Börsenprofi Carsten Mumm erklärt So verlässlich sind "sichere Häfen" in der Corona-Krise

Von Carsten Mumm
Begehrt in Krisenzeiten: Gold hat sich während der Corona-Pandemie aus Anlegersicht gut entwickelt.

Begehrt in Krisenzeiten: Gold hat sich während der Corona-Pandemie aus Anlegersicht gut entwickelt.

Foto: Sven Hoppe/ picture alliance / dpa

Die Corona-Krise beherrscht seit Wochen die Schlagzeilen und hat zu ungeahnten, vielfach historisch beispiellosen Entwicklungen geführt: weltweit verordnete Shutdowns mit der Folge einer heftigen globalen Rezession, Tiefststände bei wichtigen Stimmungsindikatoren (wie dem Ifo-Geschäftsklima oder dem GfK-Konsumklima), deutliche Anstiege der Arbeitslosen- und Kurzarbeiterzahlen sowie enorme Rettungspakete von Geld- und Fiskalpolitik. Auch an den Kapitalmärkten hinterließ die Krise ihre Spuren, unter anderem mit einem Einbruch vieler Aktienindizes um bis zu 40 Prozent innerhalb kürzester Zeit.

Carsten Mumm
Foto: Donner & Reuschel

Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Anleger, die schon vorher zumindest zum Teil auf die sogenannten "sicheren Häfen" gesetzt hatten, konnten in dieser Phase etwas entspannter sein. Dabei handelt es sich um Kapitalanlagen, die gerade in turbulenten Zeiten verstärkt gefragt sind und daher oftmals im Kurs steigen, wenn beispielsweise Aktien oder andere Anlagekategorien größere Verluste zu verzeichnen haben.

Der klassische sichere Hafen ist seit Jahrhunderten das Gold. Entsprechend stieg der Goldpreis seit Anfang 2020 um über 10 Prozent auf mehr als 1700 US-Dollar pro Feinunze an. In den letzten Wochen war jedoch vor allem physisches Gold - also Barren oder Münzen - so gefragt, dass zeitweise kaum noch nachgeliefert werden konnte und es sogar im Vergleich zu den Börsenkursen zu weiteren deutlichen Preisaufschlägen kam. Für das Edelmetall spricht, dass es nicht unbegrenzt reproduzierbar ist, einen allgemein anerkannten Status als Wertaufbewahrungsmittel hat und seit jeher dem Schutz vor Inflation dient.

In die Kategorie der sicheren Häfen fallen aber traditionell auch einige Währungen, etwa der Schweizer Franken, der japanische Yen oder der US-Dollar. Tatsächlich konnten alle drei Währungen seit Anfang 2020 gegenüber dem Euro zumindest leicht aufwerten. Am besten entwickelte sich der Yen mit einem Plus in Höhe von knapp 5 Prozent. Eine deutlichere Kursentwicklung blieb vermutlich aus, da diese Währungen bereits seit Anfang 2018 gegenüber dem Euro um bis zu 15 Prozent zugelegt hatten.

Wenn Fluchtbewegungen einsetzen, spielen Renditeaspekte nur eine untergeordnete Rolle, erkennbar an den zumeist ebenfalls niedrigsten Zinsniveaus in den Zufluchts-Währungsräumen. So liegt die gesamte Renditekurve für Schweizer Staatsanleihen bis einschließlich 50 Jahren Laufzeit tief im negativen Bereich. Der Leitzins der Schweizer Notenbank SNB liegt seit Jahren bei minus 0,75 Prozent. In Japan liegen die Renditen für Staatsanleihen bis zu zehn Jahren Laufzeit unterhalb der Nulllinie und auch in den USA wurden die Leitzinsen im Zuge der Corona-Krise um 1,50 Prozentpunkte auf nahe Null reduziert, während zehnjährige US-Staatsanleihen gerade noch mit 0,65 Prozent rentieren.

Im Falle Japans kann selbst die rekordhohe Staatsverschuldung in Höhe von knapp 250 Prozent bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt dem Status des Yen als sicherer Hafen nichts anhaben. Da der Großteil der Staatsanleihen in den Händen japanischer Pensionsfonds und der japanischen Notenbank liegt, steht die Zahlungsfähigkeit des Staates und damit die Stabilität der Währung offensichtlich nicht infrage.

