Partners Zuflüsse in europäische Aktien.

Und glaubt man den Auguren, hält die jetzt anrollende Berichtssaison durchaus Positives parat. Die Commerzbank etwa geht davon aus, dass in den kommenden Wochen die Gewinnerwartungen für die Dax-Unternehmen weiter steigen. Auch weil der schwache Euro die Sorgen um China mehr als ausgleiche.

Doch es gibt noch andere Gefahren für die Börse. Und die drohen über dem steten Griechenland-Fokus aus den Augen zu geraten. China schien zuletzt so eine Gefahr gewesen zu sein, als die Börse rutschte. Doch vielleicht lauert die Gefahr für den Dax auch in einer anderen Ecke?

"Investmentfonds, Hedgefonds und ETFs sind Teil des sogenannten Schattenbankensystems", barmt zum Beispiel Bill Gross, ehedem Pimco-Star-Investor und nun Fondsmanager bei Janus. "Für diese modernen 'Banken' gelten weder strenge Eigenkapitalregeln noch müssen sie bestimmte Liquiditätsreserven für den Notfall vorhalten." Und sie bündeln so viel Geld, dass sie "im Fall der Fälle nur an sich selbst verkaufen können, ohne dass die US-Notenbank die Möglichkeit hätte mit Hilfsmaßnahmen einzugreifen."

Griechenland, China, Schattenbanken - was also machen aus dieser Gemengelage?

Von Odysseus lernen

Zwei Gefahrenquellen für die Börse: Auf der einen Seite die Griechen und das Grexit-Szenario, durch das mythologische Untier "Skylla" dargestellt. Ihm gegenüber "Charybdes". Vielleicht die Wirtschaft Chinas? Oder die Schattenbanken?

Zwei Gefahrenquellen für die Börse: Auf der einen Seite die Griechen und das Grexit-Szenario, durch das mythologische Untier "Skylla" dargestellt. Ihm gegenüber "Charybdes". Vielleicht die Wirtschaft Chinas? Oder die Schattenbanken?

Foto: Corbis; Reuters

Sich an die, ausgerechnet, griechische Sagenwelt erinnern. In der Odyssee, die jahrelange Irrfahrt des Odysseus, wird folgendes Szenario geschildert: An einer Meerenge zwischen zwei Felsen hockt auf der einen Seite das drachenbezahnte Monster Skylla, auf der anderen das Untier Charybdis, das Wasser in großen Mengen ein- und ausatmet und so Schiffe versenkt.

Auf der einen Seite also die Gefahr des "Grexit", eines Ausscheidens Griechenlands aus dem Euro-Raum - mitsamt der damit verbundenen Risiken, zum Beispiel für den deutschen Staatshaushalt. Auf der anderen Seite das Risiko, dass Schattenbanken zu erheblichen Unwuchten an den Finanzmärkten führen, wie am Donnerstag auch der Großinvestor Icahn skizzierte. Oder dass Chinas Wachstum eben weiter an Kraft verliert.

Geschickte Navigation zwischen den beiden Felsen ist also gefragt. Henderson-Fondsmanager John Bennett formuliert es so: "Als Anleger müssen wir einen kühlen Kopf bewahren und die Dinge in die richtige Perspektive rücken."

Tot stellen gilt nicht, auch wenn es die einfachste Variante wäre. Denn in dem niedrigen Zinsumfeld entgehen allein deutschen Sparern unter der Annahme eines um 2 Prozent niedrigeren Zinsniveaus in fünf Jahren mehr als 200 Milliarden Euro auf ihre gesamten Spareinlagen. "Pro Haushalt sind das mehr als 5600 Euro", rechnet die Union Investment in einer Erhebung vor.

Blind ins Risiko zu stürmen, wäre aber ebenso falsch. Zwar bleiben "risikotragende Assets attraktiv", schreibt Christian Heger, Chief Investment Officer bei HSBC Global Asset Management Deutschland. Das Gerangel um den Verbleib Griechenlands in der Eurozone aber habe die Ausgangslage an den Kapitalmärkten nicht verändert.

Es muss die richtige Mischung gefunden werden. Mit einem Teil des Vermögens also ins Risiko gehen, um höhere Erträge zu erwirtschaften. Und mit einem anderen vorsichtig bleiben.

Sollten Skylla oder Charybdis zuschnappen, erwischen sie nur einen kleinen Teil des Vermögens. Das war übrigens auch die Lösung in der antiken Sagenwelt. Odysseus schaffte es dank geschickter Navigation, zwischen den beiden Gefahrenquellen Skylla und Charybdis hindurchzuschlüpfen - wenn auch sechs Mann seiner Besatzung gefressen wurden.