Zu den Zufluchtsorten in Krisenzeiten gehören zudem viele Staatsanleihen selbst, beispielsweise deutsche Bundesanleihen aufgrund ihres einwandfreien AAA-Bonitätsratings. Mit der steigenden Nachfrage gehen bei Anleihen höhere Kurse und im Umkehrschluss fallende Renditen einher. Folglich fielen die Renditen bei zehnjährigen Bundesanleihen von minus 0,18 Prozent Ende 2019 bis auf minus 0,90 Prozent Mitte März. Aktuell liegt die Rendite einer beispielhaften Anleihe unter minus 0,50 Prozent. Der Kurs einer am 10. Januar 2020 zu einem Kurs von 100 Prozent emittierten Bundesanleihe mit einem Kupon von 0 Prozent und Fälligkeit am 15. Februar 2030 stieg bis Mitte März auf über 106 Prozent an und liegt derzeit noch immer bei etwa 103 Prozent deutlich im Plus.

Anders als noch im Jahr 2018 konnte zumindest im laufenden Jahr auch die Beimischung von Bitcoin einen risikodiversifizierenden Effekt erzeugen, wenngleich überwiegend ein Gleichlauf zu den Aktienmärkten mit einer deutlich höheren Schwankungsbreite zu verzeichnen war. So stieg der Preis der Kryptowährung von 7275 US-Dollar am Jahresanfang zunächst über die 10.000er-Marke, um dann innerhalb eines Monats auf 4600 US-Dollar Mitte März abzustürzen. Nach der folgenden Aufholbewegung konnten die Jahreshöchststände fast wieder erreicht werden. Damit ergibt sich seit Jahresanfang ein Kursgewinn in Höhe von immerhin etwa 35 Prozent.

Der Bitcoin-Kursverlauf verdeutlicht allerdings einen im Zuge der Corona-Krise aufgetretenen Schwachpunkt vieler sicherer Häfen. Ausgerechnet am Höhepunkt der Verunsicherung kam es in der ersten März-Hälfte zu einem zwischenzeitlichen deutlichen Rücksetzer, nicht nur bei vielen Kryptowährungen, sondern auch bei Bundesanleihen und sogar beim Goldkurs, der innerhalb von zwei Wochen von 1670 auf 1470 US-Dollar nachgab.

Hintergrund dieser Entwicklung waren zwischenzeitliche Liquiditätsnöte einiger großer Marktteilnehmer im Zusammenhang mit einer zeitweise nicht normal funktionierenden Preisfeststellung in einigen Marktsegmenten. Insbesondere Anleihen waren zwischenzeitlich nicht mit der gewohnten Liquidität handelbar, da sowohl Angebot als auch Nachfrage nur noch reduziert vorhanden waren. In besonders turbulenten Zeiten wird die Preisfeststellung erschwert, weil die Ermittlung fairer Werte bei vielen Investments kaum möglich ist. Wer in dieser Marktphase dringend Liquidität benötigt, also Kapitalanlagen verkaufen muss, weicht auf noch funktionierende Marktsegmente aus und verkauft notgedrungen die Wertpapiere, die überhaupt noch liquide handelbar sind.

Eine weitere Besonderheit zeigte in den letzten Wochen der Kurs der Norwegischen Krone (NOK), grundsätzlich auch eine zu den sicheren Häfen zählende Währung. Nach einer jahrelangen Seitwärtsbewegung zwischen neun und zehn EUR/NOK wertete die Krone zwischen Mitte Februar und Mitte März deutlich auf 12,31 EUR/NOK ab. Diese Bewegung wurde durch eine parallel zur Corona-Krise stattfindende krisenartige Entwicklung, den Zusammenbruch der Rohölpreise, befeuert und zeigt, dass spezifische Ursachen die Funktion der sicheren Häfen zwischenzeitlich außer Kraft setzen können.

Trotzdem, wer den immer wieder eintretenden, teilweise heftigen Stürmen an den internationalen Kapitalmärkten, insbesondere an den Aktienbörsen, nicht schutzlos ausgeliefert sein möchte, kann durch die Beimischung der genannten Anlagen eine Stabilisierung des Depots erreichen. Zwar übersteigen die Verluste aus Aktien in Crash-Phasen oftmals die Gewinne der sicheren Häfen. Trotzdem hilft schon der teilweise Verlustausgleich, die Turbulenzen emotional entspannter durchzustehen, um bei besserer Sicht wieder von steigenden Aktienkursen zu profitieren.

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